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24. Mai 2009, 14:39 Uhr

Genaue Prüfung der Stasi-Akten gefordert

Nur ein Zufall brachte die Stasi-Akte des Todesschützen von Benno Ohnesorg ans Licht - knapp 20 Jahre nach dem Fall der Mauer. Jetzt mischen sich in die Debatte über die Stasi-Vergangenheit des West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras neue Töne.

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Archivbild: Das Passfoto aus dem SED-Mitgliedsausweis des Westberliner Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras© Fritz Reiss/AP

Die Enthüllungen über die Spitzel-Vergangenheit des Todesschützen von Benno Ohnesorg haben die Debatte über die Aufarbeitung der Stasi-Aktivitäten neu entfacht. Der Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat, Klaus Schroeder, warf der Stasiunterlagen-Behörde von Marianne Birthler vor, die Akten nicht systematisch zu erschließen. Es sei ein Skandal, dass nur zufällig entdeckt worden sei, dass der West-Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der Ohnesorg 1967 erschoss, Stasi-Mitarbeiter war. Schroeder ging davon aus, dass weiteres brisantes Material in den Archiven schlummert. "Jeder, der die Möglichkeit hat zu forschen, der kann forschen", so Birthler.

Weiteres brisantes Material vermutet

Zugleich wurde eine weitere Aufklärung des Falles gefordert. Es müsse geprüft werden, ob der DDR-Geheimdienst Kurras' Verurteilung verhindert habe, verlangte der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele dem "Hamburger Abendblatt". Kurras war in zwei Verfahren 1967 und 1970 mangels Beweisen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen worden. Ex-Innenminister Otto Schily, früher Rechtsanwalt von Ohnesorgs Vater, glaubt jedoch nicht, dass der Fall strafrechtlich neu aufgerollt wird. "Das würde schon an der objektiven Beweisaufnahme scheitern", sagte er der "Stuttgarter Zeitung". In der "Bild am Sonntag" sah Schily aber Klärungsbedarf: "Sollte der Mann womöglich gezielt provozieren? Sollte er die gesellschaftlichen Spannungen in Westdeutschland und in Westberlin verschärfen?"

Nach Erkenntnissen von Forschern der Stasiunterlagen-Behörde hatte sich Kurras bereits 1955 gegenüber dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verpflichtet, die West-Berliner Polizei auszuspähen. Zudem war sein SED-Mitgliedsausweis gefunden worden.

Kurras bleibt uneinsichtig

Der heute 81-Jährige bestätigte in der "Bild am Sonntag" seine SED-Mitgliedschaft und sagte zu seiner zunächst bestrittenen Spitzeltätigkeit: "Und wenn ich für die Staatssicherheit gearbeitet habe? Was macht das schon. Das ändert nichts!" Über den Vizevorsitzenden der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Carl-Wolfgang Holzapfel, der ihn wegen Mordes angezeigt hatte, sagte er: "Den hätte Erich Honecker früher mal richtig verurteilen sollen." Vom Vorsitzenden der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, Rainer Wagner, wurde Kurras zudem wegen Spionage angezeigt.

Dem Forschungsbericht zufolge hat Kurras alias IM "Otto Bohl" Informationen über Mitarbeiter, Ausbildung, Befehle und Einsatzpläne der West-Berliner Polizei verraten. Seine Spitzeldienste wurden laut Bericht jahrelang vergütet, was Kurras heute bestreitet: 1960 beispielsweise mit 2310 D-Mark. Einen Großteil der Zuwendungen habe Kurras für seine Waffensammlung ausgegeben, heißt es weiter. Berlins früherer Regierender Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) forderte in der "Welt am Sonntag", Kurras' Pensionsbezüge als Beamter zu überprüfen.

Kritik an Birthler-Behörde

Prof. Schroeder vom Forschungsverbund der Freien Universität Berlin kritisierte Birthlers Behörde: "Um es vorsichtig zu sagen: In der Behörde wird das Material sehr zurückhaltend erschlossen und nicht nach neuesten Methoden." Die Akten sollten für eine systematische Aufarbeitung schnell an das Bundesarchiv übergeben werden. "Es ist schon merkwürdig, dass eine Behördenchefin bei einem so brisanten Fall wie Kurras nicht selbst Stellung bezieht", sagte Schroeder. Der Wissenschaftler Helmut Müller-Enbergs aus ihrer Behörde hatte seine brisanten Erkenntnisse allein an die Öffentlichkeit gebracht.

Auch der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, erklärte, die Erschließung der Stasi-Papiere sei "unbefriedigend". Schroeder forderte, die Westarbeit der Stasi aufzuarbeiten. "Zu den deutsch-deutschen Verstrickungen traut sich aber keiner so richtig ran in der Stasi-Unterlagenbehörde."

15.000 Säcke mit zerrissenen Stasi-Akten

Damit dürfte der Streit um die Zukunft der Behörde wieder aufleben. Ein Großteil der Akten aus der Stasi-Zentrale in Berlin- Lichtenberg und ihren Bezirksdienststellen waren nach der Wende von Bürgerrechtlern vor der Vernichtung gerettet worden. Experten gehen davon aus, dass auch in den rund 15.000 Säcken mit zerrissenen Stasi- Papieren noch geheime Informationen stecken.

Birthler will die Behörde bis mindestens bis zum 30. Jahrestag des Mauerfalls 2019 erhalten. Der zuständige Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hatte im Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung dafür plädiert, die Akten mittelfristig ins Bundesarchiv zu geben. Zunächst soll nach der Bundestagswahl eine Expertenkommission über die Zukunft der Einrichtung nachdenken.

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
auwei (25.05.2009, 12:05 Uhr)
@huxley_82
Niemand "Linkes" regt sich auf - das sind eher die Rechten,die hysterisch nach einer Neubewertung schreien. Dass die DDR, ein in weiten Teilen real existierender reaktionärer Unrechtsstaat, versucht hat, sich die westdeutsche Protestbewegung zunutze zu machen, kann nur Naive erstaunen. Dass ihr die westdeutsche Rechte mit der überzogen harten (Polizei-)Reaktion in die Hände gespielt hat, ist ebenfalls weder neu noch erstaunlich. Erstaunlich ist nur, dass Kurras in ihren Augen so lange der Gute, der "Bewahrer der Freiheit" war, wie sein Parteibuch unbekannt war. Er hat immerhin einen protestierenden "Chaoten" erschossen (aber der war bestimmt auch Teil der DDR-Verschwörung). So what? Der Rest: siehe HenningOL.
Plancklala (25.05.2009, 11:30 Uhr)
Auch die DDR ist Deutschland, auch vor 1945 ist Deutschland. Ein Brei, ein Scheiß, ein Tritt.
So wie man einen Demjaniuk für den 60 Geburtstag von einem Buch braucht, so braucht man einen Kurraz für den 20 Todestags der Mauer.
Das Kurraz nicht verurteilt wurde, weil er Polizist war, wird sich dabei nie ändern. Bandenschutz für Bandenmitglieder bzw. ganz klassisch: Deutsche Polizei "schießt" nicht auf deutsche Polizei.
Der Demjaniuk ist der beweis dafür, dass das GG das negativ zum Dritten Reich darstellt, was dialektischer Blödsinn ist, während man noch genug dieser Sorte in ihren Wohnungen in deutschen Landen sitzen hat, aber was für ein Aufsehen hätte das schon in der internationalen Wahrnehmung. Den Kurras braucht man um auch die dunkelsten Momente des einzig wahren Deutschlands umzumoddeln in einen Konflikt zwischen dem richtigen Rechtsstaat und dem falschen Unrechtsstaat. Frei nach dem Motto: Hitler war gar kein Deutscher, sondern Österreicher.
Es gab und gibt in der Geschichte nur ein Deutschland.
Huxley_82 (25.05.2009, 11:18 Uhr)
Schon lustig
Wie sich unsere linksgerichteten Mitmenschen plötzlich aufregen, und meinen das wär doch schon viel zu lange her und interessiert doch eh keinen mehr.
Würde es hier aber nicht um einen Stasi- sondern um einen GeStaPo-Mitarbeiter gehen wär das Geschrei unendlich groß.
Und jetzt denk mal nach über eure doppelmoral. Und wer mir ernsthaft erzählen will, das die Stasi besser war als die GeStaPo, der soll bevor er anfängt zu schreiben erstmal ne Führung durch Hohenschönhausen mitmachen. Die ach so tolle "linke" DDR war halt doch nicht das Paradies auf Erden, und so wie es aussieht haben wir sogar diese gesamte drecks-RAF & co Bande denen zu verdanken. Dann viel Spaß beim Wählen.
auwei (25.05.2009, 11:00 Uhr)
Genau so ist's
HenningOL hat es auf den Punkt gebracht. Es gibt keinen Mord. Wenn Kuraz..äääh Kurras geschossen hat, war es legal und die Berliner Polizei steht wie ein Mann hinter ihm. Gerichtlich genau so festgehalten. Wo ist das Problem?
traldors (25.05.2009, 10:01 Uhr)
Wie stand es bereits geschrieben (...)
Kommentar von Peter Trapp (CDU): "Es sei unbefriedigend, dass Beamte der früheren West-Berliner Polizei nach der Wende nicht auf eine Stasi-Tätigkeit überprüft worden seien. "Diejenigen, die als Untergrund-Agenten tätig waren, müssen enttarnt werden."
Herr Trapp, wenn Sie ehemalige und noch existierende Politiker der CDU/CSU bitte auch mit "auf die Liste" setzen, wäre ich rundum zufrieden.
Nur die "Wasserträger" aufzuspüren zeigt das Unvermögen zu Erkennen, das der "Fisch vom Kopf her stinkt".
hevosenkuva (25.05.2009, 00:04 Uhr)
Die Stasi-Akten müssen endlich zügig umfassend analysiert werden
statt jahrezehntelang Gras wachsen zu lassen und nur hier und da mal mit der Nagelschere ranzugehen. Deutschland ist doch kein Golfplatz.
vegefranz (24.05.2009, 21:16 Uhr)
@pamela: Die Linken/PDS sind Rechtsnachfolger der SED
daher ist jemand, der in der SED war, nun auch in der Linken Partei. es sei denn, er ist ausgetreten oder wirksam ausgeschlossen. Diese Information gibt es allerdings nicht. In letzter Konsequenz heisst das: Ein Mitglieder Linken/ExPDS/ExSED hat den Studenten erschossen. (wird gisi nicht gerne hören)
Krakatoa41 (24.05.2009, 20:31 Uhr)
Komisch
es ist doch wirklich Komisch. es tauchen immer nur Stasiakten auf, die irgendeine Linkshetze ermöglichen,nie taucht eine Stasiakte auf, die jemanden entlarvt, der ehute in CDU,SPD oder FDP tätig ist und die Zahl derer wird nicht gering sein, WQas ist mit der Vergangenheit von Frau Merkel oder Herrn Althaus, beide haben bereits in der DDR Karriere gemacht und das konnten doch wohl nur Regime Treue, aber ich denke die Aufgabe der Birthlerbehörde ist es, das solche belastenden Akten nie wieder auftauchen, sondern nur die, die ein gezielte Hetze gegen alles was Links steht ermöglichen. Unabhängige Medien scheinen neuerdings in Deutschland ein Fremdwort zu sein.
jeanclaude (24.05.2009, 19:23 Uhr)
wie durchschaubar,aber wohl auch erfolgreich.
wir haben amerikanische verhältnisse.
nach dem offenbarungseid des kapitalismus,ist die chance für die linke grösser ein entscheidendes wort in der politik mitzureden.
nach amerikanischem vorbild wurde gewühlt in der mottenkiste und direkt vor den wahlen,kommt die wahrheit über den ohnesorgfall zum vorschein.>40 jahre danach..
komisch oder??
medien und politiker treiben ein perfides spiel.
jetzt haben sie die möglichkeit aus "aktuellem anlass" wieder und wieder den wählern vor augen zu halten,wie menschenverachtend sich das ddr regime und stasi gehandelt haben.
die formel ist einfach.
stasi=sed,sed=die linke.
da spielt es auch keine rolle das die sed seit einer generation geschichte ist.
schliesslich gibt es immernoch alt sed ler,die sicherlich die zügel der macht zurückhaben wollen um die stasi wiederzubeleben und nicht zuletzt den wiederanschluss an die sowjetunion vorzubereiten...
die medien schaffen es tatsächlich,das ein grossteil der bevölkerung glaubt,wähle ich die linke,wähle ich den rückfall in den unrechtsstaat ddr...
ich könnte kotzen über diesen medialen dreck...
Pamela_1971 (24.05.2009, 18:25 Uhr)
Ach vegefranz...
... das "traut" sich keine Zeitung zu schreiben? Wegen der bösen, allmächtigen Linkspartei, die sämtliche Redaktionen von allen Zeitungen weltweit mit einer Pistole bedroht, darüber nichts zu schreiben? - Oder könnte es vielleicht auch sein, dass der Typ heute einfach kein Mitglied irgendeiner Partei mehr ist? Wer in den 60er-Jahren SED-Mitglied war, muss nicht zwangsläufig auch 40 Jahre später auch noch in einer Partei sein. Außerdem kann er genau so gut heute in der CDU oder FDP sein. Sogar in der NPD sind ehemalige Blockparteien-Mitglieder der DDR. Also, was soll denn dieser Beitrag nun aussagen? Haben Sie konkrete Beweise, in welcher Partei der Mann HEUTE Mitglied ist - oder sind das nur bloße, wilde Spekulationen?
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