Wegen neuer Erkenntnisse zum Tod des Studenten Benno Ohnesorg im Juni 1967 könnte der Fall, der Auslöser für die Proteste der 68er-Bewegung war, juristisch neu aufgerollt werden. Der Todesschütze Karl-Heinz Kurras, offenbar ein Stasi-Spitzel und SED-Mitglied, will allerdings "endlich Ruhe".

Archivbild: Studenten demonstrieren am 5. Juni 1967 in München aus Anlass der Tötung von Benno Ohnesorg© Helmuth Lohmann/AP
Nach Enthüllungen über die Stasi-Vergangenheit des Todesschützen von Benno Ohnesorg wird jetzt eine weitere Aufklärung gefordert. Es müsse geprüft werden, ob die DDR-Staatssicherheit auch eine Verurteilung des West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras verhinderte, sagte der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele dem "Hamburger Abendblatt" (Samstag).
Nach Erkenntnissen von Forschern der Stasiunterlagen-Behörde wurde der Student Ohnesorg am 2. Juni 1967 in West-Berlin von einem Stasi- Agenten erschossen. Demnach hatte sich der Todesschütze Kurras bereits 1955 gegenüber dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) verpflichtet, die West-Berliner Polizei auszuspähen. Zudem war er Mitglied der DDR-Staatspartei SED, wie ein archivierter Parteiausweis aus seiner Stasiakte zu belegen scheint.
Es müsse untersucht werden, welche Rolle die Stasi und die DDR bei dem Versuch gespielt haben, "die Sache runter zu spielen, zu verstecken und unter den Teppich zu kehren", sagte Ströbele im "Saarländischen Rundfunk".
Kurras selbst will sich nicht zu einer Stasi-Mitarbeit äußern. "Nach 42 Jahren, was soll denn das, können die uns nicht endlich mal in Ruhe lassen", sagte er dem "Tagesspiegel" (Samstag).
Der frühere Innenminister Otto Schily (SPD) glaubt indes nicht, dass der Fall strafrechtlich neu aufgerollt wird. "Das würde schon an der objektiven Beweisaufnahme scheitern", sagte er der "Stuttgarter Zeitung" (Samstag). Kurras war in zwei Verfahren 1967 und 1970 mangels Beweisen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen worden. Schily vertrat seinerzeit Ohnesorgs Vater. Im "Heute Journal" des ZDF sagte er am Freitagabend, wären die neuen Erkenntnisse damals schon bekannt gewesen, "hätte man den Prozess natürlich ganz anders führen können".
Der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni und stellvertretende Bundesvorsitzende der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Carl-Wolfgang Holzapfel, hat Strafanzeige gegen den 81-jährigen Kurras wegen Mordes erstattet.
Dem Forschungsbericht zufolge wurde Kurras als IM (Inoffizieller Mitarbeiter) "Otto Bohl" geführt. Er habe detaillierte Erkenntnisse über Mitarbeiter, Ausbildung, Befehle, Dienst- und Einsatzpläne bei der West-Berliner Polizei an die Stasi geliefert. Auch eine Aktentasche mit Originaldienstunterlagen soll er übergeben haben. Seine Spitzeldienste wurden laut Bericht jahrelang vergütet: 1960 seien beispielsweise 2310 D-Mark geflossen. Einen großen Teil der Zuwendungen habe er für seine umfangreiche Waffensammlung ausgegeben. Das MfS habe vermerkt, dass Kurras bereit gewesen sei, jeden Auftrag durchzuführen.
Nach Ansicht von Historikern reichen die neuen Erkenntnisse über den Täter, um die Geschichte des 2. Juni 1967 neu zu schreiben. Der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin, Klaus Schroeder, sagte im Deutschlandradio Kultur, es sei ein Skandal, dass der Fall erst jetzt bekannt werde. Der Hamburger Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar appellierte in einem Beitrag für die "Frankfurter Rundschau" (Samstag) an Kurras, die Hintergründe der Tat jetzt endlich aufzuklären.