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Ein Chef mit zwei Gesichtern

Der Chef der Motorölfirma Liqui Moly, Ernst Prost, ist in der Öffentlichkeit Werbefigur und Sympathieträger. Doch seine Mitarbeiter erleben oft eine ganz andere Seite an ihm.

Von Malte Arnsperger und Norbert Hoefler

  Ernst Prost stellt sich selbst in der Öffentlichkeit gerne als Gut-Mensch dar. Jetzt werfen Beschwerden seiner Mitarbeiter ein ganz anderes Licht auf den Chef von Liqui Moly

Ernst Prost stellt sich selbst in der Öffentlichkeit gerne als Gut-Mensch dar. Jetzt werfen Beschwerden seiner Mitarbeiter ein ganz anderes Licht auf den Chef von Liqui Moly

So einen Chef wünscht sich wohl jeder Arbeitnehmer. Ein Chef, der auch in der Krise nicht entlässt sondern einstellt, der auch in schwierigen Zeiten Prämien an die Belegschaft verteilt und allen zu Weihnachten ein Jahresabo des "National Geographic" schenkt. Ernst Prost, Boss und Inhaber der Ulmer Motorölfirma Liqui Moly, ist die Verkörperung des gütigen Unternehmers mit Herz.

Er ist ein Mann, der Gutes tut und will, dass ganz Deutschland dies registriert. Mit 500.000 Euro aus seinem Privatbesitz gründete er 2010 die Ernst-Prost-Stiftung, die sich für "unverschuldet in Not geratene Menschen" einsetzt und gewann Bundesbildungsministerin Annette Schavan als Schirmherrin. In Talkshows wettert er gegen das "Zocker-Gesindel" an der Börse und fordert höhere Besteuerung von Wohlhabenden. Vor allem aber stellt sich Prost als Beschützer von Werten dar. In großflächigen Print-Anzeigen und TV-Werbespots wirbt er für seine Firma mit der Aussage: "Erfolg ist das Ergebnis von Anstand, Respekt und Liebe" und: "Wir lieben alle Menschen, unsere Kunden, unsere Kollegen, unsere Geschäftspartner." Prost, der seine Mitarbeiter "Mitunternehmer" nennt, nutzt also ganz bewusst und öffentlich seinen angeblich beispielhaft humanen Führungsstil, um Kunden zu locken.

Nachtragend und herablassend

Dem stern liegen interne Unterlagen aus dem Unternehmen vor, die den Menschenfreund Ernst Prost in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Sie zeigen das Bild eines herrschsüchtigen, nachtragenden und herablassenden Mannes, der keine Scheu davor hat, Mitarbeiter, Ex-Kollegen und Konkurrenten mit derben Worten zu beleidigen. So heißt es in einer E-Mail von Prost aus dem Jahr 2009 über einen eben entlassenen Beschäftigten: "Er ist ein jämmerlicher Spesenbetrüger, geht hinterfotzig auf Firmenkosten mit seinem angetrautem Mann mehr auf Lustreisen als auf Dienstreisen. Nichts gearbeitet, der Firma geschadet, gelogen und betrogen. Ich sage Ihnen, ich könnte brechen."

Die E-Mail mit dem Betreff "Pfui Teufel" ging damals an alle rund 500 Mitarbeiter seiner Firmengruppe, zu der auch der Öllieferant Meguin im Saarland gehört. In einer weiteren E-Mail, die ebenfalls an den Verteiler "Liqui Moly gesamt, Meguin gesamt" ging, beschimpft Prost diesen und weitere ehemalige Angestellte vor der gesamten Firmenöffentlichkeit: "Gestern Abend hat XY nicht nur sein Firmenfahrzeug, sein Handy, seinen Laptop abgegeben, und auch nicht nur seinen Job, sondern seine Würde, seine Ehre." (Die komplette E-Mail finden Sie hier.)

Über einen anderen Gekündigten berichtet Prost seinen Angestellten: "Der Kerl hat gleich tagelang nichts gearbeitet, seine Tagesberichte verfasst, wie die Märchenerzähler Gebrüder Grimm und geglaubt, er kann alle verarschen. Ich habe ihn seinerzeit durch einen Detektiv observieren lassen und nach 3 Tagen war klar, dass Herr XY den ganzen Tag nur spaßige Dinge rund um sein Haus macht, aber nichts arbeitet. Auch eine fristlose Kündigung."

Prost verteidigt sein Verhalten

In einem Interview mit dem stern gibt Prost unumwunden zu, diese E-Mails geschrieben zu haben. "Ja natürlich. Die kenne ich auswendig." Der Firmenchef verteidigt sein Verhalten und gibt die Schuld den von ihm Beleidigten: "Wir haben eine offene Unternehmenskultur, eine offene Informationspolitik. Die haben uns betrogen. Nicht mich, die Firma. Ich muss das sagen." Prost räumt zwar ein, dass seine Wortwahl "unflätig" sei und er "vielleicht dran arbeiten" müsse. Fehler in seinem Umgang mit den betroffenen Menschen kann er nicht erkennen. "Drei, vier solche Fälle, dann ist die Firma in ein, zwei Jahren kaputt. Dann reden wir über Arbeitsplätze, die kaputt sind. Es waren Topleute, die dieses Unternehmen gefährdet haben. Firma, Gemeinschaft, Arbeitsplätze."

Prost sieht auch keinen Gegensatz zwischen den E-Mails und zu seinem öffentlichen Bekenntnis zu einem menschlichen Miteinander: "Ich werde mir nicht absprechen lassen, dass Liebe, Anstand, Respekt, Kameradschaft, genauso praktiziert wird." Und weiter: "Die Liebe zur Firma ist das Ausschlaggebende und nicht zu einem, der die Firma bescheißt".

Öffentliche Beleidigung war kein Einzelfall

Die bei dem Interview anwesenden Betriebsräte des Unternehmens und der zuständige Gewerkschaftssekretär der IG Chemie äußern nur sehr verhaltene Kritik an Prost. Da sind harte Worte drin. Aber wie der Herr Prost mit manchen Dingen umgeht, ist seine persönliche, seine eigene Sache". Der Berliner Arbeitsrechtler Ulf Weigelt ist da anderer Ansicht. Es lägen "eklatante Verletzung der Persönlichkeitsrechte" vor, die Formulierungen seien "beleidigend und diskriminierend", sagte Weigelt zu stern. "Die sexuelle Identität des betroffenen Mitarbeiters wird herabgewürdigt. Jeder Chef hat die Pflicht, die Persönlichkeitsrechte seines Mitarbeiters zu schützen, auch dann, wenn ein Fehlverhalten vorliegt. Bei Spesenbetrug ist eine Kündigung in Ordnung. Beleidigungen sind es nicht. Der Betroffene könnte sogar Anspruch auf Schmerzensgeld erheben."

Interne Unterlagen beweisen, dass Prost immer wieder ehemalige und aktuelle Mitarbeiter in der Firma öffentlich bewertet, bedroht und beleidigt hat und es sich nicht um Einzelfälle handelt. So heißt es in einer Email Prosts aus dem Jahr 2007 über einen offensichtlich eben beförderten Mitarbeiter: "Jetzt mit Prämienforderungen zu kommen ist der absolut falsche Weg. Zeigen sie erstmal, dass Sie was Können und dass Sie es zu zählbaren Erfolgen bringen." In einer unlängst geschriebenen Email schreibt Prost über einen Angestellten, er "soll aufhören, Scheiße zu fasseln" und "soll bloß nicht zurückschreiben, sonst passiert was".

Und auch seine Konkurrenten bleiben von Prosts wüsten Beschimpfungen nicht verschont. In einem seiner monatlichen Newsletter an seine Angestellten aus dem Jahr 2006 wettert der Liqui-Moly-Boss: "Sich massiv und brutal gegen unsere Konkurrenz wehren. Shell, Castrol und Co. wollen unsere Arbeitsplätze und unsere Firma vernichten! Wir sollten diesen multinationalen Raffzähnen zeigen, dass Geld - sprich Milliardengewinne in Verbindung mit Arbeitsplatzvernichtung - nicht alles ist."

Unmittelbar nach dem Gespräch mit dem stern hat Prost in einer internen E-Mail an seine Mitarbeiter Konsequenzen angekündigt. "Wenn mir nun zum Verhängnis wird, dass ich im Zusammenhang mit Arbeit und Geschäftswelt und Erfolg von Liebe, Anstand und Respekt spreche, gleichzeitig aber vier Chefs unseres Hauses entlassen habe, muss ich daraus lernen. Und so denke ich - Stand heute- dass wir mit Ernst Prost als Werbefigur in TV-Spots und Anzeigen und wo sonst noch immer, lieber aufhören."

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