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Ein Dorf wird Millionär

Bagnone, 2000 Einwohner, ein Ort wie jeder andere in der Toskana. Nicht ganz. Denn irgendwo lebt hier der Mann, der Italiens Rekord-Jackpot von 147 Millionen Euro geknackt hat.

Von Sandro Mattioli, Bagnone

Bis Samstagabend war Bagnone ein italienisches Dorf wie viele andere: das historische Zentrum mit seinen kleinen Steinhäusern klebt hübsch an einem Berg, viele Teilorte sind lose über die Gegend verstreut. Eine alte Kirche fehlt natürlich nicht, dazu einige Bars, eine zentrale Piazza. Der Ort am nördlichsten Zipfel der Toskana ist bekannt für eine veilchenblaue Zwiebelart, die dort wächst. Und er hat ein Problem: Es sterben mehr Leute, als geboren werden, Bagnone dünnt aus.

Doch seit die Welt weiß, dass die Lottoziehung einen Mann in diesem Kaff mit 2000 Einwohnern schlagartig zum Multimillionär gemacht hat, ist es mit der Ruhe vorbei, keimt neue Hoffnung. Zwei Euro hat Ugo gesetzt, wie der Gewinner dem Vernehmen nach heißen soll. Er soll Single sein, geschieden, 47 oder 48 Jahre alt und in einem kommunalen Unternehmen arbeiten. Genau weiß das niemand, denn die Angaben wurden von der Lottogesellschaft nicht bestätigt. Und auch Ugo selbst ist noch nicht in der Öffentlichkeit gesehen worden

So fett wie am letzten Wochenende war bisher kein Jackpot in Europa. Der Höchststand lag bei 126 Millionen Euro, er wurde im vergangenen Jahr in Spanien gewonnen. Und plötzlich wollen alle etwas von dem unbekannten Gewinner mit Namen Ugo, plötzlich ist er begehrt, verbinden alle ihre Hoffnung mit dem Millionengewinn. Er ist fast zu bemitleiden.

Schnitzeljagd nach "Ugo"

Was sicher ist: Der Besitzer der Bar Biffi, wo der Schein abgegeben wurde, kennt den Neu-reichen. "Er hat mich am Abend noch angerufen und gesagt: 'Danke, danke. Bis bald", berichtet Vanni Simonetti. Simonetti macht sich einen Spaß aus der Schnitzeljagd nach Ugo: "Ich sage aber nicht, wer es ist. Er hat seinen Schein jedenfalls gleich nach mir abgegeben." Es war übrigens ein vorausgefüllter Schein, die Gewinner-Zahlen stammen also von einem Zufallsgenerator.

Die Bar Biffi liegt direkt an der zentralen Piazza, die seit Samstagabend voll mit Leuten ist. Die Einwohner von Bagnone hießen den Gewinn bereits in der Nacht mit einer Feier willkommen, Überall knallten Sektkorken. Erst spät in der Nacht schloss Vanni Simonetti seine Bar. Am nächsten Morgen um acht öffnete er die Türen schon wieder. Bald darauf trafen auch die ersten Glückstouristen ein, um sich den Ort, wo die Millionen gewonnen worden sind, anzuschauen. Bagnone ist jetzt eine Attraktion, und der Bürgermeister und Chef des links geprägten Stadtrats, Gianfranco Lazzeroni , überlegt schon, wie der Millionengewinn der Gemeinde von Nutzen sein könnte.

Der Priester hofft auf Wohltätigkeit

Lazzeroni hat den Stadtrat zusammengetrommelt, sogleich wurde eine Pressestelle eingerichtet. "Wir hoffen, dass es einer von uns ist, der dann hier zum Unternehmer wird und in den Ort investiert", sagt Lazzeroni, der hauptberuflich als Architekt arbeitet. Ugo solle ein Jugendzentrum einrichten, heißt es, oder den Tourismus ankurbeln, oder eine Multifunktionshalle bauen. In der Messe wünscht Bagnones Priester dem Gewinner Gottes Segen - und er hoffe zudem auf seine Wohltätigkeit.

"Dass wir jetzt überall auf den Titelseiten sind, ist gut für uns", sagt der Bürgermeister weiter. "Wir können zum Symbol für viele kleine italienische Gemeinden werden, die nicht erst seit der Krise unter Haushaltsproblemen ächzen: Gemeinden, die in großartigen Landschaften liegen und über kulturelle Schätze verfügen, aber kein Geld haben, diesen Geltung zu verschaffen."

Der Gewinner bleibt im Dunkeln - vorerst

Ob der sogenannte Ugo tatsächlich der Gewinner ist? Am Ende stellt sich raus, dass Ugo V. von den Bagnonesen zum Gewinner ausgerufen wurde, weil er der Einzige ist, der nicht zu der Jubelfeier auf der Dorfpiazza erschienen ist. Ugo selbst sagt: "Ich habe nur einen Scherz gemacht, hab mit einem zusammengerollten Schein gewedelt und gesagt, das hier ist der Gewinnerschein. Daraus hat sich dann leider das Gerücht entwickelt. Ich bin aber nicht der Gewinner." Dann fügt er schelmisch hinzu: "Und wenn es so wäre, würde ich das ganze Geld meinen Mitbürgern schenken. Mir reicht eine Million, um gut zu leben."

Vielleicht ist Ugo V. in der Tat der Mann, der die 147 Millionen einstreicht. Vielleicht ist es auch jemand ganz anderes. Jedenfalls ist es ziemlich wahrscheinlich, dass mit diesem Gewinn die Jagd auf die Rekord-Jackpots in Italien vorbei ist. Schon am Dienstag wird im Staatsrat darüber beraten, ob Lottogewinne in Zukunft wieder - wie dies bis vor einigen Jahren der Fall war - mit einer Deckelung versehen werden. Die Anregung dazu kam von einer Verbraucherschutzorganisation.

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