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7. Dezember 2006, 07:09 Uhr

"Nicht zur Tagesordnung übergehen"

Der mutmaßliche potenzielle Amokläufer von Offenburg hat Selbstmord begangen, dennoch ist die Polizei weiterhin in südwestdeutschen Schulen präsent, um mögliche Trittbrettfahrer abzuschrecken. Unterdessen fordern immer mehr Politiker, Killerspiele zu verbieten.

Die Polizei sichert auch weiterhin baden-württembergische Schulen, um mögliche Nachahmer eines Amoklaufs abzuschrecken© Holger Nagel/DDP

Nach der Ankündigung eines Amoklaufs an einer baden-württembergischen Schule will die Polizei am heutigen Donnerstag vor den Schulen im Südwesten weiter Präsenz zeigen. "Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", sagte ein Sprecher. "Das Risiko von Trittbrettfahrern ist zu hoch." Ein Unbekannter hatte beim Internet-Killerspiel "Counterstrike" Mitspielern geschrieben, dass er an seiner Schule in Baden-Württemberg für ein Blutbad sorgen wolle. Am Nachmittag fand die Polizei die Leiche eines 18-jährigen Offenburger Schülers, den seine Eltern als vermisst gemeldet hatten.

Jeder wird verdächtigt

Der Polizeisprecher sagte, es sei weiter ungeklärt, ob dieser die Warnung auch verfasst habe. "Die Ermittlungen laufen weiter auf Hochtouren." Es gebe zahlreiche Hinweise von Lehrern, Eltern und Schülern auf verhaltensauffällige Mitschüler. Diese würden überprüft, bislang ohne Ergebnisse. Die Sache sei "sehr komplex". Kultusminister Helmut Rau (CDU) forderte die Eltern auf, ihre Kinder nicht zu Hause zu lassen. Am Mittwoch waren einige Schulen im Land geschlossen geblieben. Der Polizeisprecher schloss nicht aus, dass auch am Donnerstag vereinzelt der Unterricht ausfallen kann.

Unterdessen mehren sich Kritik am Vorgehen der Landesregierung sowie Forderungen nach Konsequenzen. Der Landeselternbeirat in Baden-Württemberg mahnte eine bessere Informationspolitik des Kultusministeriums an: Es sei bedauerlich, dass die Warnung so spät und dann auch nur über E-Mail an die Schulleiter gegangen sei. Die Lehrergewerkschaft GEW forderte ein verbessertes Krisenmanagement. "Wir sollten die Ängste der Schüler, Eltern und Lehrer nicht beiseite schieben, sondern in den Klassenzimmern auch in Zukunft zum Thema machen", sagte der GEW-Landesvorsitzende Rainer Dahlem.

Gesetzesänderung für Killerspiele geplant

Landesinnenminister Heribert Rech (CDU) schloss sich Forderungen nach einem Verbot von Killerspielen an: "Das wird das Problem zwar nicht lösen, aber wir können nicht tatenlos zuschauen." Es sei atemberaubend, wie sich das Internet zu einem Kriminalitätsschauplatz entwickelt habe. Bayern und Niedersachsen wollen mit einer gemeinsamen Bundesrats-Initiative ein Verbot so genannter Killerspiele durchsetzen. Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) will den Gewaltdarstellungs-Paragrafen 131 des Strafgesetzbuchs so ändern, dass die Herstellung, Verbreitung und Nutzung von Gewalt verherrlichenden Computerspielen bestraft werden kann. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) will demgegenüber derzeit kein neues Strafgesetz gegen "Killerspiele" schaffen.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) forderte mehr qualifiziertes Personal bei der Polizei. Für die Fahndung im Internet seien Beamte nötig, die genauso klug sind, wie diejenigen, die sich "in den Netzen verstecken", sagte der BDK-Bundesvorsitzende Klaus Jansen im Saarländischen Rundfunk. Dafür müsse auch mehr Geld ausgegeben werden.

DPA
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
t.w.e (07.12.2006, 10:51 Uhr)
"Internet-Killerspiel"
STGB §131 verbietet 'Killerspiele' schon seit Erfurt. Counterstrike ist nach wie vor frei verkäuflich (auch über Shoppingportale großer deutscher Boulevardzeitungen), der STERN testet auf seinem Internetauftritt WEITAUS brutalere Spiele ("Dark Messiah of Might & Magic"), die KEINE Jugendfreigabe erhalten haben (im Gegensatz zum 'Killerspiel Counterstrike') und erzeugt damit öffentliche Aufmerksamkeit für solche "unerwünschten" Produkte.
Natürlich könnte man bei diesem tragischen aktuellen Fall fragen wie es dazu kam, daß der Jugendliche Zugang zu einer Waffe hatte (zu einer ECHTEN), und wieso er so verzweifelt war, seinem Leben ein Ende zu setzen.
Ganz allgemein:
Killerspiele, Kinderpornographie und Terrorismus - alles pauschal über einen Kamm scheren, den Aktionismus bloß nicht hinterfragen, sondern Freiheitsrechte auf dem Altar der allumfassenden Sicherheit opfern. Anstatt dies zu hinterfragen verbreitet man plakative Schnellschüsse mancher Populisten.
schoolar (07.12.2006, 09:56 Uhr)
Welch ein Schwachsinn!
Während man von unseren Politikern außer populistischen Phrasen schon beinahe nichts mehr gewohnt ist, erschreckt mich die Übernahme massenwirksamer Parolen durch - so zumindest bisher mein Empfinden - gebildete und wißbegierige Journalisten des Stern. Hat sich der Autor des Artikels jemals mit dem Spiel "Counterstrike" auseinander gesetzt? Hat er die erst kürzlich bei Stern Online abgedruckte Kolumne zum Thema gelesen? Wenn nicht, empfehle ich zumindest die Lektüre des folgenden Artikels: http://www.gamestar.de/magazin/special/pc/spiele/versagen_auf_der_ganzen_linie/1466331/versagen_auf_der_ganzen_linie.html (auch wenn hier nicht nochmals ausführlich darauf eingegangen wird, wo die Grenze zwischen Gewaltverherrlichung in PC-Spielen und einem gut gemachten Taktikspiel zu ziehen ist). Aus welchem Grund hier auf den fahrenden Zug und Bild-Zeitung und Co. nach dem Mund "geredet" wird, ist mir schleierhaft, auf jeden Fall ist diese Form der Meinungsmache der zu erwartenden Qualität von Stern und Stern Online unwürdig! Wenn nicht andauernd von "Killerspielen" die Rede und Schreibe wäre, würde der interessierte Außenstehende sich möglicherweise sogar ernsthaft mit den WAHREN Ursachen der jüngsten Ereignisse auseinandersetzen (können)...
Alex1982 (07.12.2006, 08:18 Uhr)
Schuldzuweisung
Man könnte meinen, dass solche Fälle, wie derjenige, der hier vorliegt, bedacht so dargelegt werden, um die Führsprache gegen "Killerspiele" vom Volk zu erhalten.
Die Aussage "Das wird das Problem zwar nicht lösen..", ist vollkommen richtig. Die Frage ist doch, wieviel Prozent aller Gamer von Killerspielen haben sich diese auch legal erworben?
Nicht die Mittel sollten genommen, sondern die Einstellung der Gamer geändert werden.
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