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13. September 2007, 16:53 Uhr

Eine Tragödie - so oder so

Das Kind verschwunden, die Eltern verzweifelt: Seit vier Monaten erschüttert das Schicksal der Familie McCann die Menschen. Nun stehen die Eltern selbst unter Verdacht. Haben sie die ganze Welt getäuscht? Von Cornelia Fuchs und Bernd Volland

Zurück in England: Kate und Gerry McCann steigen am East Midlands Airport aus dem Flugzeug. Auf dem Arm tragen sie die Zwillinge Sean und Amelie© Rui Vieira/ AFP

Am Samstag fehlte etwas, hier am Kirchenplatz, als das Meer unten am Strand sanft den Sand leckte, als von der Promenade eine Sängerin Schlager trällerte und die Touristen in Wind und Rhythmen schaukelten. Als man Raketen in den Himmel feuerte, blaue, rote und grüne. Grün, das ist die Farbe der Hoffnung, und diese "Findet Madeleine"- Armbänder hatten die McCanns und ihre Freunde ja auch in Grün machen und verteilen lassen, damit die Menschen zeigen konnten: Wir fühlen mit euch, wir suchen mit. Aber die McCanns fehlten heute.

Die McCanns, deren Sorge sich wie ein schweres Tuch über dieses kleine Dorf gelegt hat. Die schöne Kate und der entschlossene Gerry waren nicht zum Fest zu Ehren von "Nossa Senhora da Luz" gekommen. Sie waren auch nicht wie geplant in der Kapelle "Unserer heiligen Dame des Lichts" erschienen, wo die Leute neben dem Altar einen eigenen kleinen Schrein für die McCanns und deren kleine blonde Tochter mit dem außergewöhnlichen Mal im Auge errichtet hatten. Wo die Devotionalien an der schweren Holzpforte hängen, die Bildchen, die Schleifen, die von Kinderhand gekrakelten Kärtchen: "Madeleine, wir vergessen dich nicht!" Man hat das meiste inzwischen weggeräumt. Aber Madeleine wird nicht vergessen werden. Auch nicht die McCanns. Wie stehen diese Eltern das durch? Diesen Schmerz? Diese Ungewissheit? Den Druck und die üblen Verdächtigungen? Das haben die Menschen sich gefragt und damit alle Zweifel betäubt, hier in Praia da Luz, Algarve, Portugal, 5000 Einwohner, dazu in der Hochsaison doppelt so viele Touristen. Das haben sich die Menschen in der ganzen Welt gefragt, und das Wort ist nicht zu groß: die ganze Welt!

"Sie haben sie geholt!"

Oder: Wie kann jemand die ganze Welt um den Finger wickeln, um ein Verbrechen zu vertuschen? Lautet die Frage vielleicht so? Am 3. Mai des Jahres 2007 um 18 Uhr hatten Kate und Gerry McCann, beide 39, beide Ärzte aus Rothley, Leicestershire, England, ihre Kinder aus dem Kinderhort des Ocean Clubs in Praia da Luz geholt. Ein Ort für Familien, keine dieser englischen Sauf-Enklaven wie Albufeira ein paar Kilometer östlich. Sie gehen in ihr Appartement, bringen um 19.30 Uhr die zweijährigen Zwillinge Sean und Amelie und die Tochter Madeleine, die ein paar Tage darauf vier Jahre alt werden würde, zu Bett. Madeleine kuschelt sich an ihre kleine rosa Schmusekatze. Die Eltern schlendern um 20.30 Uhr in die Tapasbar des Ocean Clubs, es ist Urlaub, hier strahlt die Sonne den ganzen Tag, aber der Wind kühlt, hier toben Kinder am Strand, hier lauert bestimmt nichts Böses, Urlaub halt, wer macht sich da Sorgen? So werden es die McCanns später erklären. Man sitzt zu neunt bei Tisch, isst, trinkt Wein, nicht zu viel, nur drei Flaschen, sagt Kate McCann später. Von der Bar blickt man auf die Terrassenfenster des Appartements. Die Eingangstür liegt auf der Rückseite, davor ein Parkplatz und eine kleine Gasse, dann der nächste Wohnkomplex, vor dem Oleanderbüsche stehen, die duften, aber auch so dicht sind, dass man nicht hindurchblicken kann.

Die McCanns haben kein Babyfon bei sich. Aber die Freunde bei Tisch, die meisten Ärzte, kontrollieren abwechselnd die Appartements. Um 21.05 Uhr ist Gerry dran, die Kinder schlafen tief, eine Tür steht offen, aber er denkt sich nichts dabei. Um 21.30 Uhr lauscht ein Freund noch mal ins Zimmer, alles ist still. Um 22 Uhr schaut Kate Mc- Cann nach, kurz darauf kehrt sie an den Tisch zurück und schreit: "Sie haben sie geholt!" Madeleine ist weg. So wird die Version der Eltern und ihrer Freunde gehen, so wird der Abend in Interviews und Vernehmungen geschildert. Man wird die Tage zählen, nach Madeleines Verschwinden, ein Spendenfonds wird gegründet, der über 1,5 Millionen Euro zur Unterstützung der Suche sammelt. An Tag 10 spricht David Beckham im Fernsehen für Madeleine. An Tag 27 besuchen die McCanns den Papst. An Tag 100 wird in Praia da Luz ein Ehrengottesdienst gehalten und eine weltweite Internetsuchplattform für vermisste Kinder gestartet. Und an Tag 128 wird Kate McCann in einem silbernen Renault vor das Gebäude der Kriminalpolizei in Portimão gefahren, einen schmalen grauen Bau, vier Stockwerke hoch, hier wird versucht, einen der weltweit meistbeachteten Kriminalfälle der vergangenen Jahre zu klären. Kate Mc- Cann wird vorbei an Hunderten von Journalisten und Hunderten von Schaulustigen geführt, von denen einige sie auspfeifen, weil die Zeitungen schon geschrieben haben, um was es heute geht, am Tag davor war sie schon elf Stunden verhört worden.

Die Eltern im Visier der Ermittler

Sie und Ihr Mann seien "Arguidos", werden ihr die Polizisten erklären, "Verdächtige". Verdächtigt der fahrlässigen Tötung ihrer Tochter und des heimlichen Entsorgens der Leiche. Die Beamten stellen scharfe Fragen. Es sind Männer, die nicht als zimperlich gelten. Gonçalo Amaral, der Leiter der "Polícia Judiciária", der Kripo in Portimão, gilt als harter Hund. Wildes schwarzes Haar, die Statur eines Metzgers, eigentlich ist er Spezialist für Drogenfahndung, einer, der Dealer auseinandernimmt, viel raucht, literweise Kaffee trinkt und flucht. Auch einer, der etwas zu beweisen hat. Vor drei Jahren war hier schon mal ein Kind spurlos verschwunden, Joana, ein Mädchen aus einem Bauerndorf. Es ging um Inzest und die Möglichkeit, dass die Leiche an die Schweine verfüttert worden war. Erst als die Spezialisten aus Lissabon anreisten, kam Fahrt in den Fall, und damals wurden die Beamten von der Algarve stark kritisiert. Die Mutter und ihr Bruder wurden wegen Mordes verurteilt, aber es hieß auch, das Geständnis sei unter Prügel entstanden, was nie bewiesen wurde.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2007

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