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28. Oktober 2009, 10:54 Uhr

Reformerin mit Charme

Nun ist die Zeit auch in der Kirche reif: Mit der Wahl von Margot Käßmann rückt erstmals eine Frau an die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Bischöfin aus Hannover ist nun die höchste Repräsentantin der knapp 25 Millionen evangelischen Christen. Für die Kirche ist der Antritt der geschiedenen Mutter eine kleine Revolution.

Protestanten, Evangelisch, Kirche, Margot Käßmann, EKD

Kommt mit ihrer sympathischen Art gut an: die neue EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann© Peter Steffen/DPA

Die Wahl von Margot Käßmann zur EKD-Ratsvorsitzenden ist auch eine nüchterne Sachentscheidung: Ohne einen ähnlich profilierten Mitbewerber fiel die Entscheidung bei der Jahrestagung der Protestanten am Mittwoch in Ulm klar auf die 51-Jährige. Mit Charme und Nachdruck vertritt sie die Anliegen der Kirche in der Öffentlichkeit - für die kommenden sechs Jahre nun auch als oberste EKD-Vertreterin.

Vorwürfe, sie sei eine "Quotenfrau" oder als berufstätige Mutter mit ihren Ämtern überlastet, hat Käßmann schon lange abgeschüttelt. Vielmehr hat sie sich in den zehn Jahren an der Spitze von Deutschlands größter evangelischer Landeskirche als erfolgreiche Geistliche und Führungsperson erwiesen. Sie kann der Kirche nicht nur in der Gesellschaft Gehör verschaffen, mit sympathischer Art erobert sie auch die Herzen vieler Menschen - und darauf ist die schrumpfende Kirche angewiesen.

Kirche in der Krise

Als Person verbirgt sich Käßmann nicht hinter ihrem Amt. Auch schwere Krisen wie eine Krebserkrankung und ihre Ehescheidung versteckte sie nicht. Sie wolle ehrlich und wahrhaftig sein, meinte sie. Eine Illustrierte ernannte sie vor ein paar Jahren zur "Frau des Jahres 2006".

Die Wahl der populären Bischöfin zeugt vom Modernisierungswillen der evangelischen Kirche, aber auch von der Notwendigkeit einer starken Führungsperson: Die Kirche ist in der Krise - nicht nur, weil die Wirtschaftslage die Steuereinnahmen einbrechen lässt. Seit Jahren schrumpft die Zahl der Mitglieder und die Prognosen sagen weitere dramatische Rückgänge voraus.

"Sehnsucht nach Glauben wecken"

Um ein Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit zu verhindern, hatte Käßmanns Vorgänger, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, einen Reformkurs eingeleitet. Strukturen werden nun gestrafft, das protestantische Profil geschärft - der Erfolg aber ist ungewiss und Käßmann mehr als alle Vorgänger als Visionärin gefragt. "Wir müssen im Menschen Sehnsucht nach Glauben wecken", meinte sie. Die Sehnsucht sei da, die Menschen aber sähen den Glauben nicht, analysierte sie die Lage der Kirche.

Gegenüber der neuen Bundesregierung wird Käßmann den sozialpolitischen Kurs der Kirche verteidigen. Armut, insbesondere von Kindern, Miss-Stände bei der Pflege alter und kranker Menschen, Flüchtlingspolitik - all das sind Themen, zu denen Käßmann bereits klar Stellung bezogen hat. "Die soziale Frage liegt mir sehr am Herzen", sagte sie in Ulm. Ein Anliegen der Kirche wird außerdem die Stärkung des Religionsunterrichts sein, der nicht nur durch das alternative Schulfach Ethik in Berlin unter Druck gerät.

Für den Dialog mit der katholischen Kirche

Im Verhältnis zu den Katholiken strebt Käßmann mehr Gemeinsamkeiten an: "Bei aller Differenz und dem je eigenen Profil verbindet uns mehr als uns trennt." In einer säkularisierten Gesellschaft sei ein gemeinsames Auftreten von großem Gewicht, hatte sie betont. "Meine Erfahrung ist: Je stärker wir gemeinsam auftreten, desto eher werden wir gehört." Nach jüngsten Streitereien um ein kritisches Papier über die katholische Kirche aus dem EKD-Kirchenamt will Käßmann zu einem verbindlichen Dialog zurückkehren.

Kirchenintern verstand sie es, sich aus Grabenkämpfen der Protestanten herauszuhalten. Diese hatten zuletzt die Wahl des EKD-Rates in der Nacht zum Mittwoch zu einem 16-stündigen Abstimmungsmarathon mit einem zunächst unbesetzten Platz gemacht. Um der Kirche zu mehr Schlagkraft zu verhelfen, wird es Käßmanns Aufgabe sein, solche internen Spannung zu entschärfen.

Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) Die EKD ist der Zusammenschluss von 22 lutherischen, reformierten und unierten Landeskirchen in Deutschland. Das Dach der 16.100 rechtlich selbstständigen Kirchengemeinden vereinigt nach eigenen Angaben 25,4 Millionen Christen. Die EKD sorgt seit 1948 dafür, dass die Gliedkirchen in wesentlichen Fragen nach übereinstimmenden Grundsätzen verfahren. Sie kann etwa zur Ausbildung der Pfarrer und zur Vermögensverwaltung Richtlinien aufstellen und nimmt Stellung zu Fragen des öffentlichen Lebens. Mit der hannoverschen Landesbischöfin Margot Käßmann ist nun erstmals eine Frau zur EKD-Ratsvorsitzenden gewählt worden. Ihre Amtszeit beträgt sechs Jahre.

Michael Evers, DPA
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Stabo (29.10.2009, 12:01 Uhr)
Eine gute Wahl

Die Wahl Käßmanns zur EKD-Ratsvorsitzenden ist in den Medien zu Recht sehr positiv aufgenommen und kommentiert worden. Käßmann wird den von Huber eingeschlagenen Weg weiter fortsetzen ? aber eben anders. Die hannoversche Landesbischöfin hat in den letzten Jahren persönliche Höhen und Tiefen durchlebt und menschliche Grenzerfahrungen machen müssen. Diese Erfahrungen haben ihre Glaubensausstrahlung und Glaubensverkündigung menschlicher und zugleich jesuanischer werden lassen. Sie weiß um die Not von Familien, Kindern, Ausgegrenzten und Hilfebedürftigen. Diesen Menschen nahe zu sein, darin liegt ein Zentralauftrag aller Kirchen, die sich auf Jesu Christus berufen.

Käßmann hat wie kaum ein anderer begriffen, dass theologisches Disputieren und Streiten zwar einerseits zur Klärung von unterschiedlichen Standpunkten notwendig sein kann, andererseits jedoch diese Kontroversen mit keinem Jota dazu beitragen, dass Kirchen mit diesen von der Mehrzahl ihrer Gläubigen unverstanden bleibenden Zwistigkeiten keinen Beitrag für ein Mehr an Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung leisten. Käßmann wird hoffentlich diese Nähe zu den Menschen in ihrem Amt immer wieder repräsentieren und auch von anderen einfordern : Nicht pofessorales Parlieren, sondern konkrete menschliche Nähe und Hilfe ? das ist im unverzichtbaren ökumenischen Miteinader die alle Kirchen verbindende Aufgabe: ?Das was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.?(Mt 25,45) Margot Käßmann : Ich wünsche Ihnen für Ihr neues Amt viel Kraft, Mut und Gottes Segen.

Paul Haverkamp, Lingen

jomimo (29.10.2009, 00:45 Uhr)
Wäre ein Grund ...
... in die Kirche wieder einzutreten.
H.Brand (28.10.2009, 22:10 Uhr)
Reform?
Die EKD hätte eine e c h t e Reform nötig, hin zu dem, was Jesus Christus vor ca. 2000 Jahren gelehrt hat. Ob Frau Käßmann bereit ist, dieses anzugehen, daran habe ich große Zweifel. Wahrscheinlich wird das neue gewählte Kirchengremium eher den gegenteiligen Weg gehen. Man passt sich immer mehr der heutigen Gesellschaft an.

Jesus Christus sagte den Menschen vor ca. 2000 Jahren eindeutig und klar: "... und lehrt sie (alle Menschen) alles zu bewahren, was i c h euch geboten habe!"
Genau darauf kommt es aber an, dass endlich wieder in den christlichen Kirchen und Gemeinden die Lehre Christi gelehrt würde. Heutzutage findet man aber leider sehr vieles in kirchlicher Praxis und theologischer Lehre in praktisch allen christlichen Gemeinschaften, was von Jesus Christus so nicht gelehrt wurde. - Und das ist das große Problem heutzutage.
Die wahre christliche Gemeinde lässt sich nicht daran messen, wie viel Mitglieder sie hat, sondern ob die wahre christliche Lehre gelebt und gelehrt wird. Leider haben aber alle christlichen Gemeinschaften irgendwelche "Sonderlehren", die sich nicht auf die Aussagen von Jesus Christus gründen. Auch die evangelische und die katholische Kirche haben ihre Sonderlehren - und nicht nur irgendwelche christliche Randgruppen. -

Aber es ist heutzutage noch genau wie damals vor ca. 2000 Jahren, die Menschen wollen nicht auf das hören, was Jesus Christus den Menschen wirklich gesagt hat. Dieses war denn Menschen damals zu radikal, so dass man ihn hingerichtet hat - und es ist den Menschen auch heutzutage zu radikal. - Und deshalb verkündet man seine "eigene" Religion und legt die klaren Aussagen von Jesus Christus einfach anders aus.

- Horst Brand -
Webmaster www.bibel-digital.de
raptor-xl (28.10.2009, 18:12 Uhr)
wer soll das glauben?
die beliebigkeitskirche musste nun endlich eine frau vorne haben. nicht unbedingt wegen der leistung, sondern weil es so sein muss. dem zeitgeist ewig nachrennend steht diese kriche dennoch ewig im abseits, denn sie hat für jedermann ein ohr und für alles verständnis. nur leider nicht mehr für die bibel. und somit wächst sie sich aus zur betroffenheitsgruppe der lavasteinlampenbesitzer, der dalai-lama-auch-tollfinder und armbändchen aus mineralsteinenbastlern.
diese kirche hat den glauben verloren und ist dafür politisch geworden. vin der kanzel wird gegen atomkraftwerke gewettert, homoehen favorisiert und asylbewerber, die abgeschoben werden sollen, unterschlupf gewährt.
für das seelenheil der mitglieder, den besuch zu hause und die speisung der armen und kranken mit warmen essen, muss sich die andere kirche kümmern. das ist die, über deren soziales engagement die wenigsten etwas wissen (zb. den betrieb von kindergärten, schulen, armenspeisungen, totenwachen, sterbebegleitung). aber bei denen darf man nicht wild rumvögeln und soll kondome sein lassen. daher ist die blöde. den rest an religiöser bildung holen die sich dann bei dan brown.... muhahahahah

ps: ist eigentlich mal jemanden aufgefallen, dass gerade diejenigen sich immer am lautesten erdreisten, die keinen glauben haben? wieso eigentlich müssen diese immer das so vehement bekämpfen, was es doch nach deren vorstellung gar nicht gibt???
Ramunu (28.10.2009, 16:35 Uhr)
@Bebuquin
Lesen Sie doch mal Luther! Z.B. die Schmalkaldischen Artikel oder so. Hab sogar ich als Atheist ganz gern gelesen (und lernen kann man dabei auch noch was).
simbadische (28.10.2009, 13:47 Uhr)
Karrierefrau
- da wo sie heute steht wäre sie nicht, wenn sich nicht ihr Mann (ebenfalls Pfarrer, aber von dem hört man nichts...) um die vier Töchter gekümmert hätte. - Und wer "glaubt" eigentlich, dass sich durch die Wahl dieser Frau etwas ändert an Mobbing, Mauschelei und Scheinheiligkeit unter diesen Brüdern und Schwestern? UND BEVOR JETZT EINER DIESEN BEITRAG MELDET: ich bin seit 25 Jahren mit einem Pfarrer der westfälischen Kirche verheiratet. Selten habe ich so viele Heuchler auf einem Haufen erlebt.... Und nein, ich kann nicht aus der Kirche austreten, denn dann ist unserer Familie die Lebensgrundlage entzogen, ja ich bin auch ein Heuchler . Bis zu meiner Beerdigung: die findet ohne "geistigen Beistand" statt !
Bebuquin (28.10.2009, 13:29 Uhr)
Interessant...
""Wir müssen im Menschen Sehnsucht nach Glauben wecken", meinte sie. Die Sehnsucht sei da, die Menschen aber sähen den Glauben nicht, analysierte sie die Lage der Kirche."
--> Um das jetzt richtig zu verstehen: In den Menschen soll die Sehnsucht danach geweckt werden, dass sie aus Angst vor dem ewigen Höllenfeuer (oder ewiger Dunkelheit oder was auch immer) einen gewissen "Mr. Jesus" als ihren Erlöser (und Herrscher) anerkennen. Diese Anerkennung wiederum soll vor besagten Qualen retten und muss diesem "Mr. Jesus" und seinem Vater und einem gewissen Heiligen Geist durch regelmäßige ehrfürchtige Lobpreisungen in Form von regelmäßigen Ritualen abgegolten werden.
Und nach diesem Glaubensinhalt (oder geht es hier nur um ein mystisches, nicht recht definiertes Glauben) soll ins den Nichtgläubigen eine Sehnsucht bestehen?
Unvorstellbar.
Vielmehr können sich die Kirchen in diesem Land freuen, dass so wenig Menschen wirklich wissen, was für absurdes Zeug in den Glaubensinhalten enthalten ist.


"Miss-Stände bei der Pflege alter und kranker Menschen"
--> Sagt die Frau einer Kirche, der in gewisser Weise die Diakonie und damit einer der großen Pflegeanbier Deutschlands gehört? Schon interessant...
einsatzreicht (28.10.2009, 12:42 Uhr)
Gratulation
Und wieder sammelt die evangelische Kirche in meinen Augen Pluspunkte gegenüber der katolischen.
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