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Wenn die Bundeswehr Krieg spielt

Wenn die Bundeswehr für sich wirbt, walzen Panzer durch den Schlamm, zu Bombenexplosionen erklingt die Nationalhymne. Nach herber Kritik schaltet die Truppe das Video ab. Anatomie eines PR-Gaus.

Von Philipp Elsbrock

Endlich knallt und raucht es wieder bei der Bundeswehr. Langweilige Saufspiele waren gestern, jetzt wandelt sich die Truppe zu einem Ort für echte Abenteurer. Am Mittwoch erschien im offiziellen Youtube-Kanal der Bundesregierung ein neues Video: "Die Bundeswehr online" heißt es und was darin zu sehen ist, soll so richtig Lust auf Action machen.

Da walzen Panzer durch tiefe Schlammpfützen, Bordkanonen qualmen, Bomben explodieren. Zwischendurch jagen schwerbewaffnete Skifahrer einen Abhang herunter. Kaum eine Einstellung dauert länger als eine Sekunde, Stakkato-Schnitt dominiert den Clip, der farblich auf olivgrün gefiltert ist. Zu den Bildern jaulen elektrische Gitarren - nur unterbrochen von der Nationalhymne, zu der junge Rekruten mit Gewehr Spalier stehen.

Es ist ein in Adrenalin und Testosteron getränkter Siegerclip. Was fehlt ist die andere Seite von Krieg und Gewalt: Särge und Selbstmordattentate, Soldaten, die traumatisiert aus Kampfgebieten zurückkehren und ihr restliches Leben damit kämpfen.

"Der Clip ist Mist"

Es werde "ein umfassendes, realistisches und vor allem transparentes Bild vom Arbeitsalltag" der Soldaten gezeichnet, rechtfertigte ein Sprecher aus dem Verteidigungsministerium noch am Donnerstag den Clip. Zu weiteren inhaltlichen Fragen wollte er sich nicht äußern.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Kritiker des Videos allerdings bereits warm gelaufen. "Der Gesamteindruck lautet: Gewalt macht Spaß", sagte die Grünen-Politikerin Agnieszka Malczak stern.de. "So kann man die Bundeswehr nicht darstellen". Immerhin gehe es nicht um ein beliebiges Produkt, das beworben werde, sondern um den militärischen Arm der Bundesrepublik.

Auch der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold, meldete sich zu Wort. Es sei Quatsch, dass der Clip den Soldatenalltag zeige, das tue er gerade nicht. "Kämpfen ist nicht alles, Soldaten sind auch Diplomaten und müssen Einsatzregeln beachten", sagte Arnold zu stern.de. Außerdem sei es völlig unakzeptabel, die Nationalhymne mit Explosionen und Raketenstarts zu verbinden. "Ich würde es gut finden, wenn der Verteidigungsminister zugibt: Der Clip ist Mist."

Nachwuchssorgen bei der Bundeswehr

Das hat er nicht getan. Aber: Nach nur anderthalb Tagen ging das Video Donnerstagnachmittag still und heimlich wieder vom Netz - auch wenn es sich da schon weiterverbreitet hatte. Die Erklärung für die Lösch-Aktion klingt mehr als dürftig: "Es passt nicht zur Corporate Identity des Youtube-Kanals der Bundesregierung", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter am Freitag. Alle Videos auf diesem Kanal müssten sowohl Bilder als auch Worte beinhalten. Aber erst gestern sei im Bundespresseamt aufgefallen: "Huch, da sind ja keine Worte."

Ein Schelm, wer den Clip als Instrument versteht, neue Soldaten anzuwerben. Diesen Zusammenhang dementierte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Dabei hat die Bundeswehr Nachwuchssorgen, nicht erst, seit die Wehrpflicht im Sommer abgeschafft wurde. Zwar versucht sie für Bewerber attraktiver zu werden, etwa mit Eltern-Kind-Arbeitszimmern, doch will sich das Verteidigungsministerium darauf offenbar nicht verlassen.

Produziert hat den Clip die Informations- und Medienzentrale der Bundeswehr in Sankt Augustin bei Bonn. Von dort wird die Truppe weltweit mit TV-Beiträgen versorgt; wenn die Soldaten in Afghanistan die Fußball-WM gucken, kümmert sich ebenfalls die Zentrale darum.

Auch Österreichs Armee patzte

Die Technik beherrschen sie also in Sankt Augustin, ob sie ein Händchen für Inhalte haben, ist eine andere Frage. Das Video, davon kann man ausgehen, hat inzwischen mehr geschadet als genützt. Ein PR-Gau allererster Güte.

Militär und Werbevideos im Internet sind offenbar zwei Dinge, die nicht zusammen gehen. Anfang 2010 hatte das österreichische Bundesheer ein Video online gestellt, das dumpfe Klischees bedient. Heer4U, eine Verballhornung des Englischen "Here for you", hieß die Kampagne, die nach wie vor als Podcast läuft. Nur das sexistische Aufreißvideo hat die Regierung nach Protesten wieder zurückgezogen.

Die Organisatoren des Econ-Awards für Unternehmenskommunikation finden die Außendarstellung der Bundeswehr übrigens preiswürdig. Mit ihrem Youtube-Kanal hat die Truppe am Donnerstagabend die Auszeichnung in der Kategorie Social Media gewonnen. Eigentlich ist das der falsche Preis. Der Action-Clip jedenfalls hätte die Goldene Himbeere verdient.

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