10. Oktober 2011, 19:14 Uhr

"Emotional lässt der mich kalt"

Es ist die erste Begegnung mit dem Mörder ihres Sohnes. Im Prozess gegen den "Maskenmann" wird dem Ehepaar Jahr einiges abverlangt. Sie wollen trotzdem dabei sein, wenn Martin N. verurteilt wird. Von Manuela Pfohl

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Ulrich Jahr am ersten Prozesstag gegen den Mörder seines Sohnes Stefan in Stade©

Stefans Eltern sind gekommen. Und auch sein Bruder Oliver. Sie haben sich durch die schmale schwere Eichenholztür und durch das Blitzlichtgewitter der unzähligen Kameras gekämpft. Sind die Stufen hoch zum Schwurgerichtssaal gegangen und haben sich neben ihre Anwältin gesetzt. Ulrich Jahr hat - ganz kurz nur - die Hand seiner Frau gedrückt, und dann haben sie gemeinsam auf diesen einen Moment gewartet, den sie in den vergangenen 19 Jahren immer wieder vor sich gesehen haben: Die Begegnung mit dem Mörder von Stefan. Es ist der 10. Oktober 2011. Am Terminsbrett des Landgerichtes Stade ist für 10.15 Uhr die Verhandlung in der Strafsache Martin N. angeschlagen. Er soll neben Stefan, den achtjährigen Dennis R. und den neunjährigen Dennis K. "aus niedrigen Beweggründen" getötet haben. Außerdem wirft ihm die Staatsanwaltschaft den sexuellen Missbrauch von Kindern in 20 weiteren Fällen vor. Nur noch ein paar Minuten, dann wird der 40-Jährige den Saal betreten, der jahrelang von einer Sonderkommission (Soko) gesucht wurde und den alle nur den "Maskenmann" nannten. Ulrich Jahr sitzt kerzengerade. Den Blick auf die Tür gegenüber gerichtet.

Martin N. will nicht gefilmt werden

Der lange, weiß getünchte Saal ist bis auf den letzten Platz belegt. Polizisten mit schusssicheren Westen unter der Uniform kontrollieren jeden einzelnen Besucher. Sicherheitsstufe eins. "Jetzt", winkt einer der Beamten, und dann ist er da. Kommt durch die Tür, hält mit den gefesselten Händen eine rosa Akte vor das Gesicht und den langen braunen Vollbart. Nur die zum Teil ergrauten Haare des über 1,90 Meter großen Mannes sind zu sehen. Seine helle Jeans, der dunkelblaue Rollkragenpullover und darüber die dunkle Jeansjacke. Martin N. will nicht gefilmt werden. Ein Polizist muss ihm helfen, dass er nicht stolpert. Ulrich Jahr versucht seine Gefühle zu sortieren. Eine knappe Stunde später wird er sagen: "Aber da war nichts. Emotional lässt der mich längst kalt."

Die Hälfte der Übergriffe ist verjährt

Es ist wie das Ausgebranntsein nach einem langen Kampf. Einem, der für die Jahrs nicht zu gewinnen war. Sie hatten schon an dem Tag im Mai 1992 verloren, als die Kripobeamten ihnen mitteilten, dass der Leichnam ihres Sohnes mit gefesselten Händen gefunden worden war. Der Täter hatte ihn in den Verdener Dünen verscharrt, rund 40 Kilometer vom Internat der Eichenschule im niedersächsischen Scheeßel entfernt, wo der der 13-Jährige in der Nacht zum 31. März spurlos verschwunden war.

Damals ahnten die Ermittler noch nicht, dass der "Fall Stefan J." der erste in einer ganzen Serie mysteriöser Fälle sein würde, die fast ein Jahrzehnt lang für Angst und Schrecken in norddeutschen Ferienlagern und Freizeitheimen sorgen sollten. Erst im April diesen Jahres kam der Durchbruch: Der lang Gesuchte wurde gefasst - und es stellte sich heraus, dass es ein in Bremen geborener und seit einiger Zeit in Hamburg lebender Pädagoge war, dem niemand so grausame Taten zugetraut hätte. Doch Martin N. gestand sehr schnell. Er räumt den Missbrauch von rund 40 Jungen ein. Die Hälfte der sexuellen Übergriffe ist inzwischen verjährt. Angeklagt ist er deshalb "nur" wegen insgesamt 23 Straftaten.

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