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Die furchtbaren Folgen eines schiefgelaufenen Medikamententests

Ein Hirntoter und drei Menschen, die wohl behindert bleiben: Ein Medikamententest in Frankreich hat ein schlimmes Ende gefunden. Behörden und Experten stehen vor einem Rätsel.

Biotrial Firmenlogo

Ein Medikamententest im Labor von Biotrial in Rennes hatte für die Probanden schlimme Folgen

Klinische Tests sind Alltag: Ohne die Versuche an Freiwilligen kann kein Medikament eine Zulassung bekommen. Streng reguliert und ärztlich überwacht sind die Studien. Doch nun ist eine von ihnen in Frankreich schiefgelaufen - mit furchtbaren Folgen.

Ein Mann liegt im Koma, vier Probanden leiden unter neurologischen Beschwerden. "Zu diesem Zeitpunkt ist mir kein vergleichbarer Vorfall bekannt", sagt Gesundheitsministerin Marisol Touraine für Frankreich. Auch deutsche Experten sprechen von einem "absolut außergewöhnlichen Ereignis".

Viel Erfahrung mit Medikamententests

Der Versuch läuft schon seit dem vergangenen Sommer, in den Räumen der Privatfirma Biotrial. Sie ist für solche Tests zugelassen und hat 25 Jahre Erfahrung, wie die Regionalzeitung "Ouest France" schreibt.

Der Chef Jean-Marc Gandon sagte dem Blatt einmal, der Großteil der Probanden nehme nicht aus finanziellen Gründen teil - jedenfalls sagten sie das. "Sie stellen eher ihren Wunsch nach vorne, die medizinische Forschung voranzubringen, und das hängt manchmal mit einer Krankheit in ihrem Umfeld zusammen."

Wie ein Schlaganfall

Die Medikamentenbehörde ANSM hat wie vorgeschrieben ihr Okay für die Tests gegeben. Etwa 90 Menschen haben den Wirkstoff des portugiesischen Herstellers Bial genommen, weitere erhielten einen Placebo (Scheinmedikament). Anfangs wurde der Wirkstoff nur einmal verabreicht, später sollte das Mittel mehrfach genommen werden - so war es der Fall bei den sechs Männern.

Das Drama beginnt am vergangenen Sonntag, ihrem vierten Testtag: Ein Teilnehmer hat erste Beschwerden, sein Zustand verändert sich sehr schnell. "So, dass wir dachten, das wäre ein Schlaganfall", sagt Professor Gilles Edan vom Uniklinikum Rennes. Inzwischen ist der Patient den Ärzten zufolge hirntot.

"Unumkehrbare Behinderung" zu befürchten

Am Tag darauf bricht die Test-Firma Biotrial den Versuch ab, informiert die Behörden. Die übrigen Männer kommen - einer nach dem anderen - mit neurologischen Beschwerden ins Krankenhaus.

Bei drei von ihnen sei die Situation so schlimm, dass eine "unumkehrbare Behinderung" zu befürchten sei, sagt Edan - und präzisiert sich kurz darauf erschrocken selbst, als er die Reaktion der Journalisten auf diese Information realisiert und die Ministerin nochmals daran erinnert, dass wohl auch die Männer selbst Fernsehen gucken. Es gebe die Hoffnung, dass sich ihre Symptome verbessern, betont Edan - aber auch die Furcht, dass sie sich verschlechtern. "Ihre Not hat mich erschüttert", sagt Touraine.

Viele Fragen, noch keine Antworten

Die Bestürzung ist groß in Frankreich, und viele Fragen stehen im Raum. Biotrial wie Bial betonen: Alle Vorschriften wurden eingehalten. Bial führt zudem an, dass vorher noch keine Versuchsperson Beschwerden gehabt habe. Auch Ministerin Touraine hat noch keine Antwort darauf, wie es zu dem "schweren Unfall" kam. Der Fall dürfte Behörden und Hersteller noch intensiv beschäftigen.

Als sechs Männer in Großbritannien 2006 nach einem Medikamententest tagelang in Lebensgefahr schwebten, wurden anschließend die Regeln nochmals sehr verschärft, wie Rolf Hömke vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller erzählt. Das Würzburger Unternehmen, von dem der Wirkstoff stammte, musste wenige Monate später Insolvenz anmelden.

tkr/Sebastian Kunigkeit/DPA
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