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Wie sechs Männer für ein Medikament unfreiwillig ihr Leben riskierten

Ein Mann hirntot, drei mit wohl bleibenden Schäden: Das ist die katastrophale Bilanz eines Medikamententests in Frankreich. Und weil das Arzneimittel zu neu ist, stehen die Ärzte vor dem nächsten Problem.

Biotrial

Laut Biotrial entsprach der Medikamententest allen gesetzlichen Regelungen. Wie er trotzdem so dramatisch enden konnte, wird nun untersucht.

Sie wollten dem medizinischen Fortschritt dienen - und werden wohl nie wieder gesund werden. Sechs Teilnehmer eines Medikamententests in Rennes liegen im Krankenhaus, einer von ihnen ist bereits hirntot. Die französischen Gesundheitsbehörden haben mit der genauen Ursachenforschung begonnen. Mitarbeiter der Aufsichtsbehörde IGAS hätten am Samstag das Labor der Firma Biotrial in der Stadt Rennes aufgesucht, berichtete der Sender BFM-TV. Biotrial hatte den nun abgebrochenen Test durchgeführt, bei dem etwa 90 Menschen den Wirkstoff des portugiesischen Herstellers Bial bekommen hatten.

Am Freitag war bekanntgeworden, dass sechs Versuchsteilnehmer ins Krankenhaus mussten und einer von ihnen für hirntot erklärt wurde. Vier weitere Probanden leiden unter neurologischen Beschwerden, die Ärzte fürchten bei einigen der Männer zwischen 28 und 49 Jahren bleibende Schäden. "Der Schock ist umso größer, weil die Personen, die an so einem Versuch (…) teilnehmen, absolut gesund sind und ganz selbstverständlich nicht damit rechnen, dass es zu solchen Zwischenfällen kommt", sagte die französische Gesundheitsministerin Marisol Touraine auf der Pressekonferenz im Universitätsklinikum von Rennes laut "Le Figaro".

Erste Diagnose: Schlaganfall

Die ersten Symptome traten am vergangenen Sonntag bei einer Versuchsperson auf. Offenbar ging es dem Mann so drastisch schlechter, dass im Krankenhaus die erste Diagnose Schlaganfall lautete, wie Gilles Edan, Chef der Neurologischen Abteilung des Universitätskrankenhauses Rennes, auf der Pressekonferenz erläuterte. Deswegen wurden dem Patienten Blutverdünner verabreicht. Laut Edan sind bei den Probanden Hirnzellen abgestorben oder Hirnblutungen aufgetreten.

Und die Ärzte haben noch ein Problem: Weil der Wirkstoff so neu ist, wissen sie nicht, womit sie die Nebenwirkungen am besten behandeln. So setzen sie Kortikoide ein und hoffen, dass so die Entzündungen in den Gehirnen ihrer Patienten zurückgehen.

Bis zu 4500 Euro für Testpersonen

Der Wirkstoff des Medikaments soll dem französischen  Gesundheitsministerium zufolge auf Stimmungsschwankungen und Angstgefühle sowie auf motorische Störungen bei neurodegenerativen Erkrankungen abzielen. Neurodegenerative Erkrankungen sind meist langsam fortschreitende Erkrankungen des Nervensystems, bei denen immer mehr Nervenzellen verloren gehen - so etwa bei Parkinson.

Die Inspektoren wollen nun herausfinden, ob der Test gemäß der geltenden Regeln abgelaufen ist. Biotrial erklärte, der Versuch sei in "voller Übereinstimmung mit den internationalen Bestimmungen" erfolgt, und man arbeite eng mit dem Ministerium zusammen. Das Unternehmen zahlt Test-Teilnehmern zwischen 100 und 4500 Euro. Angesichts der schweren Schäden, die einige der Probanden genommen haben, ein schwacher Trost.

tkr mit DPA
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