Mit der Kaperung des Gastankers "Longchamp" ist klar: Die deutschen Fregatten im Golf von Aden können wie die gesamte militärische Flotte, die Handelsschiffe vor Seeräuber-Angriffen schützen soll, nur im Einzelfall helfen. Es hapert an Absprachen zwischen den teilnehmenden Nationen - vor allem aber an einem sichtbaren Gegner. Von Wolfgang Metzner

Die "Longchamp" wurde Ende Januar 2009 von Piraten gekapert, 4,7 Millionen Euro Lösegeld sollten fließen© Bernhard Schulte Shipmanagement/DDP
"Mayday! Mayday!" Der Notruf kommt über Funkkanal 16 um 9.29 Uhr. "Wir werden von kleinen Booten angegriffen", ruft panisch eine Stimme aus dem Lautsprecher. Ein Ruck geht durch die Wache, hohe Konzentration geht über in Anspannung, mit einem Schlag herrscht auf der Brücke der "Mecklenburg-Vorpommern" höchste Alarmstufe. "Beide Maschinen 29 Knoten", befiehlt der Navigationsoffizier. Im Maschinenraum der Fregatte, 139 Meter lang, 246 Mann Besatzung, werden die beiden Gasturbinen mit zusammen 51.000 PS hochgefahren. Mit über 50 Stundenkilometern pflügt das deutsche Kriegsschiff durch den Golf von Aden, um dem Frachter "Eleni G" zu helfen, der in 83 Kilometern Entfernung von Speedbooten umkreist wird.
Gischt klatscht meterhoch bis gegen die Scheiben der Brücke, während Kommandant Kay-Achim Schönbach mit dem Fernglas über den Bug peilt und "Einsatzmarschstufe 2" anordnet. Das Schiff wird gefechtsklar gemacht. Soldaten mit Stahlhelmen und Splitterwesten munitionieren die 20-Millimeter-Maschinenkanonen und die schweren Maschinengewehre. "Ich eröffne das Feuer, wenn Sie nicht von dem Frachter ablassen!", droht der Kapitän auf Englisch den unbekannten Angreifern über Sprechfunk. Keine Reaktion.
"Wir werden versuchen, die Speedboote abzudrängen", sagt der Kommandant. Aber als die Fregatte nur noch wenige Kilometer entfernt ist und auch noch ein chinesischer Hubschrauber am Horizont auftaucht, sind die Angreifer plötzlich verschwunden. Ganz nah passiert das deutsche Kriegsschiff den maltesischen Stückgutfrachter, und die Besatzung winkt aus den mit Fässern verbarrikadierten Aufbauten herüber. "Thank you", sagt die Stimme über Kanal 16 hörbar erleichtert, "thank you very much for helping us!"
Die "Eleni G" konnte am 29. Januar gerade noch gerettet werden. Aber am selben Morgen um sieben Uhr früh wurde zum zweiten Mal ein Schiff einer deutschen Reederei von somalischen Piraten gekapert. Der Flüssiggastanker "Longchamp", auf dem Weg von Norwegen nach Vietnam, war rund 100 Kilometer südlich der jemenitischen Hafenstadt al-Mukalla überfallen und nach einer wilden Schießerei von sieben Männern erobert worden - eines von inzwischen weit mehr als hundert Handelsschiffen, die in den vergangenen zwölf Monaten von Piraten angegriffen wurden. Anfang des Jahres hatte trügerische Ruhe geherrscht, weil Regen und hohe Wellen Angriffe verhinderten. Doch mit ruhigerem Wetter ging es in der vergangenen Woche wieder los. Die Piraten kommen jetzt sogar nachts.
Inzwischen ist eine beeindruckende Streitmacht am Horn von Afrika aufgefahren, zwei Dutzend Kriegsschiffe aus zwölf Nationen haben sich versammelt, um die Wasserstraßen zu schützen (siehe Grafik Seite 30). Seit Dezember kreuzen im Rahmen der EU-Anti-Piraten-Operation "Atalanta" vier europäische Fregatten im Krisengebiet, darunter die deutsche "Karlsruhe"; weitere Einheiten, etwa aus Italien und den Niederlanden, sollen folgen. Dazu patrouillieren noch mehrere Kriegsschiffe im Rahmen der US-geführten "Operation Enduring Freedom", unter ihnen die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern". Doch die Kaperung der "Longchamp" zeigt, wie schwierig die Kontrolle des riesigen Seegebiets ist, das vom Roten Meer bis in den Indischen Ozean reicht - also etwa so groß wie Italien ist.
Als die "Longchamp" überfallen wurde, war die "Mecklenburg-Vorpommern" viel zu weit im Westen des Golfs von Aden, um dem Tanker noch beizustehen. Und auch ein Hubschrauber der "Karlsruhe", der von der 200 Kilometer entfernten Fregatte nach dem Notruf gestartet war, musste nach 50 Minuten abdrehen. Die Piraten hatten den Gastanker schon in ihrer Gewalt und drohten, den Kapitän zu erschießen. Am Montag dieser Woche forderten sie 4,7 Millionen Euro Lösegeld, da hatten sie die "Longchamp" schon vor die somalische Küste gelenkt - weit weg von dem Stützpunkt, in dem die meisten internationalen Marineeinheiten stationiert sind.
Der kleine Staat Dschibuti, kaum größer als Hessen, ist zu einer Art Feldlager geworden. In den beiden Luxushotels der gleichnamigen Hauptstadt drängen sich Soldaten in Tarnfleckuniformen. Auf dem Flughafen landen riesige Antonow-Transporter, beladen mit Helikoptern. Im Hafen liegen grau gestrichene Stahlkolosse, um Gerät zu laden und Frischwasser zu bunkern. Nebenan auf dem Kai warten Tausende Dromedare in der Mittagshitze auf ihre letzte Fahrt, die sie zum Schlachter nach Saudi-Arabien führen wird.
27 deutsche Soldaten, die eine ganze Etage im Sheraton-Hotel belegen, haben ihren logistischen Vorposten in der französischen "Base Navale" am Hafen: neun Stahlcontainer auf schwarzem Schotter unter Tarnnetz und Bundesflagge, samt Feldjägern und BND-Agentin. An Pier 10 liegen an einem Donnerstag Ende Januar die "Mecklenburg-Vorpommern" und die "Karlsruhe" nebeneinander, als hoher Besuch an Bord kommt: ein englischer Admiral, ein US-Commander, ein französischer General und ein EU-Diplomat. Trillerpfeife, Strammstehen und Salutieren auf dem Hauptdeck, Portwein und Small Talk auf der Brücke. Dann bittet der deutsche Admiral Rainer Brinkmann in die Offiziersmesse an den weiß gedeckten Tisch.
"Wir versuchen hier, ein Netzwerk aus den internationalen Playern aufzubauen", sagt der Flottillenadmiral, der derzeit auf der "Mecklenburg-Vorpommern" eingeschifft ist und sich im marinefarbenem Tuch als "Botschafter in Blau" versteht. Sein Bemühen für die Völkerverständigung scheint dringend nötig: Mit diplomatischer Untertreibung gibt Brinkmann später zu, dass der internationale Einsatz am Horn von Afrika ein "kompliziertes Konstrukt" ist.
"Der Ami", wie er gern sagt, führt vom Hauptquartier in Bahrain unter höchster Geheimhaltung die "Operation Enduring Freedom", die gegen den Terrorismus, aber auch gegen Drogenschmuggel gerichtet ist. Die Europäer befehligen ihre Operation "Atalanta" vom Hauptquartier im britischen Northwood aus. Die USA haben zudem eine eigene Taskforce gegen Seeräuber gebildet, zu der auch britische Einheiten gehören. Und dann schippern da neben Griechen und Dänen noch Chinesen, Inder, Malaysier, Japaner und Russen gegen die Piraten. Wozu dieses Durcheinander führen kann, erlebt die "Karlsruhe", als sie am 24. Januar aus Dschibuti ausläuft.
Es beginnt am Samstagabend unter funkelndem Sternenhimmel: Östlich vom "Bab al-Mandab", dem "Tor der Tränen" zum Roten Meer, versammelt die "Karlsruhe" Handelsschiffe um sich. Zwei Tage lang soll sie die Frachter und Tanker mit zwölf Knoten durch einen geschützten Korridor eskortieren, der 488 Seemeilen lang ist, 900 Kilometer, und südlich der jemenitischen Küste verläuft. Doch statt elf wie beim letzten Mal kommen diesmal nur drei Handelsschiffe zum Startpunkt "Alpha". Noch merkwürdiger: Auf der abgedunkelten Brücke zeigen Radar und Automatisches Identifizierungssystem "AIS" an, dass ein viertes ganz in der Nähe durch die Nacht gleitet. Aber gegen alle Regeln meldet es sich nicht.
"Motor Vessel 'Siziman', this is European Warship 'Foxtrott 212'", funkt der Navigationsoffizier den Tanker an, aber über Kanal 16 kommt keine Antwort. Die "Siziman" meldet sich nicht - nicht auf den Ruf mit ihrem Namen, nicht auf ihr Kennungszeichen und nicht auf die Positionsmeldung mit der dringenden Bitte zu reagieren. "Verdächtig" findet das der Offizier auf der Brücke und befiehlt die "Karlsruhe" auf Abfangkurs. Ist der unbeleuchtete Tanker vielleicht gekapert worden?
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 07/2009
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