Rebekka ist 15, Werner H. 36 Jahre älter. Er ist ihr Fahrlehrer. Dass sich ein wesentlich älterer Mann für sie interessiert, hat dem Mädchen geschmeichelt. Doch das Vertrauensverhältnis mündete in sexuellen Missbrauch. Offenbar kein Einzelfall bei Fahrlehrern. Von Ingrid Eißele, Heilbronn

Fahrlehrer Werner H. (rechts) musste sich vor dem Landgericht Heilbronn verantworten© Lukas Coch
Das Mädchen saß wimmernd in der Ecke des Behandlungszimmers, blass, von Weinkrämpfen geschüttelt. Weder Krankenschwestern noch Ärztinnen ließ sie an sich heran. Erst ihrer älteren Schwester gelang es, die schreiende, zitternde Rebekka* zu beruhigen. Sie sei vergewaltigt worden, flüsterte sie. Dann öffnete sie die Hand, die sie bis dahin krampfhaft geschlossen gehalten hatte und warf einen zerknüllten Hundert-Euro-Schein auf den Tisch. Nur Jenny*, der Schwester, verriet sie nach längerem Zögern den Täter: "Es war mein Fahrlehrer."
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Fahrlehrer Werner H., 52, einen guten Ruf in Heilbronn. Er galt als charmant und eloquent, die Konkurrenz nennt ihn etwas abfällig einen "Schwätzer vor dem Herrn." Eltern schickten ihre Töchter gern zu dem Mann, der eine der größten Fahrschulen in der Stadt betreibt, weil er "gut mit Mädels kann", eine Mischung aus Skilehrertyp und Vaterfigur, mit grauen Einsprengseln im sorgsam gebürsteten Haar, goldenem Ring am Finger und breiten Schultern, die signalisierten: Hier ist gut anlehnen.
Auch auf die 15jährige Rebekka wirkten die breiten Schultern und der lockere Plauderton, auch wenn der Lehrer 36 Jahre älter war als sie. Es habe ihr geschmeichelt, dass sich so ein "alter Mann" für sie interessierte, gestand sie später der Ärztin im Krankenhaus. Werner H. ließ Rebekka, die den Mofaführerschein machen wollte, kleine Vorführungen vor anderen Fahrschülern machen. Er machte ihr Komplimente und lud sie ein, nach der Fahrstunde mit ihm etwas zu trinken. Warum er allerdings unter all den Aspirantinnen just auf das eher unscheinbare Mädchen mit der dunklen Ponyfrisur reagierte, ist eine der Fragen, auf die er im Gerichtssaal schweigt. Auch Rebekka ist nicht zu einer Aussage vor dem Heilbronner Landgericht zu bewegen, denn sie will diesen Mann am liebsten nie wieder sehen. Als sie ihn dann doch auf dem Gerichtsflur sieht, bricht sie in Tränen aus.
Affären mit Fahrlehrern sind alles andere als selten. "Wie der Fahrlehrer beim Rückwärts einparken seinen Arm hinlegt, da hat er jede Menge Möglichkeiten", sagt die Frankfurter Psychologieprofessorin Irmgard Vogt, "ebenso, wo er die Hand hinlegt, wenn er seiner Schülerin beibringt, wie man kuppelt". Doch was ist eine unabsichtliche Berührung, was ein dezent gesetztes Signal, was ist Anmache? Glaubt man Irmgard Vogt, die sich mit sexuellen Übergriffen in Abhängigkeitsverhältnissen beschäftigt, so ist der Innenraum eines Autos voller Deutungsmöglichkeiten. In zwanzig Fahrstunden haben Lehrer und Schüler viel Zeit zum Reden, auch über Persönliches. Fahrlehrer sind Profis beim Blick in die Seelenabgründe ihrer jungen Kundinnen, die an ihrer Seite erstmals so richtig den Kick des Erwachsenenseins erleben und manchmal austesten wollen, was der Mann an ihrer Seite sonst noch so drauf hat. Die meisten Fahrlehrer, so Vogt, könnten damit umgehen, weil sie wissen, dass sie schon eine missverständliche Umarmung die Lehrerlaubnis kosten kann. Doch ebenso wie in anderen Abhängigkeitsverhältnissen - Lehrern, Pfarrern, Krankenpflegern - macht auch in dieser Branche die Gelegenheit Täter.
Etwa fünf Prozent der Fahrlehrer, schätzt Irmgard Vogt, werden handgreiflich. Das entspricht etwa dem Prozentsatz, der auch bei Pfarrern und Psychotherapeuten angenommen wird. "Nur hat es der Therapeut weit schwerer, er muss ja erst um den Schreibtisch herumkommen," so die Professorin.
In den vergangenen Jahren gab es mehr als ein Dutzend Gerichtsurteile gegen zudringliche Fahrlehrer, die ihre Schülerinnen auf einsame Waldwege dirigierten, Zungenküsse begehrten oder ihnen gar, wie ein 55jähriger Lehrer aus dem bayerischen Rottal, bei Tempo 100 unter die Bluse griffen - die Fahrschülerin erschrak so sehr, dass sie auf die Gegenfahrbahn geriet. Zum Glück ohne Folgen. Doch kaum ein Fahrlehrer war so weit gegangen wie Werner H.
Rebekka wollte zusammen mit ihrem Zwillingsbruder den Mofaführerschein machen, für sie ein wichtiger Schritt, um weg zu kommen von zu Haus. Seine Jüngste, sagte ihr Vater in den Vernehmungen zur Polizei, leide unter der "Trennungsgeschichte" ihrer Eltern. Zuhause herrschte Krieg oder Schweigen. Der Vater, ein Rentner, sitze meist vor dem Fernseher und sage "zu allem Ja und Amen", berichtete Rebekkas Schwester dem Gericht. Die Mutter arbeitete Schicht als Altenpflegerin und versuchte in der übrigen Zeit, die Tochter zu zähmen, einmal auch mit Ohrfeigen. Die Eltern seien "ziemlich verklemmt, was Jungs angeht," findet Jenny. Dass Rebekka die Pille nahm, mit ihrem Freund schlief - sie wussten es nicht. Wenn Rebekka aus der Realschule nach Haus kam, verschwand sie gleich wieder und zog mit Freundinnen durch die Stadt. Der Schwester fiel auf, wie sich Rebekka in der letzten Zeit veränderte. Freundinnen, mit denen sie sauer war, beschimpfte sie derbe als "Votz."
Jenny, die elf Jahre ältere Schwester ist seit Jahren Rebekkas engste Vertraute. Doch sie musste sich zum Zeitpunkt der Tat im August 2007 um zwei kleine Kinder kümmern und war hochschwanger mit dem dritten, sie hatte wenig Zeit für das pubertierende Mädchen.
Wie sehr sich Rebekka danach sehnte, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen, zeigt, dass sie schon auf die kleinste Freundlichkeit von Werner H. ansprang. Er lud sie nach der Fahrstunde ein, im Aufenthaltsraum etwas zu trinken. Dort waren sie allein. Sie zog ihn auf, weil er Red Bull mit Wodka nicht kannte. Sie gab die Erfahrene, erklärte ihm, wie man die Drinks mischt. Werner H., selbst Vater von zwei Töchtern, hatte schnell heraus, dass ihm dieses Mädchen eine großmäulige Show vormachte.
Lange bevor ein Abhängigkeitsverhältnis "kippt", gibt es Warnzeichen, hat Psychologieprofessorin Irmgard Vogt herausgefunden. Es fange mit kleinen Bevorzugungen an und steigere sich langsam: Die Auserwählte wird besser behandelt als andere, bekommt Sondertermine, darf kleine Aufträge erledigen. "Unabsichtliche" körperliche Berührungen häufen sich. Dann folgen Vertraulichkeiten. Die Respektsperson macht sich klein, erzählt von eigenen Problemen und bittet um Rat. Sie fragt intensiv nach sexuellen Vorlieben. "Die Atmosphäre knistert", so Vogt, "ist voll erotischer Spannung".
* Namen geändert