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Anonymous-Hacker setzen Polizei unter Druck

Die 15-Jährige Rehtaeh Parsons wird vergewaltigt, terrorisiert und nimmt sich das Leben. Die Polizei legt den Fall zu den Akten. Anonymous-Hacker rollen ihn wieder auf. Und wollen Namen nennen.

Von Sophie Albers

  Ein Foto der Facebook-Seite von Rehtaeh Parsons: Die 17-Jährige hat sich nach jahrelangen Mobbing-Attacken am vergangenen Donnerstag erhängt.

Ein Foto der Facebook-Seite von Rehtaeh Parsons: Die 17-Jährige hat sich nach jahrelangen Mobbing-Attacken am vergangenen Donnerstag erhängt.

Das Schicksal der Kanadierin Rehtaeh Parsons aus Halifax hat weltweit für Schock und Trauer gesorgt. Als 15-Jährige war sie auf einer Party von vier Mitschülern vergewaltigt worden, die davon ein Foto schossen und es ins Netz stellten. Parsons wurde verhöhnt und gemobbt. Selbst als sie Schule und Wohnort wechselte wurde es nicht besser. Das Mobbing habe sie "immer wieder vergewaltigt", wie ihre Mutter auf der Facebookseite Angel Rehtaeh schreibt. Das Mädchen wurde depressiv. Anfang April hat die 17-Jährige sich das Leben genommen.

Die Polizei hatte die Anzeige wegen Vergewaltigung und Mobbing zu den Akten gelegt, aus "Mangel an Beweisen". Die Beamten hätten gesagt, dass das online verbreitete Foto nicht ihre Angelegenheit sei, sagte die Mutter Leah Parsons dem Sender CBC.

Die Schuld der Erwachsenen

Wenige Tage nach Parsons Tod hat das Hacker-Netzwerk Anonymous sich in den Fall eingeschaltet. Nun behaupten die Hacker, die Täter gefunden zu haben. Sie drohen der Polizei, die Namen zu veröffentlichen, sollten die Beamten den Fall nicht wieder aufnehmen. Kritikern der anonymen Selbstjustiz wird entgegengehalten, das eine 17-Jährige sich umgebracht habe, "weil die Polizei es nicht geschafft hat, ihren Job richtig zu machen." Das sagte ein Anonymous-Mitglied im Interview mit dem "Vice"-Magazin.

Anonymous scheint sich der Richtigkeit der Daten sehr sicher: Die Informationen seien das Ergebnis von Internetrecherche und Informanten, heißt es. "Wir benutzen erweiterte Suchtechniken, um das Internet nach Statements, Fotos, Videos oder was auch immer zu durchkämmen. Wir können uralte Konstoausszüge von Verdächtigen finden, auf Konten, von denen sie nicht einmal mehr wissen, dass es sie noch gibt. Außerdem haben wir eine gewisse Vertrauensbeziehung innerhalb unserer Online-Community aufgebaut und unsere Informanten fühlen sich sicher, wenn sie mit uns sprechen, weil wir ihre Identitäten schützen. Wir behandeln die Informationen von ihnen so, wie die Polizei das machen würde, indem wir sie mit anderen Aussagen vergleichen und Backgroundchecks der Personen machen, von denen die Infos kommen." Die meisten Informanten seien auf sie zugekommen, "aber ein paar haben wir auch gefunden, indem wir die Internetkommunikation zwischen dem Opfer und den Verdächtigen untersucht haben".

Und Anonymous gehe es um mehr als die Verurteilung der vier Vergewaltiger. "Ich möchte gerne sehen, dass diese vier Jungen für ihr Verbrechen bestraft werden, weil sie sonst ein furchtbares Vorbild für andere junge Männer in Novia Scotia setzen. Aber noch wichtiger ist es mir, dass die Polizei und die Schule zur Verantwortung gezogen werden", so der Mann hinter der Guy-Fawkes-Maske. "Sie hatten die Verantwortung, sich um sie zu kümmern, sie zu beschützen und ihre Qualen zu lindern. Sie haben komplett versagt. Jetzt haben sie nichts Besseres zu tun, als sich alle gegenseitig zu beschuldigen."

"Sie müssen ihre Masken abnehmen"

Anonymous weiß auch schon, was passieren soll, sollte die Polizei die Verdächtigen nicht zur Rechenschaft ziehen: "Ich denke, jemand sollte die Frauen an den Universitäten, auf die diese Jungs irgendwann gehen werden, warnen, dass der Typ, der da neben ihnen sitzt, ihre Menschlichkeit nicht respektiert und ihnen bei der erstbesten Gelegenheit Gewalt antun wird." Allerdings werde er die Entscheidung über das Outing der Täter "nicht allein fällen", heißt es weiter im Interview: "Ich arbeite eng mit einer Gruppe von Menschen zusammen, und wir werden das gemeinsam diskutieren, die Konsequenzen in Betracht ziehen, und hoffentlich die richtige Entscheidung treffen. (...) Wir haben eine Menge neuer Spuren für die Polizei hevorgeholt, und wir hoffen, dass sie ihnen folgen. Wir wollen ihre Untersuchungen nicht kompromittieren."

Die Polizei wiederum wirft den Anonymous-Mitgliedern ihre Anonymität vor: "Wenn sie mit uns arbeiten wollen, müssen sie leider ihre Masken abnehmen", sagte ein Kommissar den kanadischen "cnews". Zudem sei er sehr besorgt über diese Art der Selbstjustiz. Denn - und das war im vergangenen Jahr beim Parkhausmord von Emden zu beobachten - auch wenn die Hacker es gut meinen, kann solch eine Situation in Lynchjustiz umkippen und das Leben Unschuldiger gefährden.

Ob nun wegen der Hinweise von Anonymous oder wegen der erfolgreichen Online-Petition "Justice for Rehtaeh", die bereits mehr als 400.000 Menschen unterzeichnet haben, soll der Fall tatsächlich neu aufgerollt werden. Der Vater von Rehtaeh Parsons hat sich bereits bei Anonymous bedankt.

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