Der armenische Journalist und Henri-Nannen-Preisträger Hrant Dink wurde in Istanbul auf offener Strasse erschossen, die Polizei fand vier Patronenhülsen. Dink wurde, weil er den Völkermord an den Armeniern thematisierte, immer wieder bedroht. stern.de sprach mit Toros Sarian, Sprecher des Zentralrats der Armenier in Deutschland.

Der armenische Journalist Hrant Dink wurde vor seinem Büro in Istanbul tot aufgefunden© Burak Kara/getty images
Wir wissen nur das, was aus den Pressemeldungen bekannt wurde.
Wir vermuten, das extrem nationalistische Kreise dahinter stecken. Sie arbeiten oft mit dem türkischen Geheimdienst und staatlichen Stellen zusammen. Einzeltäter werden es jedenfalls nicht gewesen sein.
Ja.
Er hat Morddrohungen erhalten, und es hat immer wieder Versuche gegeben, ihn mit Gewalt einzuschüchtern. Zuletzt vor Gericht, als Hrant Dink auf der Grundlage des Strafrechtsparagraphen 301 zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt wurde. Man wollte ihn im Gerichtssaal verprügeln. Daher glaube ich schon, dass er sich der Gefahr bewusst war.
Man hat ihn oft aufgefordert: "Liebe dieses Land oder verlasse es". Aber Hrant Dink hat sich davon nicht beeindrucken lassen. Er war ein Optimist, er glaubte, Armenier und Türken könnten irgendwann friedlich und gleichberechtigt zusammenleben. Nun wurde er hingerichtet.
Ich habe mit ihm nach dem Prozess telefoniert. Er versuchte sogar noch, den Vorfall im Gerichtssaal herunterzuspielen. Er sagte, es sei nicht so schlimm gewesen.
Hrant Dink war für die armenische Bevölkerung eine wichtige Person. Nicht nur, weil er Herausgeber der Zeitschrift "Agos" war. Sondern, weil er auch für die Rechte der Armenier eingetreten ist. Er besaß einen politischen Status. Ich weiß nicht, wer ihn ersetzen könnte.
Wir sind alle schockiert, traurig, aber auch wütend, dass so etwas passieren konnte. Der Zentralrat der Armenier wird sich in einer öffentlichen Stellungnahme äußern, es wird auch Trauerversammlungen in den Gemeinden geben.
Hrant Dink hat nicht nur für die Armenier eine Rolle gespielt, sondern auch für fortschrittliche Türken. Der Anschlag auf ihn ist ein Anschlag auf die Demokratie und die Redefreiheit. Das wird bei seiner Beerdigung hoffentlich zum Ausdruck kommen. Und ich bin sicher, dass seine Ermordung die Frage wieder auf die Tagesordnung setzt, ob der Paragraf 301, der die Verunglimpfung des Türkentums unter Strafe stellt, mit der EU vereinbar ist.
Interview: Lutz Kinkel