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2. September 2008, 12:58 Uhr

Leipzig unter Schock

Der Mord an der kleinen Michelle hält Leipzig in Atem: Während Neonazis den Fall für ihre Propaganda nutzen und damit linke Gegendemonstranten auf den Plan rufen, appellieren Bürgerinitiativen, sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Unterdessen kursieren weitere Details der Tat - eine heiße Spur hat die Polizei aber offenbar noch nicht. Von Lars Radau, Leipzig

Polizisten überprüfen am Montag in Leipzig einen Teilnehmer einer rechten Kundgebung© Sebastian Willnow/DDP

Horst Wawrzynski ist deutlich verärgert. "Das bindet Kräfte und erschwert damit die Ermittlungsarbeiten", ließ Leipzigs Polizeipräsident in einer Pressemitteilung verbreiten. Was er meinte, war am Montag im Leipziger Stadtteil Reudnitz zu beobachten: Mehrere hundert Polizisten, die in den vergangenen Tagen im Viertel intensiv nach Spuren im Mordfall Michelle gesucht hatten, waren zum Demo-Einsatz abkommandiert worden. Denn am Abend hatte sich nicht nur eine Gruppe von etwa 300 Neonazis - der Onkel Michelles zählt zu den Führungsfiguren der Leipziger Szene - auf einem Areal unweit der Schule versammelt, aus der das Mädchen am 18. August verschwunden war.

Einige Querstraßen weiter waren auch mehr als hundert linksorienterte und zum Teil vermummte Gegendemonstranten aufgezogen. Weil die Antifa auf diversen Internet-Seiten angekündigt hatte, den Aufmarsch der Neonazis "tatkräftig verhindern" zu wollen, hatte die Polizei ihr personelles Aufgebot massiv verstärkt, auch Schleichwege und Nebenstraßen abgesichert, um ein Aufeinandertreffen zu unterbinden. Gleichzeitig waren auch etliche Beamte auf dem Augustusplatz im Stadtzentrum im Einsatz, auf dem die gewissermaßen die offizielle Kundgebung über die Bühne ging.

"Zorn und Wut"

Sie war vom Verein "Leipzig. Courage zeigen" und der Bürgerinitiative Buntes Reudnitz organisiert worden - und verstand sich "ausdrücklich nicht als Gegendemo zum Rechten-Aufmarsch", wie Mit-Organisatorin Edda Möller betonte. Vielmehr wolle man den Leipzigern die Möglichkeit geben, "ihr Mitgefühl zu zeigen, ohne sich politisch vereinnahmen zu lassen". Der prominenteste Leipziger, der diese Gelegenheit nutzte, war Oberbürgermeister Burkhard Jung. Mit hörbarem Zorn in der Stimme wandte er sich noch einmal ausdrücklich gegen die "nahezu widerliche Instrumentalisierung" des Mordfalls. "Es ist verständlich, dass Michelles Tod Zorn und Wut hervorruft", sagte Jung. Dass dürfe aber nicht dazu führen, dass Rechtsextreme aus der Betroffenheit der Bürger unverfroren politisch Kapital schlagen könnten.

Auch wenn Jung es nicht explizit aussprach, war wohl jedem der etwa 100 Teilnehmer auf dem Augustusplatz klar, auf wen seine Bemerkung zielte: Unter die demonstrierenden Neonazis vor Michelles Schule hatte sich auch Holger Apfel, Fraktionschef der rechtsextremen NPD im sächsischen Landtag, gemischt. Vor der Vereinnahmung durch rechten Rattenfänger warnt auch ein offener Brief der Bürgerinitiative Buntes Reudnitz, den Helfer im Leipziger Osten nach Angaben der Initiative bereits mehr als 4000 Mal verteilt haben.

Deutlich verärgert reagierte die Polizei auch auf neue Spekulationen zu Ablauf und Details des Mordes an Michelle. "Wer immer sich da profilieren wollte, hat der Sache einen Bärendienst erwiesen", kommentierte ein Polizeisprecher einen Bericht der "Bild-Zeitung". Das Blatt schreibt, dass die Obduktion Michelles ergeben habe, dass das Mädchen missbraucht und schließlich erwürgt worden sei. Dem Bericht zufolge weise die Leiche blaue Flecken auf, zudem fehlten ihr ganze Haarbüschel. Eine DNA-Analyse habe zudem bestätigt, dass die Haare, die die Spurensicherung in der vergangenen Woche im Naherholungsgebiet "Stötteritzer Wäldchen" gefunden habe, definitiv von Michelle stammten. "Wir können das weder bestätigen noch dementieren", sagte Polizeisprecher Andreas Loepki stern.de.

Über 100 Hinweise eingegangen

Die Polizei halte bewusst an ihrer bereits kurz nach dem Verschwinden Michelles verhängten Informationssperre fest. Alles andere sei, auch in Hinblick auf die weiteren Ermittlungen, "äußerst kontraproduktiv". Schließlich sei man "auf möglichst unbeeinflusste Zeugenhinweise" angewiesen, jede "Sensationshascherei" verfälsche das Bild oder verhindere, dass sich auch Bürger mit scheinbar unbedeutenden Beobachtungen meldeten, betonte Loepki.

Bislang seien "deutlich mehr als 1000" Hinweise eingegangen. Auch Ricardo Schulz, Sprecher der Leipziger Staatsanwaltschaft, wollte lediglich bestätigen, dass seiner Behörde inzwischen ein vorläufiger Obduktionsbericht vorliegt. "Zu weiteren Details nehmen wir mit Rücksicht auf die Ermittlungen und die Angehörigen der Getöteten keine Stellung", sagte er.

Das rote Fahrrad

Bestätigt wird aus Polizeikreisen indes, dass die Ermittler und Spuren-Spezialisten zurzeit sehr genau ein rotes Kinderfahrrad, einen Fahrradanhänger und einen Stuhl untersuchen, den die Suchtrupps in einer aufgegebenen Friedhofsgärtnerei nahe des Stötteritzer Wäldchens gefunden hatten. Der Teich des Naherholungsgebietes, in dem Michelles Leiche am 21. August gefunden worden war, ist nicht weit vom Gärtnereigelände entfernt.

Damit gewännen auch die Aussagen von Zeugen an Gewicht, die Michelle am Nachmittag ihres Verschwindens auf einem roten Fahrrad gesehen haben wollen. Diese Spur hatten die Ermittler offenbar zunächst nicht weiterverfolgt - nach Informationen der "Leipziger Volkszeitung" wohl auch deshalb, weil die Eltern Michelles der Polizei zufolge verneint hätten, dass Michelle ein Fahrrad besitzt. Inzwischen, so das Blatt, schließen die Ermittler nicht mehr aus, dass Michelles Mörder das Rad womöglich als Lockmittel eingesetzt haben könnte. Offiziell allerdings gibt es auch zu diesem Detail von Polizeisprecher Andreas Loepki keinen Kommentar.

Sehr deutlich betonte er indes, dass ein weiteres kursierendes Gerücht "schlicht unzutreffend" sei: Am Sonntag hatte sich ein aktenkundiger Sexualstraftäter aus dem dritten Stock eines Abrisshauses im Leipziger Osten gestürzt. "Der Mann hat nach unseren Erkenntnissen nichts mit dem Mord an Michelle zu tun", sagte Loepki. Sein Alibi sei im Zusammenhang mit dem Verschwinden des Mädchens bereits überprüft worden. Der Fenstersturz resultiere aus dem missglückten Versuch, sich zu strangulieren, sagte Loepki. Nach Erkenntnissen der Polizei sei das nicht der erste Selbstmordversuch des Mannes gewesen.

Von Lars Radau, Leipzig
 
 
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