Im Fall der ermordeten Bankiersgattin Maria Bögerl gibt es neue Details zu der geplatzten Geldübergabe. Die Polizei ließ zu, dass das Geld umständlich über eine Gemeinde beschafft wurde. Von Malte Arnsperger und Rainer Nübel

Unweit dieses Parkplatzes sollte die Lösegeldübergabe stattfinden© Stefan Puchner/DPA
Es ist die Frage, in der die ganze Dramatik und Tragik des Falles Maria Bögerl kulminiert: Wurde die Heidenheimer Bankiersgattin von ihrem Kidnapper ermordet, weil am 12. Mai, dem Entführungstag, die Lösegeldübergabe geplatzt war? Tatsache ist: Um 14 Uhr, dem vom Täter laut polizeiinternen Unterlagen geforderten Übergabetermin, war die geforderte Summe von 300.000 Euro noch nicht beschafft und konnte vom Mann der Entführten nicht am vorgesehenen Übergabeort nahe der Autobahn A 7 abgelegt werden. Die Polizei war von Anfang an eingeschaltet. Die Entscheidung, auf welchem Weg das Lösegeld beschafft wird, lag daher bei ihr.
Umso brisanter sind neue Informationen: Wie die "Welt" jetzt berichtet, hat die Gemeinde Niederstotzingen und nicht Thomas Bögerl das Lösegeld beschafft. Der Vorstandschef der Kreissparkasse Heidenheim (KSK) war am Morgen des 12. Mai in der Gemeinde südlich von Heidenheim und hatte gerade eine dienstliche Besprechung mit dem örtlichen Bürgermeister Gerhard Kieninger in dessen Amtszimmer, als um 11.23 Uhr der Entführer bei ihm anrief.
Der Kidnapper forderte, wie die Polizei wenig später intern festhielt, "300.000 Euro, konkrete Stückelung, Übergabe 14 Uhr". Thomas Bögerl solle auf der A 7 Richtung Würzburg fahren und beim Erkennen einer Deutschlandfahne am Straßenrand den Geldsack aus dem Fahrzeug werfen. Bögerl alarmierte in Absprache mit Bürgermeister Kieninger sofort die Polizei. Mehrere polizeiliche Betreuer der Landespolizei waren wenig später bei Thomas Bögerl im Rathaus Niederstotzingen.
Die Polizei Heidenheim hat bisher erklärt, Thomas Bögerl habe angeboten, selbst das Lösegeld zu beschaffen. Die Realität stellt sich jetzt jedoch anders dar: Wie Niederstotzingens Bürgermeister Kieninger am Samstag stern.de bestätigte, entschied man sich dafür, dass die Gemeinde Niederstotzingen die 300.000 Euro besorge. Um die Identität von Bögerl zu schützen, habe man vorgegeben, einen sofortigen Kredit für die Stadt zu benötigen.
Zunächst habe man beim örtlichen Mitarbeiter der Kreissparkasse Heidenheim erfragt, ob dort das Geld in der geforderten Stückelung vorliege. Dies habe die Sparkasse verneint, so Kieninger. Doch die KSK habe angeboten, das Geld über die Landeszentralbankfiliale in Ulm, einer regionale Dependance der Bundesbank, zu besorgen. "Die Polizei wusste von unserem Vorgehen die ganze Zeit Bescheid", sagt Kieninger. Ein Sprecher der Polizei bestätigte stern.de den Vorgang. "Der Polizeiführer hat entschieden, dass diese Vorgehensweise die beste Möglichkeit ist, das Geld in der geforderten Stückelung und Menge zu beschaffen."
Wie die "Welt" berichtet, holte eine städtische Mitarbeiterin das Geld gegen 13.45 Uhr in Ulm ab. Dabei wusste die Polizei schon längst, dass die Übergabe bis 14 Uhr nicht zu realisieren war. Nicht nur, weil die Polizeibetreuer in Niederstotzingen ständig über die Geldbeschaffung in Ulm informiert waren. Nach stern.de-Recherchen hatte Thomas Bögerl bereits um 13.15 Uhr der Polizei mitgeteilt, dass es zeitlich sehr knapp werde und wohl nicht reiche, von Niederstotzingen aus das Geld rechtzeitig an den Übergabeort zu bringen.
Dass den Beamten der örtlichen Polizei und den vor Ort präsenten Ermittlern der Landespolizei bewusst war, dass die rechtzeitige Übergabe der gesamten Summe platzen würde, zeigt sich auch an einem polizeiinternen Vermerk vom Entführungstag. Daraus geht hervor, dass mit Thomas Bögerl darüber gesprochen wurde, dass er mit einem Teil des Lösegeldes und einer Nachricht an den Täter losfahren solle. Bögerl "weigert" sich, dies zu tun, hält die Polizei intern fest. Um 14.18 Uhr wird die Entscheidung von Polizeichef Volker Lück notiert: "Vollständige Lösegeldbeschaffung ist voranzutreiben."