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2. Juni 2008, 17:36 Uhr

Das neue Leben des Werner M.

Ursula Herrmann war zehn Jahre alt, als sie erstickte, in jener Kiste, die ihr Entführer im Wald vergraben hatte. Erst in der vergangenen Woche, 27 Jahre nach der Tat, wurde ein Verdächtiger verhaftet. Er hatte sich inzwischen in Norddeutschland ein neues, bürgerliches Dasein aufgebaut. stern.de skizziert die zweite Existenz des mutmaßlichen Täters. Von Tonio Postel, Kappeln

Der Sarg mit der Leiche von Ursula Herrmann beim Abtransport vom Tatort - nach über 27 Jahren ist ein neuer alter Verdächtiger verhaftet worden© Picture Alliance

Die Hafenpromenade von Kappeln an der Schlei ist ein schmaler Betonstreifen. Ein paar Segelgeschäfte gibt es dort, Fischrestaurants, Cafés. Stattliche Segelschiffe in Weiß und Blau liegen im Hafen, sonnenbebrillte Touristen genießen ihre Getränke, ein Partyboot mit lauter Musik und feiernden Jugendlichen zieht vorbei, meckernde Möwen kreisen über dem Wochenend-Idyll.

Irgendwo in diesem Ort mit seinen rund 10.000 Einwohnern lebt der Geschäftsmann Werner M. mit seiner Frau. In der vergangenen Woche wurde er verhaftet. Seither sitzt er in Augsburg in Untersuchungshaft. Denn Werner M. ist jener Mann, dem die ermittelnde Augsburger Staatsanwaltschaft vorwirft, vor 27 Jahren in Bayern ein schweres Verbrechen begangenen zu haben. Es geht um "erpresserischen Menschenraub mit Todesfolge", wie die Straftat im Juristendeutsch genannt wird. Gestorben ist die zehnjährige Ursula Herrmann. Sie erstickte in einer vergrabenen Holzkiste, in die sie ihr Entführer gesteckt hatte.

Ursula Herrmann lebte mit ihren Eltern in Eching am Ammersee. Im September 1981, am ersten Schultag nach den großen Ferien, wollte das Mädchen mit dem Rad vom benachbarten Schondorf nach Hause fahren. Aber dort kam sie nie an. Der Täter soll ihr im Wald aufgelauert, sie vom Rad gerissen und entführt haben.

Werner M. lebte damals nur rund 250 Meter vom Haus der Familie entfernt. Er habe Schulden gehabt, sagen die Ermittler der zuständigen Staatsanwaltschaft in Augsburg heute - in Höhe einer sechsstelligen D-Mark-Summe. Das Lösegeld sollte ihn von den Schulden befreien, mutmaßen sie.

Der Täter sperrte Ursula in eine 136 mal 60 mal 72 Zentimeter kleine Holzkiste. Diese ließ er 1,60 Meter tief in den Waldboden ein. Von den Eltern forderte er zwei Millionen Mark Lösegeld. In der Kiste hatte er Gebäck, Wasser, Comic-Hefte und ein Radio platziert. Für die Sauerstoffzufuhr sollte ein selbst konstruiertes Belüftungssystem sorgen. Doch das System versagte. Nasses Laub hatte die Luftzufuhr verstopft. Deshalb erstickte das Mädchen qualvoll.

Er war bereits tatverdächtig

Seither jagen die Augsburger Ermittler den Täter. Die Ermittlungsansätze füllen 400 Aktenordner. Werner M. war bereits damals tatverdächtig, allein die Beweise gegen ihn und seine möglichen Komplizen reichten bislang nicht aus.

Nun wird M. von neuen Indizien belastet. Bei einer Hausdurchsuchung im Oktober 2007 wurde im Haus des 58-Jährigen in Kappeln das laut Augsburger Staatsanwaltschaft möglicherweise entscheidende Beweisstück sichergestellt: Ein Tonbandgerät, mit dem der Entführer bei den neun Anrufen bei der Familie stets die Erkennungsmelodie des Radiosenders Bayern 3 abgespielt hatte. Beim beschlagnahmten Gerät sollen "technische Auffälligkeiten" festgestellt worden sein, die sich auch bei mitgeschnittenen Anrufen der Opferfamilie fanden.

Ein im April dieses Jahres erstelltes phonetisches Gutachten sowie die seit 2004 mithilfe feinerer DNA-Erkennungsmethoden vorgenommenen, neuen Auswertungen von Spuren und Akten hätten schließlich zur Festnahme Werner M.s geführt, erläutert der Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz in einer schriftlichen Erklärung. Und auch das Kistengefängnis soll aus einem Holz gefertigt gewesen sein, das üblicherweise zur Herstellung von Segelschiffen verwendet wird. Werner M. befasst sich beruflich mit der Seefahrt.

Die Indizien sind nun offenbar so eindeutig, dass die Augsburger Staatsanwaltschaft noch in diesem Sommer Anklage erheben will. Die Ermittlungen seien zwar noch nicht abgeschlossen, eine Anklage im Sommer aber wahrscheinlich, sagte Nemetz am Montag.

Widersprüchliche Beschreibung der Nachbarn

Werner M.s Existenz in der Kleinstadt nahe der dänischen Grenze, wo man auch plattdeutsch spricht und es nur 500 Arbeitslose gibt, ist durchaus bürgerlich, er ist voll integriert, pflegt seinerseits gerne bayerisches Kulturgut. In Kappeln ist der volle Name des mutmaßlichen Täters bekannt. Es ist bekannt, was für ein Geschäft er betrieben hat, welche Veranstaltungen er genau organisiert hat. Und Nachbarn und Freunde berichten über ihn.

Die Aussagen sind widersprüchlich. Die einen, die sich nicht mit Namen nennen lassen wollen, beschreiben ihn als "unangenehmen Typen", der "ignorant, laut und dominant", häufig betrunken und stets knapp bei Kasse gewesen sei. Zwar wolle man ihn nicht vorab verurteilen, aber wenn er es denn gewesen sei, heißt es, dann solle er ja nicht zurückkehren. "Dann soll er die härteste Strafe kriegen, die es gibt", sagt eine energische Frau auf der Straße.

"Man kann den Leuten nicht hinter die Stirn gucken"

Andere, wie Nachbar Peter S., sprechen von einem "ruhigen, sehr zuvorkommenden" Herren. Ein Freund M.s kann schwer glauben, was M. vorgeworfen wird. Der Freund ist ein kräftiger Mann mit graumeliertem Haar und groben Gesichtszügen. Er sitzt auf seiner mit Holz ausgelegten Terrasse zwischen einem kleinen Goldfischteich und blühenden Blumen und blickt auf die Schlei. Gedankenverloren sagt er: "Man kann den Leuten ja nur vor die Stirn gucken, aber nicht dahinter." Beide stammten sie aus dem Ruhrgebiet, er selbst aus Essen, Werner M. aus einem Ort in der Nähe. "Das verbindet. Er ist ein kleiner Raubär, aber ein liebenswürdiger Mensch."

Letzten Dienstag hätten er und seine Frau noch den Geburtstag von Werner M.'s Frau gefeiert. Seit der Festnahme sei sie nicht erreichbar. Man sei auch schon mit zu seiner Familie nach Bayern gefahren. "Und einmal in der Woche fahren wir mit der Frau nach Eckernförde, ins Wellenbad", ergänzt die Frau des Freundes, die auch am Tisch Platz genommen hat.

"Alles ist offen"

Aber ist Werner M. wirklich der Täter? Und wenn ja, wer hat ihm geholfen? Gegen drei mutmaßliche Mittäter wird ermittelt, zwei weitere Verdächtige sind bereits tot. Werner M. selbst gibt dazu keine Auskünfte. Vor dem Augsburger Ermittlungsrichter schwieg er, berichtete am Montag Staatsanwalt Nemetz. M. werde derzeit auch nicht verhört.

In Ursulas Herrmanns Heimatort Eching am Ammersee rührt die Festnahme des Verdächtigen indes die Einwohner. "Es sind wieder alte Wunden aufgerissen worden", sagte Siegfried Luge, Bürgermeister der 1700-Einwohner Gemeinde, der Nachrichtenagentur DPA. Schon mehrfach seien in den vergangenen Jahren mutmaßliche Täter genannt worden, die dann nicht überführt werden konnten. "Wir sind jetzt vorsichtig und wollen niemanden vorverurteilen", sagte Luge. Die Bürger der Gemeinde hoffen nach Luges Angaben, dass es endlich zu einer Verurteilung im Fall Ursula Herrmann komme. "Aber so wie es derzeit ausschaut, ist alles offen", sagte Luge.

Mit DPA

Von Tonio Postel, Kappeln
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
Bauzeichner (03.06.2008, 13:14 Uhr)
@AchazIII.
Hm. Warum darf ein Staatsanwalt, der einen früheren Fall nicht zur Verurteilung bringen konnte, keine weiteren Verbrechen verfolgen? Kein Kommissar, kein Richter, kein Staatsanwalt, kein Polizist kann für sich eine 100% Erfolgsquote in Anspruch nehmen, wenn die alle nach dem ersten Misserfolg ihren Beruf an den Nagel hängen wollten...
Soll der mal schön weiter ermitteln, die Polizei und Staatsanwaltschaft wird sicherlich noch lang nicht alle Argumente gegen den Verhafteten an die Presse gegeben haben, deswegen können wir uns auch noch gar kein Urteil darüber erlauben.
AchazIII. (03.06.2008, 08:01 Uhr)
Öffentlichkeit wird wieder einmal verdummt
In dem STERN-Artikel hat als einzig Vernünftiger der Bürgermeister von Schondorf die richtigen Worte gefunden. Es habe schon genug Verdächtige gegeben, die man wieder laufen lassen musste.
Es geht in meinem Beitrag nicht um die Tragik des ermordeteten Mädchens, sondern um einen Herrn, der der Öfentlichkeit voreilig die Lösung eines 28 Jahre alten Falles weismachen will. Ob die Beweise ausreichen, entscheidet er aber nicht, sondern die Richter.
In Sachen "Strauß" ist er auch bereits gescheitert. Das schützt aber nicht davor, erneut sich wichtigtuerisch in die Öffentlichkeit zu begeben.
h-p-t (03.06.2008, 07:35 Uhr)
@AchazIII.
die einzigste die "in den tod getrieben wurde" war das kleine mädchen das quallvoll sterben musste...
und über die dummheit der täter brauchen wir uns sicher nicht zu unterhalten.
AchazIII. (03.06.2008, 06:51 Uhr)
Ausgerechnet dieser Staatsanwalt will es wissen
Dieser Augsburger Herr hat bereits bei seinen Anklagen gegen Max Strauß in Sachen "Maxwell"/Waffenhändler Schreiber Schiffbruch erlitten und für die bayerische Staatskasse teure Gerichtskosten verursacht. Max Strauß wurde letztendlich freigesprochen. Den Waffenhändler Schreiber/Kaufering konnte er bis heute nicht aus dem sicheren Kanada bekommen.
Nun konzentriert er sich also auf den fast 30 Jahre alten Fall.
Man fragt sich: Was sind denn die neuen Erkenntnisse, die ihm zu diesem Coup veranlassten?
Wenn es eine DNA-Analyse gegeben hätte, wäre sie wohl vorher präsentiert worden. Ein heute gefundenes Tonband soll es wohl sein. So dumm wird kein Täter sein, sein Tatwerkzeug 30 Jahre mit sich rum zu führen.
Es war jedenfalls von der Augsburger Staatsanwaltschaft taktisch unklug, diesen besagten Herrn vor die Presse treten zu lassen.
Auch die Öffentlichkeit kennt mittlerweile seine Pappenheimer.
Und noch was: Man lese mal in WIKIPEDIA über diesen Fall. Man hat wohl bereits einen angeblichen Verdächtigen in den Tod getrieben.
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