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6. Juni 2008, 10:58 Uhr

Ermordet im Namen der Ehre

Morsal Obeidi war ein lebenslustiges, selbstbewusstes Mädchen. Sie träumte von einem Leben voller Spaß und von Regeln, die sie selbst bestimmte. Ihrem Bruder Ahmad aber war der Ruf der Familie wichtiger als der Freiheitsdrang der Schwester. Die Geschichte des Ehrenmordes von Hamburg. Von Martin Knobbe

Der geständige Ahmad-Sobair Obeidi wird verhaftet© dpa

Am letzten Tag ihres Lebens macht sie sich hübsch, wie sie es immer tut, bevor sie aus dem Haus geht. Verteilt eine Dose Spray auf ihr dunkles Haar. Lackiert sich die Nägel. Trägt Puder, Rouge, Lipgloss und Wimperntusche auf. Setzt grüne Kontaktlinsen ein. Zwängt sich in einen blauen Minirock und in die hohen Schuhe. Schnorrt bei einer Betreuerin eine Zigarette, spaziert mit ihr durch den Garten und sagt: "Bekommst du morgen zurück." Am nächsten Tag wird es wieder Taschengeld geben im Hamburger Kinder- und Jugendnotdienst, ihrem zweiten Zuhause. Dann fährt sie in die Stadt. Sie will Freunde treffen, und bald schon soll ihr Praktikum in einer Kindertagesstätte beginnen. Morsal Obeidi, vor 16 Jahren in Afghanistan geboren, kommt in dieser Welt ganz gut zurecht.

An seinem letzten Tag in Freiheit sitzt ihr Bruder abends mit vier Mädchen in einem Dönerimbiss, nicht weit vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt. Sie reden über seine Schwester, wie sie sich kleidet und sich benimmt. Mit welchen Jungs sie wieder gesehen worden ist. Dass sie eine Schlampe sei. Die Mädchen schnattern, er schweigt. Danach zieht er mit einem Freund weiter, betrinkt sich, telefoniert. Am selben Tag ist ein Brief von der Hamburger Justizbehörde an ihn unterwegs. Sein Antrag auf "Vollstreckungsaufschub" wurde abgelehnt. Er müsse seine Haftstrafe nun antreten. Ahmad-Sobair Obeidi, vor 23 Jahren in Afghanistan geboren, ist in dieser Welt gescheitert.

An diesem Tag, es ist ein Donnerstag, trifft Ahmad Obeidi seine Schwester Morsal gegen 23.20 Uhr auf einem schwach beleuchteten Parkplatz in der Nähe des S-Bahnhofes Berliner Tor. Ein Cousin hat sie hergebracht. Sie weiß nicht, warum.

Diesmal konnte sie nicht rechtzeitig fliehen

Ahmad sticht zu, ohne ein Wort zu sagen, mehr als 20 Mal. So heftig, dass er sich selbst die Hand dabei zerschneidet. So grausam, dass später bei der traditionellen Waschung der Leiche die Frauen in Ohnmacht fallen werden angesichts der vielen Wunden an diesem jungen Körper. Morsal Obeidi stirbt noch im Krankenwagen. Seitdem fragt man sich, was in dieser Welt schiefgelaufen ist. Warum niemand das Mädchen vor der anderen Welt beschützen konnte: vor der eigenen Familie, der sie entglitten war. Vor dem Bruder, der sie zurückholen wollte. Vor einer Welt aus Drohungen, Schreien, Schlägen.

Man fragt sich, wie die Tat geschehen konnte, wenn so viele vom Martyrium des Mädchens zu Hause wussten: die Freundinnen, die Lehrer, die Polizisten, die Sachbearbeiter vom Jugendamt, die Pädagogen im Kinder- und Jugendnotdienst.

Es hat etwas mit Morsal selbst zu tun, die jeden laut, frech und fröhlich über ihre Hilflosigkeit und Verzweiflung hinwegtäuschen konnte. Und eines besonders gut beherrschte: rechtzeitig weg zu sein, bevor ihr jemand zu nahe kam. Nur am Ende ist es ihr nicht gelungen.

Eine Familie, die fremd blieb

Es hat auch etwas mit falschem Respekt zu tun. Vor dieser anderen Welt, mit ihren eigenen Werten und dem archaischen Verständnis von Ehre. Vor einer Familie, die fremd blieb, weil sie in einer Enklave lebte.

Zuerst kommt der Vater nach Deutschland, Ghulam-Mohammad Obeidi, Pilot des afghanischen Militärs. Es ist 1992, als die islamischen Mudschaheddin Kabul einnehmen und die kommunistische Regierung vertreiben. Zwei Jahre später holt er seine Familie nach: seine Frau Nargis, die älteste Tochter Wagma, Sohn Ahmad, damals zehn, Tochter Morsal, die erst drei ist. Es ist eine Familie aus dem Krieg. Wo der Mann kämpft und Ehre etwas bedeutet. Wo Angst die Familie zusammenschweißt.

Der Vater arbeitet in Hamburg als Taxi-, dann als Busfahrer und eröffnet einen Handel für gebrauchte Busse, Lkws und Pkws. Kurz nach der Ankunft in Deutschland wird auch Omar geboren, der heute 13 Jahre alt ist, eine katholische Privatschule besucht und dort gute Noten bekommt. Die Familie zieht in eine Fünfzimmerwohnung in einem fünfstöckigen Bau aus weißem Waschbeton. Es gibt zwölf Wohnungen und graue Gitter an den Außengängen. Im Stadtteil Rothenburgsort wohnen viele Migranten, und viele verdienen ihr Geld mit Autos.

Mit der Zeit bekommen alle aus der Familie den deutschen Pass. Wer acht Jahre hier lebt, sich zum Grundgesetz bekennt und bislang zu keiner Strafe verurteilt wurde, hat für sich und seine Kinder einen rechtlichen Anspruch darauf. Sie sind nun Deutsche, auf dem Papier. Sie sind eine Familie, das ist das Wichtigste.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 23/2008

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