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28. Mai 2008, 16:01 Uhr

Giftige "Ökoballen" aus Neapel

Das Müllproblem in Neapel hat Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi zur absoluten Priorität erklärt, einen Sonderbeauftragten ernannt. Doch nun ist dessen Team in einen Skandal verwickelt: Tonnenweise giftiger Müll soll direkt auf den Deponien gelandet sein. Auch nach Deutschland könnte toxischer Abfall gelangt sein. Von Luisa Brandl, Rom

Neapel hat seit Jahren ein Müllproblem, überall in der Stadt stapelt sich der Abfall© EPA/CIRO FUSCO

Bereits im Wahlkampf hatte Silvio Berlusconi dem Müllproblem in Neapel den absoluten Vorrang gegeben. An der Lösung der Krise solle sich der Erfolg seiner Regierung messen, sagte er und versprach seine erste Kabinettssitzung in der geplagten Vesuv-Metropole abzuhalten. Berlusconi erklärte, er werde dem Notstand die gleiche Bedeutung "wie einem Erdbeben oder einem Vulkanausbruch" beimessen.

Auf der Sondersitzung in der Hafenstadt beschloss die neue Regierung denn auch, mit harter Hand durchzugreifen. Zehn Deponien sollen in Neapels Region Kampanien eröffnet werden, die Standorte seien wie "militärisches Gebiet" von Soldaten gegen gewalttätige Demonstranten zu schützen. Der Regierungschef berief den früheren Sonderkommissar Guido Bertolaso zum ihm direkt unterstellten Staatssekretär für die Bewältigung der Abfallkrise.

Giftiger Müll landete auf Deponien

Doch nun werfen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Neapel einen Schatten auf das Team des Regierungsbeauftragten Bertolaso. Dessen enge Mitarbeiterin Marta Di Gennaro steht im Mittelpunkt des Skandals um unerlaubten Handel mit Müll und rechtswidriger Müllverwertung mit "schweren Folgen für Umwelt und Gesundheit", so der Vorwurf.

25 Staatsbedienstete und Unternehmer stehen unter Hausarrest, darunter auch der Präfekt von Neapel und frühere Müll-Sonderkommissar Alessandro Pansa und die Chefs der Verwertungsfirmen Fibe, Fisia und Ecolog. Laut Staatsanwaltschaft soll unbehandelter Müll als verbrennbarer Restmüll ausgewiesen worden sein. Der Abfall landete - so wie er auf der Straße aufgesammelt worden ist - direkt auf den Deponien, so die Ermittler. Der Unrat wurde nur vorher eingestampft und sah damit täuschend ähnlich aus wie die "Ökoballen" genannten Müllpakete mit aussortiertem, für die Verbrennung geeigneten Unrat.

In der mehr als 600 Seiten starken Ermittlungsakte rollt die Staatsanwaltschaft die illegalen Machenschaften der Müllkommissare von 2005 bis 2007 auf. Ein gigantischer Betrug, so die Ermittler, um die Müllabfuhr in Neapel nicht völlig zum Erliegen kommen zu lassen. Die süditalienische Metropole kämpft seit 15 Jahren mit einem erdrückenden Müllproblem. Und die Verwertungsanlagen kommen offensichtlich mit der Abfalltrennung nicht nach. So wurde die Trennung des giftigen Unrats von verbrennbaren Stoffen zwar auf dem Papier bescheinigt, aber in Wahrheit vernachlässigt. Tausende Tonnen toxischer Abfälle sollen so auf den Müllhalden entsorgt worden sein.

Die falschen "Ökoballen" sollen auch mit getürkten Papieren auf die Züge nach Deutschland geladen worden sein. Ludwig Ramacher, Manager des Abfallriesen Remondis aus Lünen, zeigte sich gegenüber La Repubblica bestürzt über die Verhaftung der Bosse von Ecolog. "Wir haben sieben Jahre lang zusammengearbeitet. Es schien alles in Ordnung zu sein," sagte Ramacher der Tageszeitung. Remondis hat in den vergangenen Jahren laut zeitung "Repubblica" insgesamt rund zwei Millionen Tonnen Müll aus Kampanien abgenommen.

Staatspräsident Giorgio Napolitano mahnt

Die Ermittlungen stützen sich auf die Protokolle abgehörter Telefongespräche. Aus diesen Protokollen zitiert der "Corriere della Sera". Demnach berichtete Marta Di Gennaro im Juni 2007 ihrem Chef Bertolaso, was sie auch den Menschen vor Ort gesagt hatte - dass sie "bei der Müllhalde in Terzigno tricksen" müssen. Das Problem sei nämlich, dass der unbehandelte Abfall stinkt.

Laut der Tageszeitung beriet sich Di Gennaro darüber auch mit dem hochrangigen Beamten aus dem Umweltministerium, Gianfranco Mascazzini. Der Beamte verspricht zu helfen, er sei auf der Suche nach einem "Zauberpulver", etwa Kalk, der unter den Müll gemischt den Gestank eindämme. Der "Corriere" zitiert auch aus einem weiteren Gespräch zwischen Bertolaso und Di Gennaro, das sich kurz vor dessen Rücktritt als Sonderkommissar wegen der Widerstände des Umweltministers zugetragen hat. Bertolaso: "Ich werde die Gutachter des Ministeriums allesamt in die Pfanne hauen."

Zur Krise in Neapel äußerte sich Staatspräsident Giorgio Napolitano und mahnte: "Wir dürfen die Fronten nicht verhärten lassen oder dem Druck vor Ort nachgeben." Nachdem es vorige Woche in Chiaino am nordwestlichen Stadtrand Neapels erneut zu Ausschreitungen wegen der dort geplanten Eröffnung einer Deponie gekommen war, hatten Staatssekretär Bertolaso und Präfekt Pansa einen Kompromiss mit den Anwohnern errungen. Die Demonstranten räumten die Blockade der Zufahrtsstraße und gewährten einem Team aus Gutachtern - einige darunter waren von den Gegnern der Deponie bestimmt worden - Zugang zum geplanten Standort.

Nun sollen die Experten innerhalb von 20 Tagen ermitteln, ob sich Chiaino für die Errichtung der Deponie eignet. Doch das prekäre Gleichgewicht zwischen Anwohnern und Bürgermeistern auf der einen Seite und den Staatsvertretern aus Rom auf der anderen droht nun ins Wanken zu geraten. Durch die Ermittlungen ist die Glaubwürdigkeit von Bertolaso und Pansa, die eigentlich die Ordnung in Neapel wieder herstellen sollen, zunächst mal erschüttert.

Von Luisa Brandl, Rom
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
ecomoc4u (29.05.2008, 13:20 Uhr)
die mafia
hat sich seit ca. 10 jahren auf müll spezialisiert. das ist eine alte geschichte, weil ca. 10 jahre alt.
.
wieviel geld mann mit müll verdienen kann, weiss man in berlin.
die brd ist trauriger weltmeister im müllverkauf, wohlwissend, das dieser müll nicht entsorgt wird, sondern einfach in dünnbesiedelte landstriche gekippt wird. namibia ist hierfür das traurigste beispiel.
boekkie (29.05.2008, 10:46 Uhr)
Was will man erwarten...
...von einem egozentrischen Selbstdarsteller mit aufgenähtem Eichhörnchenfell als Kopfhaarersatz? Dass Berlusconi so ist, wie er ist,ok, das lässt sich nicht ändern. Dass aber die italienische Bevölkerung so unglaublich blendbar ist, dass ist eine Katastrophe. Die grossen Wahlreden, dass die höchste Priorität die Müllentsorgung in Neapel hat, war doch schon ein grosser Witz. Sollte die Müllsituation sich einmal normalisieren, dann sicher nicht auf legalem Wege. Giftmüll? egal, den vergraben wir irgendwo oder verscherbeln es an das (naive und ignorante oder geldgierige) umliegende Ausland. Oder werfen ihn über Nacht ins Meer. Giftalgenplage? Ist doch nicht so schlimm, die dummen Touris kommen ja doch jedes Jahr wieder! Da darf man sich noch fragen, was das tolle Konstrukt "EU" jetzt eigentlich soll; macht doch sowieso jeder, was er gerade will. Und ganz sicher Italien.
paulali (29.05.2008, 10:22 Uhr)
ekelhaft
die Verantwortlichen gehören mit ihren Köpfen in den Toxinmüll gesteckt, die darauf höchstwahrscheinlich folgende notwendige Krebsbehandlung gehört verwehrt und die Personen als Sondermüll entsorgt.
Wieso "glaubt" man bei der Einfuhr nach Deutschland, dass der Müll in Ordnung ist. Werden da keine Proben genommen ? wie ekelhaft unverantwortlich und krank ist das denn ? Das ist ja völlig unglaubwürdig, zudem das Müllproblem in Italien ja nun lange bekannt ist.
endbenutzer (29.05.2008, 10:08 Uhr)
Ich finde es schon ziemlich...
...absurd, was in Italien passiert. Da wird sehenden Auges in Kauf genommen, dass ganze Städte in Müll versinken und niemand hält es für nötig etwas zu tun. Eine Schande für das Land. Was tun eigentlich dort die Politiker? Diese Situation kann doch niemandem ernsthaft gefallen...
Ptolemeus (29.05.2008, 09:41 Uhr)
Glauben ist gut, Wissen wäre besser
Mir gefällt der Satz "auch nach Deutschland könnte toxischer Abfall gelangt sein". Nun das war doch von Anfang an klar. Ich selbst wohne seit langem in Süditalien. Der hochgiftige Abfall, der seit Jahrzehnten vor allem in Süditalien "entsorgt" wird, hat nachhaltig die Böden so stark vergiftet, daß alle Agrarprodukte bis hin zum bekannten Mozarella vorseucht sind. In den großen Mengen von Abfall, der natürlich nicht sortiert ist, und den Italien in höchster Eile ( vor allem nachts ) nach Deutschland entsorgt, ist jede Menge toxisches Material enthalten. Komisch nur, daß die Deutschen den Italiern glauben und nicht nachprüfen was sie in ganzen Güterzügen aus bella italia zum Verbrennen bekommen.
StefanAugsburg (29.05.2008, 09:36 Uhr)
Viva Italia
Was erwarten wir von einem Staat, der es seit Jahrzehnten nicht schafft, eine stabile Regierung für längere Zeit aufrecht zu erhalten, deren Wirtschaft zum Teil von der Mafia gelenkt und finanziert wird, dessen Wähler zum dritten Mal einen Mann gewählt haben, der erwiesenermaßen nur daran interessiert ist, sich und seine Schäfchen sowie rechtlich als auch finanziell in trockene Tücher zu packen und der beste Kontakte zur Mafia pflegt,der ein Rechtssystem hat, das seine Akten bei Gerichtsverhandlungen auf den offenen Fluren lagert, weil es keine richtige Registratur gibt und der bei Betrügereien mit EU-Subventionen nach wie vor einen Spitzenplatz einnimmt ?
Das Thema Umweltschutz und Müllentsorgung spreche ich lieber erst gar nicht an, hier scheint Italien auf einem Stand zu sein, der unseren 60er-Jahren entspricht (oder noch früher). Viva Italia kann ich da nur sagen ....
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