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Zur Obsternte ins Regierungsviertel

In vielen deutschen Städten verderben die Früchte herrenloser Obstbäume, weil sie keiner erntet. Eine Website verrät, wo genau die Bäume stehen und weist Selbstpflückern den Weg zum Gratisobst.

Kirschen vor den Ministergärten, Mirabellen beim Flughafen Tempelhof - wer Obst essen will, muss in Berlin nicht unbedingt in den Laden oder auf den Markt gehen. Denn die Hauptstadt bietet Früchte in Hülle und Fülle, für die nicht gezahlt werden muss. Wer die "öffentlichen" Obstbäume finden will, dem empfiehlt der 37-jährige Unternehmer Kai Gildhorn: "Einfach die Augen offen halten" - oder auf www.mundraub.org nachschauen, einer Webseite, die Gildhorn mit Gleichgesinnten ins Leben gerufen hat. Dort sind frei nutzbare Obstbäume in ganz Deutschland und darüber hinaus verzeichnet.

Die Idee kam Gildhorns Freundin Katharina Frosch bei einer gemeinsamen Paddeltour in Sachsen-Anhalt. Frosch sah Früchte, die an den Bäumen verdarben und ärgerte sich darüber. Die Internet-Plattform liefert jetzt Informationen über "herrenlose oder vergessene Obstbäume an Landstraßen, in verlassenen Gärten oder auf Grundstücken von Menschen mit wenig Zeit", wie es dort heißt. Wer einen solchen Baum entdeckt, kann die Informationen auf die Seite stellen. Piktogramme zeigen, ob es sich etwa um Pflaume, Zwetschge oder Orange handelt, kleine Zusatzinformationen sollen das Auffinden des Baums ermöglichen.

"Wir wollen nicht zum Diebstahl animieren"

Rund 500 Hinweise haben die Männer und Frauen von mundraub.org bereits erhalten - vom Birnbaum am Rundweg nach St. Moritz bis zum Baum "mit aromatischen Wildkirschen" auf einer Schären-Insel vor Tättö Havsbad in Schweden. Auch die Kirschbäume in den Ministergärten vor den Landesvertretungen im Berliner Regierungsviertel sind dabei. Besonders viele Piktogramme sind für die Hauptstadt und ostdeutschen Länder zusammengekommen, während die Tipps für Baden-Württemberg und Bayern noch eher spärlich sind.

Dass mundraub.org mit seiner Initiative Obstbaum-Besitzern auf die Füße treten könnte, ist Gildhorn und seinem Team klar. "Wir sind uns bewusst, dass vermeintlich herrenlose Bäume, wie zum Beispiel an einer verlassenen Landstraße, jemandem gehören könnten", erklären sie auf der Homepage und fügen hinzu: "Ob Bund, Land oder Privatperson - wir wollen nicht zum Diebstahl animieren!" Die Homepage-Betreiber kündigen an, sich darum zu kümmern, dass die Besitzer ihre Bäume für alle sichtbar freigeben. "Damit ihr ohne schlechtes Gewissen nach Herzenslust mundrauben könnt."

Non-Profit-Plattform mit politischem Hintergrund

Was klingt wie eine Spaßaktion, hat einen politischen Hintergrund. "Wir wollen, dass man wieder ein Bewusstsein bekommt für das, was vor der Haustür ist und nicht Äpfel aus Südafrika oder Neuseeland isst", sagt Gildhorn. Die herrenlosen Äpfel und Birnen sollten - anders als beim tatsächlichen Mundraub - nicht nur privat konsumiert werden, wünschen sich die Webseiten-Macher.

Wo sie im Überfluss vorhanden sind, sollen sie zu Produkten verarbeitet werden und damit "der Wertschöpfung dienen". In Brandenburg, sagt Gildhorn, gebe es eine Million Bäume. Die berühmten Alleen seien von der DDR sogar angelegt worden mit dem Ziel, die Früchte zu verwerten. Bevor jemand damit anfängt, solle er sich jedoch beim Straßenbauamt erkundigen, ob es sich um öffentlichen Baumbestand handelt.

Mundraub.org wurde bereits vom Rat für nachhaltige Entwicklung bei dessen jüngster Jahreskonferenz als eine von zehn Nachhaltigkeitsinitiativen präsentiert. Finanziellen Gewinn streben die Macher nicht an. "Es ist eine Non-Profit-Plattform", sagt Gildhorn. Das Wissen, das er sammelt, nutzt der gelernte Umweltingenieur auch selbst: Neulich hat er in Nauen zwei Kilo Kirschen gepflückt und zu Marmelade verkocht. Die Bäume in den Ministergärten sind übrigens längst abgeerntet.

Mechthild Henneke, AFP/AFP

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