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22. Dezember 2004, 11:21 Uhr

Multikulti im Mikrokosmos

Das Wort Parallelgesellschaft nimmt in St. Georg niemand in den Mund. Dabei leben hier, hinter dem Hamburger Hauptbahnhof, Moslems neben Stripperinnen neben Junkies neben Schwulen neben Familien - ein Gang durch das Multikulti-Musterviertel. Von Özlem Topcu

Ein Stück Orient in Deutschland: Die Centrumsmoschee in Hamburg St. Georg© Özlem Topcu

Vorbei an den Bahnhofssäufern, da fängt St. Georg an. Der Steindamm macht mit seinen Striplokalen und Sexshops auf Reeperbahn, eine Straße weiter reihen sich schicke Edelgaststätten aneinander, hier und da Allerweltsgeschäfte: türkische Gemüseläden, teure und billige Boutiquen, Import-Export-Läden. Und überall im Viertel: die immer wieder kehrende Drogenszene, eine Schwulen- sowie die muslimische Gemeinde. Vielen St. Georgianern liegt das Image ihres Stadtteils sehr am Herzen, dass aber die Vorstellungen ziemlich unterschiedlich sind, versteht sich von selbst.

Unterschiedliche Interessen und Ansichten

Deshalb treffen sich die engagierten Gruppen in der "Interessensgemeinschaft St. Georg", in der organisatorische und alltägliche Fragen des Stadtteils gemeinsam besprochen werden. Zu ihren Mitgliedern gehört neben dem lokalen Bürgerverein, der Kirche, der Post, dem Einzelhandel und verschiedenen sozialen Einrichtungen auch die Centrumsmoschee. Die Moschee ist im "Bündnis der Islamischen Gemeinden in Norddeutschland" (BIG) organisiert, einem Dachverband, der 18 islamische Gemeinden in Norddeutschland umfasst. Von den 50 Moscheen in Hamburg sind neun im BIG organisiert.

"Das ist hier in St. Georg doch ganz normal. Wir haben hier eine Homosexuellen-Community, wir haben Junkies, den Einzelhandel und die Anwohner. Man muss doch zusammen leben können", sagt Ahmet Yazici, der stellvertretende Vorsitzende des BIG.

Wenn sich Sozialarbeiter, Vertreter der Wirtschaft und der Moschee an einen Tisch setzen, müssen alltägliche, aber auch durchaus kontroverse Probleme erörtert werden - da bleibt nicht viel Zeit für die ideologische Keule: "Wir versuchen zusammen Lösungen zu finden. Das klappt ganz gut. In St. Georg stört sich keiner an irgendjemandem oder irgendwas", hält Yazici fest.

Kein "Kampf der Kulturen", dafür Predigten auf Deutsch

Im Mikrokosmos von St. Georg scheint der von vielen Seiten der deutschen Gesellschaft heraufbeschworene "Kampf der Kulturen" keinen Platz zu haben. Zwar lässt sich die Neugier auf die jeweils andere Seite nicht aufzwingen und Vorurteile bleiben bestehen. Aber in dem Hamburger Stadtteil ist diese Neugier pragmatisch und spiegelt sich spätestens in der Zusammenarbeit der einzelnen so unterschiedlichen Interessensvertreter wider.

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