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30. November 2011, 15:23 Uhr

Jagd mit Hindernissen

Henri Haiti, der mutmaßliche Mörder des deutschen Seglers Stefan Ramin, hat sich gestellt. Sieben Wochen lang hatte die Polizei zuvor vergeblich die kleine Südseeinsel auf den Kopf gestellt. Warum? Von Joseph Jaffé, Nuku Hiva

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Der Mord am deutschen Segler Stefan Ramin auf der Südseeinsel Nuku Hiva steht vor der Aufklärung© Kurt Scholz/DPA

Die Spezialeinheit der französischen Polizei war dem des Mordes verdächtigen Henri Haiti oft dicht auf den Fersen, kam aber jedes Mal zu spät. Zeugen, die den 31-Jährigen angeblich gesehen hatten, meldeten sich meist mit Verspätung bei der Gendarmerie, immer neue Gerüchte hatten die Fahnder auf falsche Fährten geführt.

Wie konnte sich ein des Mordes verdächtiger Mann so lange auf der Südseeinsel Nuku Hiva verstecken, die nicht größer ist als das Land Bremen? Das fragten sich zuletzt nicht nur die Polizisten, sondern auch viele Bewohner der Insel. Mutmaßungen machten die Runde: Wurden die Verfolger gezielt in die Irre geführt? Wurde der Flüchtige von Verwandten und Bekannten gedeckt? Was den französischen Polizisten blieb, war, auf Zeit spielen, die Taktik der Verfolgung häufig zu ändern, auf einen entscheidenden Hinweis zu warten, auf einen Fehler des Gesuchten zu hoffen, vielleicht auch auf dessen Aufgabe.

Das ist nun geschehen. Und viele betonen, dass er es selbst war, der sich der Polizei gestellt hat. Und sie sind erleichtert. In ganz Französisch Polynesien war nie zuvor ein Tourist ermordet worden. Und auch der Vater des Verdächtigen, der zeitweise zusammen mit den Polizisten die Insel durchstreifte, hatte es sich sehnlich so gewünscht: Dass er herauskommt aus dem Wald und redet. Jetzt war er endlich nach Hause gekommen. Der Vater rief die Polizei, die holte ihn wenige Stunden später ab.

Nachts scheint nur das Mondlicht

Die stark zerklüftete Südseeinsel bietet viele Verstecke: Höhlen in Felswänden, Grotten am Meer, dichtes Unterholz, nur eine einzige Straßenverbindung zwischen abgelegenen Häuseransammlungen, dafür viele Jagdpfade, Jagdhütten in entfernten Winkeln.

Doch es war nicht nur durch das dichte Grün, das die Suche so schwer gemacht hat.

Nachts scheint nur das Mondlicht. Nicht immer, und nur wenn die Wolken um diese Jahreszeit den Sternenhimmel freigeben. Dunkelheit ist auf einer Insel in den Weiten des Pazifischen Ozeans, auf der es nur ein einziges großes Dorf gibt, und sonst keine Laternen, wirklich dunkel. Dann sind nicht nur eine Dose Corned Beef, etwas gekochter Reis oder Fleisch schnell versteckt. Es war für Henri Haiti leicht, sich mit Unterstützern zu treffen. Und sich, wenn alle schlafen, und nicht einmal die Hunde anschlagen, nach Verabredung in ein Haus zu schleichen, um sich zu duschen und zu rasieren, die Kleidung zu wechseln, um dann wieder im Dunkel zu verschwinden.

So schien die Herausforderung für die Fahnder inzwischen weder die Felswände noch die tropische Vegetation zu sein. Die Falle, in die die französischen Polizisten auf der Südseeinsel getappt waren, war eine historische. Denn noch immer repräsentieren die Gendarmen eine als fremd empfundene Macht. Die Marquesas-Inseln wurden 1842 von Frankreich in Besitz genommen. Der Status dieses Überseeterritoriums veränderte sich im Lauf der letzten 160 Jahre, und seit Anfang der Achtzigerjahre sind sie autonom. Dennoch hat der französische Staat an wichtigen Zentralkompetenzen wie der Justiz, und damit der Strafverfolgung, festgehalten. Eine Festlegung in der Verfassung, die für alle französischen Territorien gilt - und die Marquesas sind, trotz aller Autonomie, französisches Territorium - und damit Teil der Europäischen Union.

Vernichtung der Marihuana-Felder

Eine auf der Insel unerwünschte Nebenwirkung der Streifzüge der Gendarmen durch unwegsames Gelände war die Zerstörung von kleinen Marihuanafeldern, angelegt von häufig arbeitslosen jungen Männern zum eigenen Konsum. In diesem Jahr aber auch zum Verkauf. Denn im Dezember wird auf Nuku Hiva ein großes Festival der Südseekulturen stattfinden, auf dem sich die Bewohner aller Inseln in Tanz und Gesang miteinander messen werden.

Auch viele "hao’e" werden kommen, Fremde, und das ist jeder, der nicht "enana" ist, also dunkler Hautfarbe. Und "pakalolo", wie Marihuana hier heißt, wird vor allem von den "hao’e" nachgefragt, das sind auch die auf den Inseln lebenden Franzosen. Diese, zumeist Funktionäre mit gesichertem Einkommen, sind zahlungskräftige Kunden. Und ausgerechnet jetzt, wo Weihnachten vor der Tür stand, durchkreuzten die Gendarmen durch die Vernichtung der Ernte so manches Geschenk auf den Wunschzetteln der jungen Männer der Insel. Dass Marihuana nun notgedrungen durch Alkohol ersetzt wird, verstärkte noch die Nervosität und Gereiztheit.

Die vielen Gendarmen auf der Insel erzeugten eine Anspannung, die manchen Streit auslöste. Lokale Spurensucher wurden beschuldigt, die Vertreter der fremden Macht zu den Feldern geführt zu haben. Sie dienten damit nur den "Kolonialherren" und verrieten die "eigene Sache" der Inselbewohner, was immer diese auch ist, das Gedenken der durch die Eroberer zu Tode gekommenen Ahnen oder der illegale Anbau von Marihuana.

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