Nach der Narkose begann der Albtraum

22. November 2012, 19:38 Uhr

Ein Pfleger der Berliner Charité soll eine 16-Jährige vergewaltigt haben. Er steht im Verdacht, auch Kinder missbraucht zu haben. Der Klinikchef muss zugeben: "Drei Mal aufgefallen, ein Mal erwischt." Von Elias Schneider

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Von ihm wird schnelle Aufklärung des Skandals gefordert: Charité-Chef Karl Max Einhäupl©

Eine Vergewaltigung ist für jedes Mädchen und jede Frau ein Alptraum. Sie leiden Jahre oder Jahrzehnte darunter, manche ihr Leben lang. Wie muss es dann erst sein, wenn das Opfer an einem vermeintlich sicheren Ort der Heilung und Pflege missbraucht worden ist? Mit einem solchen Schicksalsschlag muss offenbar eine 16-jährige Berlinerin fertig werden. Das Mädchen wurde als Notfallpatientin in die Rettungsstelle des Virchow-Kinderklinikums der Charité eingeliefert und dort mutmaßlich von einem Pfleger vergewaltigt, als es unter dem Einfluss von Narkosemitteln stand.

Sollten sich die Missbrauchsvorwürfe gegen den 58-Jährigen bewahrheiten, sähe das immer noch renommierte Klinikum einem Skandal entgegen, der alle früheren der alle bisherigen Blamagen und Probleme des Krankenhauses in den Schatten stellen würde. Zumal es nicht allein um die mutmaßliche Vergewaltigung geht, sondern auch darum, dass der Fall tagelang verschwiegen wurde. Außerdem steht der Beschuldigte im Verdacht, weitere Straftaten mit sexuellem Hintergrund begangen zu haben.

Es war mitten in der Nacht, als die 16-Jährige in die Rettungsstelle eingeliefert wurde. Während ihrer Betäubung hatte der beschuldigte Pfleger nach Vermutungen der Ermittler wohl nur drei Minuten Zeit, um sich an ihr zu vergehen. Als das Mädchen erwachte, soll der Mann sie immer noch unsittlich berührt haben. Unverständlich, dass später weder von den Eltern, denen sich das Mädchen anvertraute, noch von der Charité eine Strafanzeige gestellt wurde. Erst nach einer Woche wurde der Fall publik – durch einen Zeitungsartikel.

Schwierige Aufklärung

Die Berliner Staatsanwaltschaft leitete ein Ermittlungsverfahren ein. Die Aufklärung dürfte nicht einfach werden – unter anderem wegen der für Missbrauchsfälle langen Zeitspanne seit der Tat. "Beweismittel wie DNA-Spuren gibt es leider nicht mehr", sagte Martin Steltner, Sprecher der Anklagebehörde. "Darum müssen wir vor allem auf Zeugenaussagen zurückgreifen - etwa die der mutmaßlich Geschädigten." Der Tatverdächtige sei nicht wegen ähnlicher Delikte strafrechtlich auffällig geworden.

Der Chef der Charité, Karl Max Einhäupl, bemüht sich um Schadensbegrenzung. Er besuchte am Mittwochabend die Eltern der Missbrauchten. Der Pfleger wurde den Angaben der Klinik zufolge ohne Aussicht auf Wiedereinstellung suspendiert. Das Spital werde "alles dafür tun", den Vorfall aufzuklären. Außerdem wurde eine Hotline für besorgte Eltern und Angehörige eingerichtet: Dort stehen psychologische Fachkräfte für Gespräche bereit.

Pfleger arbeitete auch auf der Kinderstation

Der beschuldigte Pfleger arbeitet seit rund 40 Jahren an dem renommierten Universitätsklinikum. Möglicherweise verging er sich schon früher an Patienten im Kindesalter. Klinikchef Einhäupl spricht in diesem Zusammenhang von drei ihm bekannten Ereignissen, die "schon mindestens fünf Jahre zurückliegen". Er habe erst am Dienstag durch Kollegen von den Vorfällen erfahren – aktenkundig waren sie bisher nicht. Wenn die Informationen der Wahrheit entsprechen, stellen sich verstörende Fragen: Warum benachrichtigten die Mitarbeiter, denen die pädophilen Neigungen des Pflegers auffielen, nicht die Klinikleitung? Warum verhinderten sie nicht zumindest, dass der Mann lange Zeit auf der Kinderkrebsstation und der Rettungsstelle für Jungen und Mädchen tätig sein konnte?

Die Staatsanwaltschaft konzentriert sich zunächst nur auf den jüngsten Fall. Die Aussagen der Kollegen müssten mit Vorsicht geprüft werden, sagte Sprecher Steltner. "Im Hinblick auf etwaige weitere Fälle müssen wir uns hüten, voreilige Schlüsse zu ziehen."

Wo Kinder sind, muss besser hingesehen werden

Die Empörung über den mutmaßlichen Missbrauchsfall ist groß. Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) forderte personelle Konsequenzen von der Charité: "Das Ereignis ist schockierend. Jetzt müssen unverzüglich alle Fakten auf den Tisch." Sie und andere Politiker fordern rasche Aufklärung.

Zumal in Berlin dunkle Erinnerungen wachwerden: Zum einen an den "Todesengel", die Krankenschwester Irene B., die zwischen 2005 und 2006 fünf Menschen auf der kardiologischen Intensivstation der Charité tötete, indem sie ihnen Medikamente in Überdosis spritzte. Auch damals griffen Kollegen nicht ein. Diverse Missbrauchsfälle im privaten Helios Klinikum in Buch am Rande der Stadt liegen noch nicht lange zurück. Dort hatte ein junger Pfleger sich 2010 an drei kleinen Jungen vergangen. Er wurde nach Strafanzeige der Eltern zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Auch dort waren die Klinikverantwortlichen aus allen Wolken gefallen - danach hatten sie zusammen mit Kinderschutzverbänden ihren Patientenschutz völlig umgekrempelt.

Die Charité zog ebenfalls Konsequenzen aus früheren Skandalen. Sie richtete für Mitarbeiter ein Meldesystem für Beinahe-Fehler sowie ein anonymes Vertrauenstelefon ein. Laut Pflegedienstleitung laufen dort zwei bis drei Anrufe ein - pro Jahr.

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