Als das Böse das Paradies besuchte

16. Dezember 2012, 17:13 Uhr

Das Massaker hat Newtown für immer verändert. Das Paradies wurde vom Bösen heimgesucht. Die Bewohner taumeln durch eine neue, brutalere Welt. Szenen aus dem Unglücksort. Von Karsten Lemm, Newtown

Newtown, Amoklauf, Connecticut, USA, Massaker, Grundschule, Sandy Hook Elementary School

Die Bewohner von Newtown sind fassungslos angesichts des Verbrechens, das sich in ihrer Stadt ereignet hat©

Es ist ein Albtraum. 20 Kinder hat Adam Lanza am Freitag in der Sandy-Hook-Grundschule erschossen, sechs Frauen, die in der Schule arbeiteten - und zuvor seine Mutter, Nancy Lanza. Nach und nach gelangen immer mehr Details der Bluttat an die Öffentlichkeit. Wie viele Kugeln aus seinem halbautomatischen Gewehr die Körper durchschlugen, wie entsetzt selbst Gerichtsmediziner sind, wie heldenhaft und selbstvergessen sich die Lehrerinnen dem Mörder entgegenwarfen. Noch ist nicht klar, was Adam Lanzas Amoklauf auslöste, wie es zu dieser Wahnsinnstat kommen konnte. Das "Warum?" ist unbeantwortet. Klar ist nur, welches Leid er verursacht hat. Und klar ist, dass diese Tat unausweichlich mit dem Namen Newtown verknüpft bleiben wird. "Das Böse hat unsere Gemeinde besucht", sagte Connecticuts Gouverneur Dan Malloy am Freitag. Wie geht diese Gemeinde mit diesem "Besuch" um?

Hilflose Hilfsbereitschaft

Vor der der improvisierten Gedenkstätte an der freiwilligen Feuerwehrstation von Sandy Hook stehen Myra Leuci, 47, Finanzmanagerin, und ihr Mann Anthony Leuci, 46. Das Paar hat drei Söhne im Alter von neun, 13 und 15 Jahren. Keines der Kinder ging auf die Elementary School, aber der Neunjährige, Steven, war im selben Ringer-Club wie eines der Opfer. "Das Training findet hier in der Schule statt", sagt Myra Leuci und nickt mit dem Kopf in Richtung Grundschule. "Vorige Woche erst hat die Mannschaft eine Bronzemedaille gewonnen."

Ein automatischer Anruf gab am Freitagmorgen Alarm: Die Schulen waren im Ausnahmezustand, im "Lock-Down Mode". Es gab keine weitere Erklärung. "Ich habe mir erst gar nichts dabei gedacht", sagt Myra Leuci. "Wir hatten so etwas schon öfter. Einmal war einer aus dem Gefängnis ausgebrochen, und im vorigen Jahr hatten wir einen Bären in der Stadt." Selbst als klar wurde, dass es um eine Schießerei ging, machte sie sich noch keine großen Sorgen: Die USA sind ein Land, das Woche für Woche fast 600 Menschen durch Waffengewalt verliert - 30.000 im Jahr, eine Stadt so groß wie Newtown. "Dass an der Schule selbst etwas passiert sein könnte, lag mir völlig fern", sagt Leuci. "An Columbine habe ich in keinem Augenblick gedacht."

Erst als das Sirenengehäul der Kranken- und Polizeiwagen kein Ende nahm, als die ersten Medienberichte alle Augen der Nation auf ihr verschlafenes Städtchen in Neuengland lenkten, setzte auch bei der dreifachen Mutter der Ausnahmezustand ein: Zwar waren ihre eigenen Kinder sicher - ihr 15-jähriger Sohn musste in der Highschool stundenlang in einem Schrank ausharren, bis der "Lock-Down-Mode" aufgehoben wurde; er schickte der Mutter eine SMS: "I’m safe.") - doch eine gute Freundin bangte um das Überleben ihrer Tochter, die auf die Grundschule geht. Mit einer Gruppe von Müttern wartete Leuci auf die erlösende Nachricht. "Wir kauerten vor dem Fernseher und hofften, dass alles gut ausgeht."

Tatsächlich hatte die Tochter der Freundin Glück und überlebte unversehrt. Für Leuci, eine New Yorkerin, die in der Provinz die Idylle suchte, ist die Tragödie unfassbar: "Dies ist ein Paradies. Wir sind eine große Familie." Seit 16 Jahren lebt sie mit Mann und Kindern in Newtown, keine fünf Kilometer vom Ort der Tragödie entfernt. "Wir wissen immer noch nicht, wer alles betroffen ist", sagt sie am Samstagnachmittag. Die Sonne geht langsam unter, es ist knapp über null Grad, Leuci hält sich an einem halbleeren Pappbecher Kaffee fest. Seit etwa einer halbe Stunde ist sie mit ihrer Familie hier. "Wir wollten nicht zu Hause herumsitzen", sagt sie. "Wir wollten unsere Unterstützung zeigen, deshalb sind wir hierher gekommen. Dies ist so eine eng verwobene Gemeinde. Wann immer jemand Hilfe braucht, sind wir für einander da. Wir kochen, wir trösten - jeder weiß, dass er sich auf die anderen verlassen kann." Und doch ist diesmal etwas anders. Sie fühlt sich hilflos in ihrer Hilfsbereitschaft. "Wir wissen nicht recht, was wir tun können", sagt Leuci. "Es gibt ja keine Wegweiser für solche Ausnahmesituationen."

Das Böse platzt in die ländliche Idylle

Kris Schwartz, 36, und seine Frau Heather Hintzen-Schwartz, 35, schieben ihre Tochter Jocelyn, 2, im Kinderwagen vor sich her. Auch sie sind zur Gedenkstätte am Feuerwehrhaus gekommen, werden umringt von Kamerateams, Fotografen und Reportern aus aller Welt, die sich auf jeden Trauernden stürzen, von dem sie sich Bilder, Tonschnipsel und Zitate erhoffen. Schwartz hat dafür Verständnis, er arbeitet als Produzent beim Sportsender ESPN. Seine Frau ist Röntgenspezialistin im nahen Norwalk in Connecticut. Vor vier Jahren zog das Paar, ursprünglich in New Jersey aufgewachsen, nach Newtown - nicht zuletzt wegen der Kinder: "Die Schulen hier sind hervorragend", sagt Schwartz. "Die Leute sehr anständig." Dazu kommt die ländliche Idylle. "Es ist ruhig, und man hat viel Platz. Häuser sind erschwinglich, selbst mit großem Garten."

Das Massaker an der Schule hat dem ein Ende gesetzt. Und es war ja nur das jüngste in einer traurigen Serie allzu ähnlicher Fälle. "Wir sind beinahe soweit, dass man seinen Kindern Selbstverteidigung beibringen muss, wenn sie in die Schule kommen", sagt Schwartz. Jocelyn, ein quirliges, lustiges Mädchen mit Blondschopf, das im Kinderwagen herumkaspert, während seine Eltern sich unterhalten, hat noch einige Jahre Zeit, ehe es in die Schule kommt. Bis dahin soll das Kind von allem Brutalen abgeschirmt werden: "Sie bekommt im Fernsehen definitiv nichts mit Gewalt zu sehen", sagt Schwartz.

Für ihn ist klar, dass etwas passieren muss. "Wir brauchen schärfere Waffenkontrollen und müssen die Background-Checks verbessern." Auch wenn Waffenbesitz grundsätzlich ja völlig in Ordnung sei: "In der Familie meiner Frau sind viele begeisterte Jäger - also haben sie einfache Gewehre für die Jagd. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber Glock-Pistolen und Maschinengewehre? Wozu?" In seinen Augen ist es kein Wunder, dass die USA bei Gewaltverbrechen einen unrühmlichen Spitzenplatz unter den Industrienationen einnehmen.

Auch Schwartz und seine Frau wissen am Samstagnachmittag noch nicht, ob womöglich Freunde oder Bekannte direkt von dem Unglück betroffen sind. "Wir wollen den Familien ihren Frieden lassen", sagt Schwartz - auch wenn er und seine Frau mit der Frage ringen, wie sie besser helfen könnten. Für den Augenblick versagen alle Mechanismen, diese Tragödie ist beispiellos in der eigenen Erfahrungswelt. "Man kann Kerzen anstecken und Teddybären niederlegen", sagt Schwartz, aber das habe etwas vergleichsweise Hilfloses: "Es ist nicht wie bei Hurrikan 'Sandy' - da kann man hinterher gemeinsam aufräumen und sich gegenseitig unter die Arme greifen." Newtown war fünf Tage ohne Strom, nachdem "Sandy" über Connecticut hinweggefegt war. Schwartz hat einen Generator, und so konnte er die Nachbarn bei sich kochen und duschen lassen.

Am späten Samstagnachmittag veröffentlicht die Polizei die Namen der Opfer, in alphabetischer Reihenfolge, versehen mit den Geburtsdaten. 20 Namen sind mit Daten aus dem Jahr 2006 oder 2007 versehen.

Am späten Sonntagnachmittag soll US-Präsident Barack Obama in Newtown eintreffen. Er wird auf einer Gedenkfeier sprechen und auch Familien der Opfer treffen.

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