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11. Oktober 2005, 18:08 Uhr

Aus Kaschmir wird ein Seuchenfriedhof

Im pakistanischen Teil Kaschmirs sind nach dem verheerenden Erdbeben erste Seuchen ausgebrochen. Tausende Leichen modern dort vor sich hin, während Unwetter die Rettungsarbeiten erschweren und die geschwächten Überlebenden Unvorstellbares erleiden.

Die Leiche eines pakistanischen Jungen wird aus den Ruinen einer Schule im völlig zerstörten Balakot geborgen© David Guttenfelder/AP

Etliche der Überlebenden in Pakistan haben bei dem Erdbeben alles verloren. Nun wirkt es fast, als wolle eine grausame Macht sie nochmal bestrafen. Nach leidvollen Tagen und drei kalten Nächten, die viele in Zelten oder im Freien verbrachten, beginnen Regen und Hagel auf sie einzuprasseln. Die Unwetter machen die dringend benötigten Hubschrauberflüge in die Katastrophenregion unmöglich. Es könnte noch schlimmer kommen: Meteorologen sagen weiteren Regen voraus - und prognostizieren, dass bald eine Kältewelle über die Millionen Schutzlosen hereinbricht. Schon jetzt ist das Leid kaum fassbar.

Im pakistanischen Teil Kaschmirs sind nach dem Beben vom Wochenende Angaben eines Behördenvertreters zufolge Malaria und andere lebensgefährliche Krankheiten ausgebrochen. Leichen und Abwässer hätten den Fluss Neelum - die wichtigste Trinkwasserquelle in der Provinzhauptstadt Muzaffarabad - verseucht, hieß es. "Die Gesundheitsversorgung ist hier völlig zusammengebrochen", sagt der Leiter der Gesundheitsbehörde der Provinz, Khawaja Shabir. Malaria und andere durch Trinkwasser übertragene Erkrankungen haben sich bereits in den am stärksten vom Beben betroffenen Teilen der Stadt ausgebreitet. Es sei mit einer weiteren Verschlechterung der Lage zu rechnen, da noch viele Leichen unter eingestürzten Gebäuden nicht geborgen seien.

Die Vereinten Nationen (UN) warnen überdies vor der Gefahr des Ausbruchs von Cholera und Lungenentzündungen. Shabir zufolge steht nach dem Beben vom Samstag kein einziges Krankenhaus mehr in Muzaffarabad. Es gebe zudem keine Medikamente und kein Personal. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellte fest, enorme Anstrengungen seien in der Krisenregion nötig, um die Menschen medizinisch zu versorgen und eine Verschlechterung der Lage zu verhindern.

Geisterstadt Muzaffarabad

Muzaffarabad im Norden Pakistans gleicht einer Geisterstadt. Die Hauptstadt des pakistanischen Teils Kaschmirs sieht aus, als wäre sie dem Erdboden gleich gemacht worden. Über der Trümmerwüste liegt Verwesungsgeruch, Leichen liegen im Freien. Seit den Erdstößen gibt es in Muzaffarabad weder Strom noch Wasser. Der Regierungschef der Region, Sikandar Hayat Khan, arbeitet seit dem Beben am Samstag von einem Zelt aus. "Kaschmir ist zu einem Friedhof geworden", sagt er.

Mehr als jeder vierte der geschätzten 40.000 Erdbebenopfer in Pakistan wird in Muzaffarabad betrauert. In der Stadt mit ihren einst rund 200.000 Einwohnern sind nach bisherigen Erkenntnissen 12.000 Menschen gestorben. Tausende Tote werden noch unter den Trümmern vermutet. Verzweifelte Menschen, viele von ihnen geschwächt durch den Ramadan, die muslimische Fastenzeit, suchen immer noch fieberhaft nach verschütteten Freunden und Verwandten. Die Chancen, noch Überlebende zu bergen, sinken indes immer weiter.

Allerdings können die Rettungskräfte wieder spektakuläre Erfolge vermelden: In Islamabad bergen Helfer nach fast 80 Stunden zwei Frauen aus den Trümmern eines zehnstöckigen Appartementkomplexes. Die Umstehenden brechen in Applaus aus. Vielen von ihnen dürfte die Rettung Hoffnung geben, dass auch ihre Nächsten noch aus dem Geröllberg geborgen werden, bevor es zu spät ist - eine Hoffnung, die mit jeder verstreichenden Stunde trügerischer wird.

Das Epizentrum des Bebens lag unweit der Haupstadt von Kaschmir Muzaffarabad© stern.de-Infografik

Tote, Tote, Tote

Immer öfter werden unter den Trümmern nur noch Tote entdeckt - oder aber es gelingt noch nicht einmal, zu den sterblichen Überresten vorzudringen. "Ich habe die Leiche meiner Ehefrau gefunden", sagt Muhammad Jalil aus Muzaffarabad, während ihm Tränen über die Wangen rollen. "Aber die meiner drei Kinder liegen noch unter dem Schutt." Denjenigen, die die Leichen ihrer Angehörigen bergen können, bleibt oft keine andere Wahl, als sie in Massengräbern zu bestatten.

Viele Überlebende sind damit beschäftigt, auch tatsächlich am Leben zu bleiben. Trotz der Zusicherung der Regierung, Hilfe zu liefern, gibt es in vielen Dörfern in der Region Muzaffarabad kein Essen. Andernorts reißen hungrige Überlebende die Nahrung fast von der Ladefläche der Lastwagen. Augenzeugen berichten gar von wütenden Menschen, die Hilfslieferungen plündern.

Armeesprecher Shaukat Sultan betont, Hilfsgüter seien tonnenweise in die betroffenen Gegenden gebracht worden. "Aber dies ist eine Katastrophe enormen Ausmaßes", sagt der Generalmajor. "Wir haben tausende Betroffene erreicht. Realität ist aber auch, dass wir Tausende in entlegenen Gegenden noch nicht erreicht haben." Die Vereinten Nationen bitten inzwischen um 226 Millionen Euro Soforthilfe für die Erdbebenopfer in Südasien - und sie mahnen zur Eile. Schon in rund drei Wochen, so warnen die UN, beginnt in der bergigen Katastrophenregion der Winter.

Spenden für die Erdbebenopfer Deutsches Rotes Kreuz (DRK) Bank für Sozialwirtschaft (BLZ 370 205 00), Kontonummer 41 41 41, Stichwort: Erdbeben Pakistan

Diakonie Katastrophenhilfe Postbank Stuttgart (BLZ 600 100 70), Kontonummer 502 707, Stichwort: Pakistan Erdbeben

UNICEF Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Bank für Sozialwirtschaft (BLZ 370 205 00), Kontonummer 300 000, Stichwort: Erdbeben Asien

Oxfam Deutschland e. V. Bank für Sozialwirtschaft Köln (BLZ 370 205 00), Kontonummer 80 90 500, Stichwort: Erdbeben Kaschmir

World-Vision Postbank Frankfurt (BLZ 500 100 60), Kontonummer 66601, Stichwort: Erdbeben-Hilfe in Asien

DPA/Reuters
 
 
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