Die Trümmer in und um L'Aquila werden weggeräumt, doch ein Trauma lässt sich nicht so einfach beseitigen. Eine Braut verliert ihren Bräutigam, eine andere Frau quält ihr Gewissen: Warum wurde ihr Haus nicht zerstört? Das schwere Erdbeben in den Abruzzen hat zerbrechliche Menschen zurückgelassen. Von Sandro Mattioli, L'Aquila und Fossa

Abschied von den Erdbeben-Opfern: Das Beben ist vorbei, doch Trauer und Verzweiflung bleiben© Peri Percossi/DPA
Wo der Mönch in seiner braunen Kutte hinkommt, wollen ihn die Menschen berühren, ihn umarmen, Telefongespräche werden sofort beendet, Frauen drücken dem 71-Jährigen einen Kuss auf die Backe, Ciao hier, Ciao da. Wie geht es?, fragen die Leute, und Padre Quirino antwortet: Es geht. Oder: Wie auch immer, wir leben. Seine bloße Präsenz, seine wenigen Worte scheinen die Menschen zu trösten.
Der Franziskanermönch Quirino gehört zur Dorfgemeinschaft, selbst wenn er seit einem Jahr nicht mehr im Ort wohnt und davor im Konvent Sant'Angelo zu Hause war, der weit oben in der Höhe auf einem Felsvorsprung prangt.
In L'Aquila, der Provinzhauptstadt der italienischen Region Abruzzen, und ihrem Umkreis starben beim schweren Erdbeben vor acht Tagen fast 300 Menschen. Nur wenige Orte blieben verschont, das nahegelegene Dorf Fossa nicht. Am Eingang des Dorfs oben am Hang steht ein Schild, das man nicht übersehen kann. "Ort der Glückseligkeiten" steht darauf. Dahinter liegen Trümmer auf der Straße.
Ein zweijähriges Mädchen wurde von den Trümmern erschlagen. Das Ortszentrum ist kaputt, das Kruzifix wurde von einem Mauerbrocken geköpft und der Boden gibt noch immer keine Ruhe. Jeder neue Erdstoß, wie jener am späten Montagabend, weckt Erinnerungen an die grausige Nacht. Die Menschen haben in jener Nacht nicht nur Haus und Hab und Gut verloren, ihnen ist etwas weit Größeres, Wichtigeres genommen worden: die Gewissheit, dass das Leben in etwa so weitergeht wie bisher, die Sicherheit, das Vertrauen.
Bei seinem Gang durch die uniformen Reihen der Zelte in Fossa hat Padre Quirino für jeden ein Wort übrig. Er ist ein Priester zum Anfassen, dazu ein Gute-Laune-Macher, so einen braucht man jetzt. Für Kinder hat er Süßes in seinem Kofferraum. Und er gibt die neuesten Nachrichten weiter. Wie steht es denn um die Kirche Santa Maria ad Cryptas?, fragen ihn die Leute. Und, stimmt es, dass der Dom eingestürzt ist? Es sind einfache Fragen, aber keine einfachen Antworten. "Wo war Gott in dieser Nacht?", fragt eine Frau schließlich, der Padre hört diese Frage beileibe nicht zum ersten Mal. "Er war dort, wo wir ihn gelassen haben", sagt er ruhig. "Wir haben ihn ausgeschlossen."
Mit Grollen und tiefem Grummeln ist die Welt dieser Menschen in wenigen, ewigen Sekunden zerfallen: Nun sitzen sie in Zelten und wissen nicht was tun mit der lang gewordenen Zeit. Sorgen sich, wie die Zukunft sein wird. Wie es mit der Arbeit weitergeht, wann sie in ihre Häuser zurück können, ob die italienische Regierung ihr Versprechen hält und ob das Geld tatsächlich bei ihnen ankommt. Oder wird es am Ende so sein wie in Umbrien, wo selbst zwölf Jahre nach dem großen Erdbeben in und um Assisi immer noch Menschen in provisorischen Behausungen wohnen?
Nur ganz selten schimmert durch, dass das Beben auch ihn erschüttert hat, ihn, der immer gefasst und freundlich bleibt und stets das Gute in den Dingen sieht. "Ich muss jetzt erst einmal kapieren, dass wir keine Kirchen mehr hier haben", sagt er und seufzt. In diesen Tagen hätten ihm die Restaurierungsexperten die Schlüssel für die Kirche zurückgeben sollen, die zum Sitz seines Ordens gehört. "Als ich aus dem Konvent nach draußen kam, hörte ich die Schreie der Studenten im nahe gelegenen Wohnheim", sagt Padre Quirino. Mehrere junge Menschen sind unter dessen Trümmern ums Leben gekommen. Kurz nachdem der Padre sich gerettet hatte, stürzte der Glockenturm der Kirche mit viel Lärm ein. Seine vier Ordensbrüder hat er am nächsten Tag in andere Klöster geschickt. "Was sollen sie hier, es gibt nichts, nicht einmal einen Schlafplatz", sagt er. Er selber schlief anfangs im Auto vor dem Kloster. Inzwischen fährt er zu Verwandten an die Adria.
Nach seinem Rundgang eilt Padre Quirino zum Kofferraum seines Wagens und holt einen Kolben Wein heraus. "Den haben meine Verwandten in Chieti selber gemacht", sagt er und drückt die Flasche dem Bürgermeister in die Hand, bevor er einsteigt. Der Kofferraum ist noch lange nicht leer, der Padre hat noch ein paar Stationen vor sich. Ein Camp gebaut für die Ewigkeit Vor einem Jahr habe man die heilige Antonia aus L'Aquila weggebracht, beklagt eine alte Frau im nächsten Camp. Jetzt habe man ja die Rechnung dafür. Wurde sie nicht nach Paganica gebracht? Und war nicht das Epizentrum ganz in der Nähe von Paganica? "Meine Theologie ist nicht die der Bestrafung, sondern die der Lektionen", erklärt Padre Quirino dazu, sein Blick ist klar - und müde. Der Mensch muss lernen. Da kann auch die Frau zustimmen. Und dass die Nonnen vom Kloster der Heiligen Chiara der Armen mit ihren Reliquien umziehen, mag man ihnen nicht verdenken. Das Camp von Valle Sant'Angelo ist sehr gut organisiert und hebt sich von den anderen 32 Zeltstädten ab. Besucher werden am Eingang abgefangen und gefragt, wen sie suchen oder was sie wollen. Hier muss der Bürgermeister nicht auf den Stuhl steigen, es ist eine Lautsprecheranlage installiert, die das ganze Camp beschallt. Die Essenstheke besteht aus Edelstahlelementen und die Toiletten sind keine schmutzige Plastikhäuschen, sondern gemauerte Container mit Bidet und Beleuchtung. Zwischen den Zelten, die auch hier dunkelblau sind und in langen Reihen eines neben dem anderen stehen, sind Stege aus Plastik verlegt. Dieses Camp ist gebaut für eine Ewigkeit, und dessen werden sich die Menschen hier langsam klar. "Jetzt kommt die schwierigste Phase", sagt Ilaria Mingione. Die 30-Jährige muss es wissen. Für ihre Organisation "Psicologi per i popoli", Psychologen für die Völker, war sie schon in zahlreichen Krisengebieten tätig und hat viele schwierige Phasen miterlebt. "Wir müssen jetzt die Symptome in Grenzen halten, die mit dem Trauma des Erlittenen einhergehen", sagt sie.