29. Dezember 2012, 18:33 Uhr

Indien - ein Land schämt sich

Es sei ein "Weckruf", heißt es, ein "Wendepunkt" gar: Nach dem Tod des jungen Vergewaltigungsopfers soll sich die Situation der Frauen in Indien endlich bessern. Der Subkontinent versinkt in Scham.

Ihren wahren Namen werden die meisten Menschen wohl nie erfahren, doch ihr Schicksal geht den Indern so nahe, dass sie die junge Frau bereits als "Tochter Indiens" in ihre Herzen geschlossen haben. Der Tod der brutal vergewaltigten jungen Frau treibt die Menschen auf die Straße und offenbart das Problem einer tief in der Gesellschaft verwurzelten Frauenfeindlichkeit. Die Menschen sind gepackt von Wut, aber sie schämen sich auch. Vor allem aber hoffen viele, dass das Verbrechen an der 23-Jährigen eine Wende im Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen bringt.

"Unsere eigene Unfähigkeit starrt uns ins Gesicht", twitterte die bekannte Bollywood-Schauspielerin Shabana Azmi, nachdem sie vom Tod der Studentin am Samstagmorgen in einer Klinik Singapur erfahren hatte. "Möge ihr Schicksal der Weckruf sein, den unser Land braucht. Wir müssen in uns gehen." Ähnlich Rufe werden auf den Straßen von Neu Delhi laut. "Die Inder müssen ihre Einstellung zu Frauen ändern", sagt der Autor Ashim Jain inmitten von Demonstranten. "Wir behandeln sie schlecht, missbrauchen und schikanieren sie. Der Schurke steckt in uns."

Neu Delhi - Hauptstadt der Vergewaltigung

Tatsächlich ist sexuelle und körperliche Gewalt gegen Frauen in Indien an der Tagesordnung. Die Hauptstadt Neu Delhi gilt mittlerweile als "Hauptstadt der Vergewaltigung", alle 18 Stunden wird dort nach Schätzungen eine Frau vergewaltigt. Einer Studie der Organisation TrustLaw zufolge ist Indien das Land der 20 führenden Entwicklungs- und Schwellenländer, in dem die Rechte der Frauen am wenigsten geschützt und gewahrt werden.

Gleich sechs Männer fielen am 16. Dezember in einem Bus über die junge Studentin her, misshandelten sie schwer und verletzten sie unter anderem mit einer rostigen Eisenstange. Nach ihrem Verbrechen warfen sie die Frau und ihren Begleiter aus dem fahrenden Bus und ließen sie blutend zurück. Am frühen Samstagmorgen starb die "Tochter Indiens" an Organversagen. Die mutmaßlichen Täter wurden festgenommen. Ihnen droht eine Anklage wegen Mordes - und damit die Todesstrafe.

"Ein Dampfkochtopf, der explodiert"

Die Gruppenvergewaltigung und das Trauma, das die 23-Jährige erlitt, seien "wahrlich nicht neu", sagt die Hausfrau Anjali Raval, eine von vielen, die es am Samstag auf die Straße zog. "Doch ihr Fall war wie ein Dampfkochtopf, der explodiert." Trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen gingen die Menschen aus Solidarität auf die Straßen, klebten sich aus Protest gegen die Unterdrückung der Frauen den Mund zu, forderten die Todesstrafe für Vergewaltiger oder legten sich einfach schweigend auf die Straßen der vielerorts abgeriegelten Hauptstadt. "Es ist höchste Zeit, aufzuwachen und für Frauenrechte zu kämpfen", sagt Raval.

Dass das Schicksal der jungen Inderin tragischer Alltag zu sein scheint, zeigen auch andere Beispiele. Am Donnerstag wurde etwa die Geschichte einer 17-Jährigen aus dem Bundesstaat Punjab bekannt. Sie wurde von zwei Männern vergewaltigt und fasste Mut, zur Polizei zu gehen, wie ihre Schwester später erzählte. Doch anstatt ihr zu helfen, boten die Beamten ihr Geld an und schlugen ihr sogar vor, einen der Peiniger zu heiraten, um die Sache zu vergessen. Da sah das Mädchen keinen Ausweg mehr und nahm sich das Leben.

Tod der 23-Jährigen soll zum Wendepunkt werden

Premierminister Manmohan Singh forderte seine Landsleute auf, dabei zu helfen, Indien zu einem sichereren Land für Frauen zu machen. Sonia Gandhi, Vorsitzende der regierenden Kongresspartei, versprach, der Tod der 23-Jährigen werde nicht umsonst gewesen sein. Im Internet wird die junge Frau als Symbol für all jene Verbrechen gewürdigt, die den Zeitungen nur eine Fußnote wert seien.

"Ja, die Frau ist gestorben, aber ihre Geschichte wird immer in Erinnerung bleiben", sagt der Hochschulprofessor Aaakar Kamath, der sich ebenfalls an den Demonstrationen beteiligte. "Denn viele Inder sind nun endlich bereit, gegen die Frauenfeindlichkeit zu kämpfen." Zwar sei das Kapital noch längst nicht beendet. Aber der Tod der jungen Frau sei ein "Wendepunkt".

dho/Chris Otton/AFP
 
 
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