New Orleans wird geplündert

1. September 2005, 11:34 Uhr

Laut der Gouverneurin von Louisiana ist die öffentliche Ordnung in New Orleans zusammengebrochen. Selbst Pflegeheime sind bereits überfallen worden. George W. Bush hat die Überflutungen persönlich in Augenschein genommen und eine Hilfs- und Rettungsaktion versprochen.

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Polizisten stellen Plünderer in New Orleans©

In den von Hurrikan "Katrina" verwüsteten Gebieten im Südosten der USA spitzt sich die Lage weiter zu. So dauern etwa die Plünderungen in New Orleans weiter an. Mehrere Bewohner überfielen ein Pflegeheim und raubten die Nahrungsmittelvorräte. Andere brachen mit einem Gabelstapler das Schaufenster eines Geschäfts ein, um Getränke, Eis und Lebensmittel zu stehlen.

Für die öffentliche Sicherheit stellte Bürgermeister Ray Nagin 1500 Polizisten ab, die bisher bei der Rettung von Hurrikan-Opfern mitwirkten. Die Plünderer rückten ins dicht besiedelte Stadtzentrum vor, sagte Nagin der Nachrichtenagentur AP. "Und jetzt werden wir sie stoppen."

Die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Blanco, äußerte sich bestürzt über den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. Sie habe das Weiße Haus um Unterstützung gebeten, damit die Nationalgarde gegen die Plünderer eingesetzt werden könne. "Ich werde diese Art von Verhalten nicht dulden", sagte Blanco.

Offenbar bringe eine solche Katastrophe die schlechteste Seite der Menschen zum Vorschein. Eine Bande von Einwohnern überfiel am Mittwoch ein Pflegeheim, brachte den Bus des Heims in ihren Besitz und rief den Bewohnern zu, sie sollten abhauen. "Wir hatten Nahrung für zehn Tage", sagte die Heimdirektorin Peggy Hoffman. "Jetzt müssen wir unsere Mitarbeiter mit Gewehren ausrüsten und ihnen beibringen, wie man schießt." 80 Bewohner des Pflegeheims, die meisten von ihnen im Rollstuhl, wurden in andere Städte gebracht. In einem Laden stürzten sich Scharen von Bewohnern aller Altersgruppen auf Getränke und Lebensmittel.

Polizisten werden beschossen

Einige fuhren mit ganzen Wagenladungen Bier davon. Zwei Polizisten bedrohten die Plünderer mit der Schusswaffe, doch konnten diese entkommen. Die Polizei rief die Bevölkerung auf, vor dem Verlassen ihrer Häuser ihre privaten Schusswaffen zu übergeben, weil diese dringend benötigt würden. Polizisten, die sich vor den Fluten auf das Dach eines Hotels gerettet hatten, berichteten, dass sie nachts beschossen worden seien. Der Sicherheitschef von New Orleans, Terry Ebbert, sagte, dass Gruppen von bewaffneten Männern in der Stadt unterwegs seien.

Die US-Regierung rief am Mittwoch bereits vorsorglich für die betroffene Küstenregion den "Gesundheitsnotstand" aus. "Die Lage ist schrecklich, es ist heiß und feucht und die Leute haben kein Trinkwasser", sagt Michael Brown, Chef der US- Behörde für Katastrophenmanagement FEMA.

Lebensmittel- und Wasserversorgung bricht zusammen

Augenzeugen berichteten von zahlreichen im Wasser treibenden Leichen und von Menschen, die wegen ausbleibender Versorgung mit Wasser und Lebensmittel zusammenbrechen und sterben würden. "Wir hätten besser auf so eine Katastrophe vorbereitet sein müssen", sagte die demokratische Senatorin Mary Landrieu aus Louisiana dem Sender CNN.

Auf einer Autobahn bei New Orleans, die passierbar ist, versammelten sich hunderte Menschen und riefen vorbeifahrenden Autoinsassen zu: "Bitte helft uns." Andere streckten leere Becher aus und bettelten um Wasser. Weinende Menschen flehten Journalisten vor Ort an, ihnen bei der Suche nach vermissten Familienangehörigen zu helfen.

Zehntausende Häuser können nicht mehr repariert werden

Inzwischen wachsen die Befürchtungen, dass der Hurrikan "Katrina" viele hunderte Menschenleben gekostet hat. Ein Behördenvertreter sagte dem US-Sender ABC, die Zahl der Todesopfer könne sogar in die Tausende gehen. Zehntausende Häuser könnten nicht mehr repariert werden und die Küste im Bundesstaat Mississippi sei komplett zerstört, sagte Bush in Washington.

Zudem wächst die Sorge, dass sich Seuchen wie Typhus und Cholera ausbreiten könnten. "Die Bedingungen verschlechtern sich rapide", warnte eine Gesundheitsexperte von der Staats-Universität Louisiana.

Im Nachbarstaat Texas rüstete man sich unterdessen für das Eintreffen von tausenden Katastrophen-Flüchtlingen. Um Mitternacht sollten die erste Busse aus New Orleans vor dem Astrodome-Stadion in der texanischen Hauptstadt Houston anrollen. Dort sollen die schätzungsweise 23000 bis 30.000 Menschen, die bisher unter unerträglichen sanitären Umständen im Footballstadion "Superdome" in New Orleans campierten, vorübergehend eine Bleibe finden.

Bush verschaffte sich auf seinem Rückflug von Crawford nach Washington an Bord der Präsidentenmaschine Air Force One aus der Luft ein erstes persönliches Bild von der Lage in Louisiana und in Mississippi, wo nach inoffiziellen Angaben bereits mindestens 110 Tote gezählt worden und ganze Straßenviertel im Wasser verschwunden sind. Nach Angaben von Bush befanden sich am Mittwoch insgesamt 78.000 Menschen in Notunterkünften.

Wiederaufbau wird Jahre dauern

Der Wiederaufbau in den drei hauptsächlich betroffenen Staaten Louisiana, Mississippi und Alabama werde Jahre dauern, sagte Bush nach einem Flug über die betroffenen Gebiete. Er kündigte die Entsendung mehrerer Marineschiffe, amphibischer Fahrzeuge sowie Hubschrauber und die Einrichtung dutzender großer Feldlazarette mit insgesamt 10.000 Betten an. Hunderte von Lastwegen stünden für Hilfsgütertransporte bereit, beispielsweise für die Anlieferung von 5,4 Millionen Paketen Fertignahrung. Bush will auch zusätzliche 11.000 Nationalgardisten in die Katastrophengebiete schicken. 5000 von ihnen sollen der Polizei helfen, für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Auch Hollywoodstars und Musiker setzen sich mit Spendenaufrufen und Konzerten für die Opfer von Hurrikan "Katrina" ein. Der US-Sender NBC plant am Freitag ein Benefiz-Konzert, bei dem die aus den Südstaaten stammenden Musiker Wynton Marsalis, Harry Connick Jr. und Tim McGraw auftreten. Hollywoodstar Leonardo DiCaprio werde in der Show um Spenden für die Opfer bitten. Der gesamte Erlös soll dem amerikanischen Roten Kreuz zufließen. Künstler wie Morgan Freeman, Alicia Keys, John Mellencamp und Usher planen weitere Aktionen.

DPA/AP
 
 
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