Darry, Plauen, Schwerin: Die schrecklichen Meldungen über getötete oder vernachlässigte Kinder schockieren Deutschland. Doch was läuft schief? stern.de sprach mit Experten über Probleme und Lösungsansätze. Klar ist: Es müssen sich vor allem Strukturen in der Jugendhilfe ändern. Und auch die Eltern müssen härter angefasst werden. Von Claudia Wüstenhagen

Die Betreuung von Familien muss verbessert werden, fordern Experten© Picture Alliance
Ihre Schicksale reihen sich ein in eine Serie schrecklicher Todesfälle. Bevor die Babyleichen in Plauen und die fünf toten Jungen in Darry gefunden wurden, sorgte der Hungertod der kleinen Lea-Sophie aus Schwerin für Entsetzen, ebenso wie der Fall von Kevin aus Bremen im vergangenen Jahr. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie fanden den Tod dort, wo sich Kinder am sichersten fühlen sollten, zu Hause in der Familie. Ihre Fälle sind die dramatischen Geschichten, die es in die Schlagzeilen schaffen. Klar scheint jedoch, dass etliche Kinder in Deutschland im eigenen Zuhause Schlimmes erleben. Schätzungen gehen davon aus, dass deutschlandweit bis zu zehn Prozent der Kinder bis sechs Jahre von ihren Eltern vernachlässigt werden.
Seit dem Märtyrium des zweijährigen Kevin, dessen Körper 24 Knochenbrüche aufwies, als man ihn tot im Kühlschrank seines Ziehvaters fand, stehen vor allem die Jugendämter in Deutschland in der Kritik. Viele Behörden scheinen der Herausforderung nicht gewachsen, der großen Zahl "völlig erziehungsunfähiger Eltern" zu begegnen, sagt Georg Ehrmann, Vorstandsvorsitzender des Vereins Deutsche Kinderhilfe Direkt. Zu oft, meint er, würden verantwortungslose Eltern Schlupflöcher finden. Er fordert daher eine "Qualitätsoffensive".
Seiner Ansicht nach sei es in einigen Fällen notwendig, härter durchzugreifen, zum Beispiel den Eltern konsequenter finanzielle Mittel zu streichen, wenn sie Forderungen des Amtes nicht erfüllen. Mit freiwilligen Hilfsangeboten sei es nicht immer getan. Doch wer durchgreifen will, braucht auch genug Mitarbeiter. Gerade daran mangelt es aber häufig. Wo mehr Kapazitäten gebraucht werden, ist in den vergangenen Jahren die Personaldecke oft sogar ausgedünnt worden. Damit nicht genug: Ein steigender Verwaltungsaufwand hält viele Mitarbeiter am Schreibtisch fest, wo sie sich mit immer mehr Formularen herumschlagen müssen. "Viele Mitarbeiter sehen die Kinder gar nicht mehr persönlich, weil sie die Fälle vom Schreibtisch aus bewerten", sagt Ehrmann.
Schuld daran trägt jedoch nicht nur der Personalmangel. Der deutsche Kinderschutz krankt nicht bloß an finanziellen Schwächen. Hinzukommen Strukturprobleme. "Jugendhilfe muss 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche erfolgen", sagt Ehrmann. Als Behörde mit Arbeitszeiten von acht bis 17 Uhr sei das Jugendamt dazu kaum in der Lage. Auch an den Wochenenden, an denen die Statistik die höchste Zahl von Gewaltdelikten verzeichnet, sind die Jugendämter unbesetzt.
Ehrmann ist überzeugt: "Die freien Träger sind viel eher in der Lage, Gefahren zu erkennen, weil sie näher dran sind." Zwar gibt es in manchen Kommunen bereits Vereinbarungen darüber, dass private Kinder- und Jugendhilfeträger nach Behördendienstschluss die Verantwortung übernehmen. Deutschlandweit sei das aber nicht die Regel. Ehrmann geht sogar einen Schritt weiter und fordert, dass die Jugendämter Kompetenzen abgeben sollten. Es sei verfehlt, wenn sie ihre Zeit beispielsweise damit verbringen müssten, einer Problemfamilie einen Esstisch zu besorgen, damit diese ihre Mahlzeiten im Sitzen einnehmen kann. Das könnten freie Träger übernehmen oder geschulte Ehrenämtler, wie sie zum Beispiel in Hessen zum Einsatz kommen.
Selbst die Aufgabe, gefährdete Kinder aus den Familien zu holen, könnten freie Träger stärker übernehmen. "Die Jugendämter sollen das machen, was sie am besten können", sagt Ehrmann und meint damit: koordinieren, überwachen, Qualitätsstandards setzen. Ob sich das durchsetzen lässt, ist eine andere Frage. Nicht jedes Jugendamt wolle seine Kompetenzen abgeben. "Das sind echte Konkurrenzsituationen", sagt Ehrmann.
Seiner Vorstellung nach könnte die ideale Jugendbehörde Träger beaufsichtigen und selbst zum Einsatz kommen, wenn es um spezielle Hilfeleistungen gehe, beispielsweise um den Drogenentzug einer Mutter. Eine weitere wichtige Aufgabe des Jugendamtes könnte darin liegen, unterschiedliche Institutionen besser miteinander zu vernetzen. Damit alle Stellen, die zu einer Problemfamilie Kontakt haben, in den Fall einbezogen werden, könnten die Behörden etwa den Datenaustausch mit Kinderkliniken und Schuldnerberatung verbessern.
"Im Augenblick arbeiten viele Institutionen völlig unkoordiniert nebeneinander her", sagt Ehrmann. Damit muss Schluss sein, will man potenzielle Täter und Opfer frühzeitig identifizieren. "Wir müssen in die Brennpunkte reingehen und die Familien finden", sagt er. Allerdings stoßen die Jugendämter hier an ihre Grenze. Allein sind sie dieser Aufgabe nicht gewachsen. Wer ihnen voreilig Versagen vorwirft, übersieht häufig eines: "Wenn dem Jugendamt keine Information darüber vorliegen, dass das Wohl eines Kindes in seiner Familie gefährdet ist, kann es nicht handeln", sagt Sabine Herzig vom Informationszentrum Kindesmisshandlung/Kindesvernachlässigung (IzKK). Auch Marc Kinert, Sprecher des Bundesfamilienministeriums, betont: "Man kann auf keinen Fall den Jugendämtern allein den Schwarzen Peter zuschieben."
So hängt die Verbesserung des deutschen Kinderschutzes an einer effektiven Verzahnung vieler Akteure, dazu gehören auch Gesundheitsämter und Geburtskliniken. Im Idealfall würde schon die aufmerksame Hebamme dem Jugendamt einen Tipp geben, wenn sie den Eindruck hat, eine Mutter sei mit ihrem Kind überfordert. Solches Engagement gibt es mancherorts schon, wie etwa das Hebammenprojekt Maja in Bayern. Flächendeckend funktioniere die Frühwarn-Maschinerie aber noch nicht, sagt Kinert.
Um das Nebeneinander zu beenden und die einzelnen Akteure zu einem engmaschigen Netz zu verweben, haben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) und das Deutsche Jugendinstitut im Frühjahr das Nationale Zentrum Frühe Hilfen gegründet. Es ist unter anderem als Anlaufstelle für Gemeinden gedacht, die wissen wollen, wie sie Gesundheitsfürsorge und Jugendschutz besser vernetzen können. "Dadurch muss nicht jede Kommune das Rad neu erfinden", sagt Kinert. Ehrmann hält das Zentrum für einen richtigen Ansatz, befürchtet aber, dass es nicht mehr als "ein Tropfen auf den heißen Stein" sei. Vor allem weil es sich dabei um ein vom Bund finanziertes Modellprojekt handele. Projekte dieser Art würden häufig wieder eingestellt, wenn der Förderzeitraum ende.