Die tödliche Moral des Fremdschämens

10. Dezember 2012, 17:30 Uhr

Radiomoderatoren gelingt ein Scherzanruf. Die Welt lacht. Ein Mensch stirbt. Die Welt ist empört. Doch ändern wird sich nichts. Oder? Von Sophie Albers

Eine Frage: Wird nach dem Tod der Krankenschwester Jacintha Saldanha irgendjemand das Radio abschalten, sobald Scherzanrufe zu hören sind? Oder wird irgendjemand darauf verzichten, TV-Sendungen zu sehen, deren Sinn und Zweck es ist, Menschen vorzuführen? Irgendjemand? Nein, wohl eher nicht. Schließlich ist die Erniedrigung fester Bestandteil unseres Unterhaltungsprogramms. Und das findet perfiderweise sogar im Umgang mit dem tragischen Tod der Krankenschwester Ausdruck.

Drei Tage nach dem mutmaßlichen Selbstmord der 46-jährigen Angestellten des King-Edward-VII.-Hospitals, die einen Scherzanruf in die Abteilung durchgestellt hat, in der die Duchess of Cambridge behandelt wurde, haben sich die australischen Radiomoderatoren, die sich in dem Anruf als Queen und Prince Charles ausgegeben hatten, vor laufender Kamera entschuldigt.

Drama statt Empathie

Mel Craig und Michael Christian, beide 30 Jahre alt, und bis vor drei Tagen aufsteigende Talente im australischen Äther, sitzen vor schwarzem Hintergrund in der TV-Sendung "A Current Affair" des Senders NineNetwork und werden von Moderatorin Tracy Grimshaw befragt. Mehr dramatisch als empathisch geht es um den Augenblick, als sie vom Tod der Krankenschwester erfahren haben. Ihre Gefühle. Ihre Gedanken. Ihre Zukunft. "Ein Glied in der Verwertungskette", hat Grimshaw die beiden gegenüber dem "Guardian" genannt.

Während Greig immer wieder in Tränen ausbricht und beteuert, wie sehr sie bedauere, was geschehen ist, und dass sie jede Minute an Saldanhas Familie denke, wahrt Christian anfangs die Fassung, betont, dass niemand habe vorhersehen können, was dieser alberne Scherzanruf ausgelöst habe. Doch dann verschlägt es auch ihm die Sprache, und er schluchzt. Grimshaw bohrt weiter: Da Scotland Yard ermittle, käme es wohl zu einer Befragung in London, bei der sie auch der Familie begegnen würden. "Sind sie dazu bereit?" Greigs Augen weiten sich angstvoll, dann allerdings fängt sie sich und sagt beeindruckend fest, dass sie alles tun werde, so es der Familie der Krankenschwester helfe. Schon stellt Grimshaw ihr eine weitere Frage, die sie zum Weinen bringt.

Das Interview als Inszenierung

Natürlich ist dieses Interview eine Inszenierung. Eine Inszenierung entsprechend der Sensationsgelüste, die wir tagtäglich stillen, indem wir ebensolche Sendungen ansehen, das heißt ihnen zu Quote verhelfen. Denn allein die Quote ist es, nach der Erfolg dieser Tage bewertet wird.

An dieser Quotenhatz entlang lässt sich die gesamte Kette der Geschehnisse erzählen: die Medienhysterie, weil eine Prinzessin zur Beobachtung ihrer Schwangerschafts-Komplikationen ins Krankenhaus geht. Besagter Scherzanruf als Teil davon, denn zu den Herausforderungen in dieser Hysterie gehört es, der Kranken möglichst nahe zu kommen. Das befriedigte Lachen über die Ahnungslosigkeit der Beteiligten am anderen Ende der Leitung, in diesem Fall Krankenschwestern im Nachtdienst, die auf die verstellten Stimmen der Moderatoren hereingefallen sind. Die durchaus reale internationale Empörung und Trauer bei Bekanntwerden des Todes der Krankenschwester. Das Suchen und Finden von Schuldigen. Die Zurschaustellung der Radiomoderatoren. Der befriedigte Blick auf den medialen Pranger, die verweinten großen Augen der Blondine, den verkanteten Kiefer ihres Kollegen. Das schmerzverzogene Gesicht der Moderatorin, die die Fragen stellt.

Natürlich sind derweil Journalisten am Witwer und den zwei Kindern im Teenageralter dran, die in Bristol leben. Auch die Schwiegermutter in Indien wurde schon interviewt. Und schließlich musste eine Inderin aus Mangalore, die ebenfalls Jacintha Saldanha heißt, klarstellen, dass sie noch lebe, nachdem ihr Facebook-Foto als Bild der toten Krankenschwester benutzt wurde. "Die Grenzen zwischen Nachrichten und Unterhaltung sind so verwaschen", sagte sie im Interview mit dem "Daily Telegraph" in Sydney.

Vom Sender genommen

Bleibt die Frage, was nach der Unterhaltung kommt: Der Anruf sei von Anfang an als Dummheit gedacht gewesen. Sie hätten gedacht, man würde sie nicht ernstnehmen und auflegen, beteuern die Radiomoderatoren. Beide sind bis auf weiteres vom Sender genommen. Die Show ist eingestellt, und angeblich wird es beim Sender keine Scherzanrufe mehr geben. Die Idee zum Anruf habe das Team gemeinsam entwickelt, die Entscheidung das aufgezeichnete Gespräch zu senden, wurde nicht von den Moderatoren, sondern von Senderverantwortlichen gefällt. Dem Gesetz entsprechend habe man "fünf Mal" versucht, das Hospital zu kontaktieren, um die Ausstrahlung anzukündigen.

"A Current Affair"-Moderatorin Tracy Grimshaw hat per Twitter klargestellt, dass weder Radiomoderatoren noch Sender für das Interview Geld bekommen hätten. Warum auch, der Druck war ja groß genug.

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