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21. August 2007, 07:18 Uhr

"Die wollen eine Mausi Lugner aus mir machen"

Ein Jahr nach der Befreiung hat das österreichische Fernsehen eine große Dokumentation über Natascha Kampusch ausgestrahlt. ORF-Journalist Christoph Feurstein gab einen tiefen Einblick in ihr Leben ohne Verlies und die Probleme mit den Medien. Von Malte Arnsperger

Natascha Kampusch bei einem Interview mit dem österreichischen Fernsehsender ORF in Barcelona.© Actionpress

Da ist es wieder, dieses Augenrollen. Dieses nervöse Flackern, das während des ersten Interviews nach ihrer spektakulären Flucht so auffällig war. Mit schwacher, stockender Stimme berichtet Natascha Kampusch über die Rückkehr zu ihrem Verlies, dem Ort, an dem sie fast ihr halbes Leben lang gefangen gehalten wurde: "Ich war bereits wieder in diesem Haus", sagt sie. Wieder rollt sie ihre Augen, schließt sie für einige Momente. "Es kommen schon gewisse Erinnerungen hoch, wenn Sie da diesen dicken Betonblock sehen und sich denken, da drinnen waren Sie eingesperrt."

Seit genau einem Jahr ist sie dort, in dem Haus von Wolfgang Priklopil, nicht mehr eingesperrt. Und doch war diese Interview-Sequenz die intensivste, bedrückendste in der ORF-Dokumentation "Natascha Kampusch - ein Jahr danach", die gestern Abend in Deutschland von RTL ausgestrahlt wurde. Zeigte sie doch sehr deutlich, wie diese junge Frau immer noch mit den Nachwirkungen einer langen Gefangenschaft kämpfen muss.

Kameras begleiten Kampuschs Weg zurück ins Leben

Am 23. August 2006 war die Wienerin Natascha Kampusch nach achteinhalb jähriger Gefangenschaft ihrem Entführer Priklopil entkommen. Anlass genug für den ORF-Journalisten und Kampusch-Intimus Christoph Feurstein, das heute 19-jährige Mädchen mit Kameras auf ihrem Weg zurück ins richtige Leben zu begleiten. Waren die ersten beiden Sendungen von Feurstein über Natascha Kampusch - kurz nach ihrem Auftauchen und im Januar 2007 - noch eindimensionale Interviews, sollte das Entführungsopfer diesmal in Alltagssituationen gezeigt werden.

Doch was eine richtige Dokumentation werden sollte, ist in vielen Teilen zu einer Abfolge von oft skurrilen Gesprächen zwischen dem Journalisten und Natascha Kampusch geworden. Erster Drehort: Barcelona. Begleitet von Feurstein und ihrer Schwester Sabina lässt sich Natascha Kampusch auf ihrer ersten Flugreise in der spanischen Metropole beim Bummeln, bei ihrem ersten Schwimmerlebnis im Meer oder beim Strandspaziergang filmen. Sommerlich leger gekleidet, mal in weißem Blümchenoberteil, Rock und Strohhut oder im roten Kleid und großer Sonnenbrille, wirkt Natascha Kampusch hier, fernab des Medienrummels in der Heimat, einigermaßen fröhlich und entspannt. So gibt sie in ihrer manchmal etwas altklug wirkenden Art kund, Barcelona reize sie besonders: "Ich habe schon von den großen Kunstwerken des Gaudi gehört und die will ich mir ansehen."

"Priklopil tut mir mehr und mehr leid"

Doch der allgegenwärtige Feurstein, stets darauf bedacht, auch selbst im Bild zu erscheinen, entlockt Kampusch auch Ernstes. So spricht sie, auf einer Aussichtsplattform hoch über den Dächern von Barcelona stehend, über "ihn", den Entführer Wolfgang Priklopil. "Was ich nur sagen kann, dass er mir nach und nach immer mehr leid tut. Naja, einfach eine arme Seele, verloren und fehlgeleitet."

Wie schon bei den ersten Interviews fällt auf, wie wortgewandt, selbstsicher und bedächtig Natascha Kampusch spricht. Analytisch, fast so als beträfe es nicht sie, sondern eine dritte Person, sagt sie über das Leben mit Priklopil, der sich nach Kampuschs Flucht das Leben nahm: "Er hat zum Teil versucht, mich zu manipulieren. Aber im Gegenzug konnte ich ihn auch manipulieren. Es war immer klar, es konnte nur einen von uns beiden geben. Das war letztendlich ich und nicht er." Kampusch bestätigte, dass sie nach dem Selbstmord ihres Entführers am Sarg Priklopils "Abschied genommen" habe.

Filmen am Meer

Wenig später sitzen die beiden Protagonisten Kampusch und Feurstein am Meer. Sie thront in blau-schwarzem Kleid auf einem Felsen, er hat mit weißem T-Shirt und grüner Baseballkappe vor ihr im Sand Platz genommen. Beide halten kleine Handkameras und filmen sich gegenseitig. Was jedoch als eine legere Unterhaltung die Interview-Sequenzen auflockern soll, wirkt unfreiwillig komisch, fast lächerlich. Vor allem, wenn Kampusch lachend rügt: "Herr Feurstein, sie können hier nicht mit nullachtfünfzehn-Fragen kommen." Zunehmend entsteht der Eindruck, dass sich hier nicht Journalist und Protagonistin gegenübersitzen, sondern zwei gute Freunde.

Trotzdem erfährt der Zuschauer einige Neuigkeiten aus dem neuen Leben der Natascha Kampusch. So etwa, dass Natascha Kampusch eine angebliche Liebesbeziehung mit einem jungen Mann verneint. Sichtlich genervt, aber auch etwas unsicher, sagt Kampusch dazu: "Das ist lächerlich. Das ist erfunden. Es wäre aber schön, wenn es so wäre." Dass der allein lebenden Tochter das kürzlich veröffentlichte Buch der Mutter überhaupt nicht passt, war zwar schon vorher bekannt. Schmallippig lässt Natascha Kampusch jedoch ihren Unmut über die geschäftstüchtige Mutter im Interview durchblicken. "Ich würde anders handeln, das ist klar. Jeder hat sein eigenes Gewissen und wägt ab, was moralisch angemessen und angebracht ist."

Angst vor Menschenansammlungen

Mehr Aufschluss über die Probleme, die Natascha Kampusch täglich begegnen, geben die kurzen Aufnahmen einer U-Bahn-Fahrt durch Wien. Krampfhaft hält sich die junge Frau an einer Stange im Wagen fest, blickt nervös zur Decke. Solche Menschenansammlungen scheinen dem Entführungsopfer immer noch große Schwierigkeiten zu bereiten. Zwar habe sie "ein klein wenig die Scheu vor anderen Menschen verloren", allerdings klagt sie: "Es gibt Menschen, die abschätzig über mich sprechen. Es gibt junge Männer, die mir ekelhaft begehrliche Blicke zu werfen."

Weniger glaubwürdig klingt ihre Kritik an den Medien, hat sie ihre Interviews doch in klingende Münze umgesetzt. Trotzdem: Ein Star wolle sie nicht sein, sagt sie. "Ich geben keine Autogramme, ich bin kein Hollywoodstar. Die wollen einen Art Party-Luder oder einen Mausi-Lugner-Paris-Hilton-Verschnitt aus mir machen."

Doch vermutlich wird Natascha Kampusch noch eine Weile mit ihrem Status als eine der bekanntesten Personen Österreichs leben müssen. Denn noch wird sie bewacht, zwar nicht von einem Wolfgang Priklopil, sondern von Reportern. Aber was diese junge Frau wirklich braucht, hat sie treffend selbst formuliert. Gefragt, ob sie neue Freunde gefunden habe, sagte Kampusch: "Ich habe für mich noch nicht herausgefunden, wie man Freundschaft definiert."

Von Malte Arnsperger
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
bernie-abg (21.08.2007, 12:40 Uhr)
Leider ist Frau Kampusch...
...nunmal eine Person von öffentlichem Interesse.Deshalb ist es für sie wichtig die Berichterstattung nicht in die Hände der "Springer-Presse" gelangen zu lassen. Wer das Interview gesehen hat, hat gemerkt, daß Frau Kampusch nicht willens ist über ihr Privatleben zu reden. Herr Feurstein war das klar und er hat nicht versucht sie zu bedrängen.Insoweit ist diese Herangehensweise an die Öffentlichkeit vollkommen legitim.
Daran ändern auch neiderfüllte Reaktionen anderer Journalisten nichts.
schoolar (21.08.2007, 11:26 Uhr)
Laßt sie in Ruhe?!
Die Frage muß erlaubt sein: Möchte sie denn in Ruhe gelassen werden? Ich denke auch, daß sie - ohne ihre schreckliche Vergangenheit herabwürdigen zu wollen - gern bereit ist, aus ihrem Schicksal Kapital zu schlagen. Den Medien, die diesem Wunsch nur allzu gern entsprechen, darf man da noch den kleinsten Vorwurf machen. Vielmehr sind die Konsumenten (also: wir alle) gefragt wenn es darum geht, Frl. Kampusch ein ruhiges und ungestörtes Leben zu ermöglichen. Oder sollte uns das auch wieder nicht recht sein, auf unseren eigenen kleinen, egoistischen Voyeurismus zu verzichten und die TV-Sendungen und Magazin-Beiträge mit ihr/über sie einfach zu ignorieren?!
S.H. (21.08.2007, 11:22 Uhr)
offenbar mit Einverständnis...
... von N.Kampusch ist dieses Interview entstanden. Vielleicht war sowas tatsächlich nötig, um auf Lügen und Gerüchte, die von gewissen Medien verbreitet wurden, zu reagieren. Wenn damit weiter ihr Privatleben zerstört wird, dann immerhin nicht gegen ihren Willen. Anders als z.B. die erlogenen Berichte in der BILD. Ich habe allerdings an einigen Stellen den Eindruck, stern.de möchte sich für die Bemerkung "Auch der stern hat ihr mit der Geschichte über die Skiausflüge geschadet." aus dem Interview mit C.Feuerstein revanchieren...
leichtschwer (21.08.2007, 09:19 Uhr)
Wem soll das dienen?
Ein mittelmäßiger Journalist hat sich bei einem traumatisiertem Opfer eingeschleimt und glaubt, uns mit sogenannten autentischen Bildern eine möglichst objektive Information über Frau K. vermitteln zu können. Abgesehen von der Tatsache, daß damit selbst im Urlaub und bei der Fahrt mit der U-Bahn auch der letzte Rest von Privatleben weiter zerstört wird, bleibt nur der schale Beigeschmack des billigen Voyeurismus. Für Frau K. bedeutet all dies keine wirkliche Hilfe. Lasst sie doch einfach in Ruhe, das, was diese junge Frau erleiden musste, reicht für ein paar Leben!
tagora-sagittara (21.08.2007, 08:43 Uhr)
Was sagte ich vor ein paar Tagen...
um Einschaltquoten zu pushen ist RTL und Konsorten kein Thema zu schade.
Glück für mich,...in meinem TV Speicher sind die Hasherkanäle RTL und PRO7 ausgeblanct,...und ich weis genau warum...fehlen tun sie mir jedenfalls absolut nicht.
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