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Ein Hochstapler, der über Leichen ging

Der "Euthanasie-Arzt" Robert Herzer war ein Hochstapler, der im Medizinstudium gescheitert war. Doch selbst seine Verurteilung wegen Mordes 1947 konnte den "Medizinalrat" nicht stoppen: Im DDR-Gefängnis durfte er als Haftarzt arbeiten. Später machte er im Westen wieder Karriere als "Arzt".

Von Kerstin Schneider

Der Mann, den russische Soldaten fünf Monate nach Kriegsende, am 16. Oktober 1945, in Großschweidnitz - einem kleinen Ort in der Nähe der tschechischen Grenze - festnahmen, machte keinen Hehl daraus, dass er ein Mörder war. "Zum Zwecke der Sparung von Lebens- und Heilmitteln mussten schwer- und unheilbar Kranke hingerichtet werden, um anderen Platz zu machen", gab Robert Herzer ohne jedes Unrechtsbewusstsein zu Protokoll.

Fast fünf Jahre lang war Herzer "Stationsarzt" im "Haus 30" der Landesheilanstalt Großschweidnitz gewesen. Dass in dem roten Backsteinbau am Rande des Klinikgeländes gemordet wurde, war in Großschweidnitz ein offenes Geheimnis. "Sterbehaus" wurde Herzers Station vom Klinikpersonal genannt. "In diese Station habe ich diejenigen Kranken verlegt, die Sterbemedizin bekommen sollten", sagte Herzer in der Vernehmung weiter.

Herzers dunkles Geheimnis

Weit über 5.000 Menschen starben von 1939 bis 1945 im Rahmen der so genannten "Euthanasie" in der "Landesanstalt Großschweidnitz". Die Ärzte ließen die Patienten als "lebensunwertes Leben" verhungern oder vergifteten sie mit Luminal, so wie es auch Herzer im "Haus 30" tat.

Im Juni 1947 wurde Robert Herzer vom Landgericht Dresden als einer von 15 Angeklagten wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Foto zeigt Herzer vor der Urteilsverkündung auf der Anklagebank. Er war blass, hielt die Arme wie einen Schutzwall vor der Brust verschränkt, starrte an die Decke. Fürchtete Herzer nicht nur das Urteil, sondern auch, dass sein dunkles Geheimnis auffliegen könnte? Dass er gar kein Arzt war, sondern ein Hochstapler?

Robert Herzer wurde im Juni 1910 in Chemnitz geboren. Sein Vater war Lehrer. Im April 1929 schrieb sich Herzer mit 18 Jahren an der Universität Würzburg für Medizin ein. 1932 fiel er das erste Mal durch die "ärztliche Vorprüfung". Herzer wechselte an die Universität Heidelberg, wo er die Prüfung wiederholte und im August 1932 erneut durchfiel. Damit war der Traum Arzt zu werden, für Herzer vorerst geplatzt. "§ 15 der neuen Prüfungsordnung ist so auszulegen, daß derjenige Studierende, der bei der ersten Wiederholungsprüfung nicht in allen Fächern bestanden hat, endgültig von nochmaligen ärztlichen Prüfungen ausgeschlossen wird, also auch nach einem vollkommen neuen medizinischen Studium nicht zu einer weiteren Prüfung zugelassen werden kann", legte ein Erlass des Reichsministeriums des Inneren unmissverständlich fest.

Kein Arzt, sondern Hochstapler

Dennoch blieb Herzer bis zum 6. November 1933 an der Universität Heidelberg. Später gab er an, an diesem Tag die "medizinische Vorprüfung" mit der "Note 3" bestanden zu haben. Doch im Universitätsarchiv findet sich weder ein Zeugnis über diese Prüfung, geschweige denn ein Hinweis auf eine Ausnahmegenehmigung, die Herzer erlaubt hätte, die Prüfung ein drittes Mal abzulegen.

Im Mai 1934 schrieb Herzer sich an der Universität Leipzig für Medizin ein. Herzer gab stets an, "am 15. September 1936 die ärztliche Prüfung vor dem Prüfungsausschuß in Leipzig mit dem Urteil ,genügend' bestanden zu haben. So steht es auch in der "Bestallungsurkunde", die Herzer stets vorlegte. In den Dokumenten der Universität Leipzig taucht Herzers Name allerdings weder bei den Anmeldungen zur Prüfung am 15. September 1936 auf, noch bei den Studenten, die an diesem Tag tatsächlich geprüft wurden. Belegt ist dagegen, dass Herzer die Universität schon im Februar 1936 verließ, und zwar lediglich mit einem Abgangszeugnis, in das keine einzige besuchte Lehrveranstaltung eingetragen war. Herzer war also gar kein promovierter Arzt, als der er sich ausgab, sondern ein Hochstapler.

Arisch und politisch zuverlässig

Um als "Arzt" dennoch Karriere zu machen, diente Herzer, der seit 1933 Mitglied der NSDAP und der SA war, seine medizinischen Dienste der "Sturmabteilung" an. Herzer untersuchte SA-Leute und erteilte ihnen Sanitätsunterricht. Im September 1937 wurde der Hochstapler - nachdem ihm die NSDAP "politische Zuverlässigkeit" bescheinigt hatte - als angestellter Hilfsarzt in Arnsdorf vereidigt.

Knapp drei Wochen später, am 4. Oktober 1937, reichte Herzer die "beglaubigte Abschrift" seiner "Bestallung als Arzt" beim "Herrn Reichsstatthalter in Sachsen - Landesregierung Ministerium des Inneren" ein. Herzer legte jedoch keine amtliche Beglaubigung vor, sondern nur eine Abschrift der Bestallungsurkunde, die lediglich durch den Stempel der Arnsdorfer Klinik "beglaubigt" worden war. Den Beamten im Ministerium reichte das. Ihnen war ohnehin wichtiger, dass Herzer und seine Frau arischer Abstammung waren. Da dies - laut Herzers Stammbaum - der Fall war, stand seiner Karriere als "Arzt" nichts mehr im Wege.

In Arnsdorf profitierte Herzer von seiner nationalsozialistischen Gesinnung. Herzer sei "auch für erbbiologische Arbeiten" geeignet, empfahl ihn der Anstaltsdirektor beim sächsischen Minister des Inneren. Im Oktober 1940 wurde Herzer nach Großschweidnitz versetzt. Im Jahr darauf begann dort die "wilde Euthanasie". Herzer ging durch die Bettreihen und spielte Herr über Leben und Tod. "Der Stationsarzt Dr. Herzer ging mit mir und der Stationsschwester durch die jeweilige Station, bezeichnete die betreffenden Kranken, die ruhig gestellt werden sollten und verordnete die Stärke der Dosis", gab Oberschwester Elsa Sachse, Herzers rechte Hand zu Protokoll. "Den Kranken wurde eine übernormale Dosierung an Veronal und Luminal verabreicht, damit die Kranken in einen tiefen Schlaf verfielen, aus dem sie nach Möglichkeit nicht wieder erwachen sollten."

1943 wurde Herzer "im Namen des Führers" zum "Assistenzarzt" ernannt und "außerplanmäßig" ins Beamtenverhältnis übernommen. Er meldete sich freiwillig zur Waffen-SS und wurde nur ein Jahr später, im Dezember 1944 vom Assistenzarzt zum "Medizinalrat" befördert. "Im Namen des Deutschen Volkes ernenne ich unter Berufung in das Beamtenverhältnis auf Lebenszeit den Assistenzarzt Robert H e r z e r zum Medizinalrat. ... Zugleich sichere ich ihm meinem besonderen Schutz zu. Führer-Hauptquartier, ... Der Führer gez. Adolf Hitler", heißt es in der Ernennungsurkunde.

Wegen Mordes verurteilt

Fünf Monate später war der Krieg zu Ende. Am 16. Oktober 1945 wurde Herzer festgenommen und im Juni 1947 wegen Mordes verurteilt. Dass der "Stationsarzt" des "Sterbehauses" gar kein Arzt war, sondern ein Hochstapler, der zum Massenmörder geworden war, blieb während des Prozesses unentdeckt. Deshalb konnte seine Verurteilung als Massenmörder den falschen Arzt nicht stoppen.

Herzer kam nach Zwickau ins Gefängnis und durfte schon bald wieder als Arzt arbeiten. Nur wenige Monate nach seiner Verurteilung als Massenmörder, setzte die Gefängnisleitung Herzer im Januar 1948 als "Helfer" auf der "Krankenstation" ein. Und bald darauf ersetzte Herzer sogar den hauptamtlichen Gefängnisarzt. Deshalb wurde eine geplante Verlegung Herzers nach Hoheneck abgelehnt. "Da die Vollzugsanstalt Zwickau über keinen hauptamtlichen Arzt, sondern nur über einen Vertragsarzt" verfügte, ordnete das Justizministerium an, dass "der Strafgefangene Herzer vorläufig in der hiesigen Anstalt verbleiben" durfte. Als inoffizieller Haftarzt genoss der Massenmörder allerlei Vorteile, bekam sogar Ausgang.

Anfang 1949 sollte Herzer nach Brandenburg-Görden verlegt werden. Doch er war in Zwickau als "Gefängnisarzt" inzwischen unabkömmlich. Das Justizministerium ordnete deshalb im Juni 1949 "im Hinblick auf die besonders gelagerten Verhältnisse" an, dass Herzer nicht nach Brandenburg-Görden musste. Inzwischen durfte der Massenmörder nicht nur Häftlinge, sondern auch Bedienstete und ihre Angehörigen behandeln. Im Juni 1950 wurde Herzer schließlich doch ins Gefängnis nach Brandenburg-Görden verlegt. Dort setzte die Anstaltsleitung ihn in der Gefängnis-Schneiderei ein. "In Diskussionen mit seinen Mitgefangenen vertrat er nach wie vor die Ansicht, daß die Tötung von Geisteskranken gerechtfertigt wäre", notierten die Beamten in Herzers Haftakte.

Herzer ging in den Westen

Nach vier Jahren weiteren Jahren wurde Herzer im Jahr 1954 nach Leipzig Klein-Meusdorf verlegt und durfte im Haftkrankenhaus wieder "als Arzt für Innere, Haut- und Geschlechtskrankheiten" arbeiten. Fast zehn Jahre saß Herzer nun schon im Gefängnis. Im September 1955 schrieb der Massenmörder ein Gnadengesuch an den "Präsidenten der Deutschen Demokratischen Republik", Otto Grotewohl: "Ich gebe zu, daß ich unter der Zugrundelegung der damals herrschenden Rechts - und Moralbegriffe mich schuldig gemacht habe". Herzer strich die Worte "schuldig gemacht" und ersetzte sie durch "falsch gehandelt habe". Zwei Tage vor Weihnachten, am 22. Dezember 1955, traf sich das Präsidium des Ministerrates der DDR zu seiner 25. Sitzung und beschloss: "2.616 wegen Kriegsverbrechen Verurteilte" sind "vorzeitig aus der Haft zu entlassen". Einer von ihnen war Robert Herzer.

Herzer ging in den Westen und fand sofort wieder eine Stelle als "Arzt". Er half dem TÜV als freier Mitarbeiter beim Aufbau des "Medizinisch-psychologischen Institutes in Mannheim". Das Institut beschäftigte sich mit der Frage, ob Fahrschüler, die zum dritten Mal durch die Prüfung gefallen waren, überhaupt in der Lage seien, ein Fahrzeug zu führen. Herzer entschied zwar nicht mehr über Leben und Tod, wohl aber über das Schicksal von Menschen.

Um zu verhindern, dass ihn seine Vergangenheit einholte, fälschte Herzer seine Biographie. "Gerichtliche Strafen: keine. Dienstliche Strafen: keine", trug der "Arzt" unter Paragraph sieben des Personalbogens ein. In Herzers Personalakte findet sich kein einziges Universitätszeugnis. Er reichte nur eine ungestempelte, gefälschte Bestallungsurkunde ein. Darüber hinaus bewarb er sich mit einem Zeugnis aus dem Haftkrankenhaus Leipzig Klein-Meusdorf. "Er leistete aufopferungsvolle sowie fachlich und menschlich große Arbeit, welche höchste Anerkennung verdient", lobte ihn der Oberarzt Thiele, ohne freilich zu erwähnen, dass Herzer Häftling gewesen war und in Leipzig eingesessen hatte, weil er seine Patienten in Großschweidnitz ermordet hatte. Herzer wurde fest angestellt.

Karriere beim TÜV

Als knapp vier Jahre später seine Beförderung zum Abteilungsleiter der Institute in Mannheim, Karlsruhe und Freiburg anstand, besorgte sich Herzer noch einen Persilschein - und zwar ausgerechnet von der Landesanstalt Großschweidnitz, wo er seine Patienten "hingerichtet" hatte. "Herr Dr. Herzer wurde sowohl hinsichtlich seiner fachlichen wie allgemein menschlichen Qualitäten recht positiv beurteilt", schrieb der ärztliche Direktor Fabian aufgrund der "noch vorhandenen Unterlagen". Fabian dürfte gewusst haben, dass der Kollege, dem er ein gutes Zeugnis ausstellte, ein Massenmörder war. Denn in den "vorhandenen Unterlagen" - Herzers Personalakte - war auf der letzten Seite festgehalten, dass Herzer im "Ärzteprozess zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt" worden war.

Massenmörder, Hochstapler, Medizinalrat

Nach seiner Ernennung zum Abteilungsleiter im Januar 1960 führte Herzer die Berufsbezeichnung "Leitender Arzt" und schmückte sich mit dem wohlklingenden Titel "Medizinalrat" - jenem Dienstgrad, den Hitler ihm 1944 verliehen hatte. Als der TÜV im Frühjahr 1968 ein weiteres Zweiginstitut für den Bodenseeraum in Singen eröffnete, kletterte Herzer die Karriereleiter noch ein Stück höher, wurde Leiter aller "Medizinisch-psychologischen Institute für Verkehr und Industrie" des Technischen Überwachungsvereins Baden.

Inzwischen praktizierte der falsche Arzt seit über 30 Jahren. Herzer hatte es geschafft, bei den Nazis, in der DDR und in der westdeutschen Demokratie als falscher Arzt und verurteilter Massenmörder Karriere zu machen. Eine Hochstapler-Karriere, die in der deutschen Kriminalgeschichte einzigartig sein dürfte.

Am 11. November 1969 starb Robert Herzer "plötzlich und unerwartet" mit 59 Jahren "während der Ausübung seines Dienstes" in Mannheim. "Wir nehmen Abschied von einem verdienten Mitarbeiter, Kollegen und fürsorglichen Vorgesetzten", trauerte der TÜV Baden in einer Todesanzeige um den "Medizinalrat a.D.". "Uneigennützig" und mit "großem persönlichen Einsatz" habe er die Interessen des TÜV vertreten. "Unter seiner Leitung haben die medizinisch-psychologischen Institute des TÜV Baden eine stetige Aufwärtsentwicklung erfahren." Vorstand, Geschäftsführung und Belegschaft gelobten: "Sein Andenken werden wir stets in Ehren halten." Herzer wurde auf dem Hauptfriedhof in Mannheim beerdigt. Dort liegt sein Grab heute noch.

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