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26. Juni 2008, 08:22 Uhr

"Und dann umkreisten sie mich"

Es war im Dresdner Stadtteil Pappritz. Die Behörden hatten eine Veranstaltung der Jugendorganisation der rechtsextremen NPD abgesagt. Der tschechische Fotograf Stanislav Krupar war dennoch angereist - und wurde zum Opfer rechter Gewalt. Hier beschreibt er den Überfall auf sich.

Eine Szene eines Nachmittags in Dresden© Stanislav Krupar

Aus Sicht der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der rechtsextremen NPD, war der diesjährige "Sachsentag" ein Desaster. Die Behörden hatten Versammlungs- und Bühnenverbote im letzten Moment ausgesprochen - und hinterließen am vergangenen Samstag eine überraschte und konfuse Menge von geschätzten 300 bis 500 Rechtsextremen im Dresdner Stadtteil Pappritz. Die Stimmung war gereizt.

Seit 2002 begleite ich das Auftreten von Neonazis mit meiner Kamera, meistens in meiner Heimat Tschechien - aber auch in Deutschland; die Grenzen, die den Rechtsextremen ansonsten so wichtig sind, zerfließen bei den Bewegungen der Neonazigruppen. In Deutschland ist mein Job meist gefährlicher: In Tschechien ist immer mehr Polizei zugegen, die uns Journalisten in brenzligen Situationen schützt. So bin ich beim diesjährigen NPD-Maiumzug in Nürnberg von einer Gruppe "Junger Nationaldemokraten", der Jugendorganisation der NPD, gejagt worden. Schließlich konnte ich mich hinter Polizisten verstecken. Aber diese Attacke sollte nicht die letzte sein.

Am vergangenen Samstag erreichte ich um 15:20 Uhr den Dresdner Neustadtbahnhof. Vor mir rund 300 Rechtsextreme, hinter mir ein Kordon aus Polizisten. Doch es waren zu wenig Ordnungshüter. Ein kurzer Vorstoß, und die Neonazis durchbrachen die Reihen der Polizei. Neustadt lag vor ihnen. Hilflos stand die Polizei daneben. Ich folgte den Gruppen, die in die Stadt stürmten, und fotografierte.

Alte Bekannte aus der tschechischen Heimat

Da passierte es. Eine Gruppe tschechischer Neonazis erkannte mich. Ich hatte einige von ihnen im Frühling dieses Jahres in Jihlava fotografiert; offiziell eine Gedenkveranstaltung an die Opfer des Zweiten Weltkriegs, nutzen Tschechiens Rechtsextreme die Gelegenheit jedes Jahr, um Blumen auf die Gräber von Soldaten der SS und der Wehrmacht zu legen.

In der Hainstraße verlangsamten drei Tschechen ihren Lauf und umkreisten mich. Weitere schlossen sich an. Schon nach wenigen Schlägen aus allen Seiten fiel ich auf den Bauch. Weitere Schläge folgten, und Tritte. Meine Fotokamera versteckte ich unter dem Bauch und hielt beide Hände an den Kopf, um ihn vor Schlimmerem zu schützen. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte. Es war, als sei die Zeit stehen geblieben. Dann hörte ich, wie irgendjemand auf meine Angreifer einredete, ich glaube, es war einer von den NPD-Ordnern. Den Schlägern war dennoch genug Zeit geblieben für eine "Abrechnung".

Warten auf die Polizei

Zum Glück hatte ich meinen Rucksack mit der Foto-Ausrüstung über die Wirbelsäule geschnallt; das schützte meine Nieren vor den Tritten. Doch während der Schläge öffneten sie meinen Rucksack und verstreuten die Ausrüstung auf der Straße. Nachdem die Attacke vorbei war, tastete ich nach meinen Sachen. Es fehlte das Handy und mein Blitzgerät Nikon SB800. Dann kehrte einer der tschechischen Angreifer zurück, ich sah ihn zu spät - und er trat noch einmal gegen meine Kamera. Während all dessen keine Spur von der Polizei. Auf einem rechtsextremen Internetforum läuft derweil eine Debatte darüber, wie erfolgreich die Aktion gegen mich gewesen sei - und dass es Videoaufnahmen vom Angriff auf mich gebe.

Irgendwann lief ich einfach los. Eineinhalb Stunden später traf ich an der Augustusbrücke auf einen der deutschen Angreifer. "So, wo ist dein Handy?", lachte er. Und ich sah endlich Polizisten. Der erste Beamte wollte mich sofort von der Brücke verweisen, obwohl rings um uns Touristen über sie liefen - und NPD-Hooligans, umringt von Polizisten. Der Beamte meinte, meine tschechische Presseakkreditierung sei in Deutschland nichts wert, ich bräuchte eine deutsche. Ich ging 30 Meter zurück und sprach einen zweiten Polizisten an. Jetzt wurde alles gut.

Der Polizist nahm mich am Arm, ich erkannte in seinem Beisein sofort drei meiner Angreifer in der Menge. Die Beamten griffen zu. Was jetzt mit ihnen ist, weiß ich nicht. Dann brachten mich die Beamten zu einem Dresdner Revier, wo ich auf einen Übersetzer wegen der Zeugenaussage wartete. Schließlich brachte man mich in das Diakoniekrankenhaus. Die Bilanz: Zahlreiche Schrammen und Prellungen, eine Quetschung am linken Knöchel und Schmerzen im Bauch.

Übersetzt aus dem Englischen von Jan Rübel

 
 
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