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"Jede rechte Partei landet bei der NSDAP"

Sein halbes Leben lang wollte Michael Berner ein neues Deutschland gründen, in dem Rasse, Volk und Nation alles beherrschen. Nach 24 Jahren in der Neonazi-Szene gibt er jetzt seinen Ausstieg bekannt.

Von Uli Hauser

  Michael Berner saß zuletzt im Vorstand der extremistischen Partei "Die Rechte"

Michael Berner saß zuletzt im Vorstand der extremistischen Partei "Die Rechte"

Michael Berner, 42, zählte in den vergangenen Jahren zu den führenden Köpfen in der deutschen Nazi-Szene. Der Braunschweiger gehörte zuletzt zu den einflussreichsten Kadern der rechtsextremistischen Partei "Die Rechte". Nach insgesamt 24 Jahren in der Nazi-Szene hat Michael Berner in dieser Woche seinen Ausstieg öffentlich gemacht. Er nahm auch die Hilfe von "exit Deutschland" in Anspruch, der vor 15 Jahren im Rahmen der stern-Kampagne "Mut gegen rechte Gewalt“ gegründeten Aussteiger-Initiative um den Berliner Szene-Kenner Bernd Wagner. dem stern erläuterte Berner seine Beweggründe für den Aussteig.

Wie fühlt es sich an, kein Neonazi mehr sein zu wollen?


Ich habe das Gefühl, dass eine schwere Last von mir fällt.

Warum stiegen Sie aus?


Die ideologisch-politische Konzeption führt absolut in die Irre. Die Szene wird immer gewaltbereiter, der Hass wächst, die Entschlossenheit. Wenn man darüber nachdenkt und über diese Radikalität reflektiert, ist die Schlussfolgerung logisch, zu gehen.

Immerhin waren Sie 24 Jahre dabei...


... ja. Aber wenn man Politik nur noch mit Gewalt durchsetzen will, dann hat das nichts mehr zu tun mit politischen Zielen wie sozialen Ausgleich oder höherer Gerechtigkeit, wofür Nazis ja angeblich streiten.

Wann fing es an?
Ich war 19 Jahre alt und in der Bundeswehr, da begann es. Unter Kameraden unterhielten wir uns über das, was uns nicht gefällt, ich ging dann auf Konzerte, ich bekam Material zu lesen und fand interessant, dass da junge Männer entschlossen sind. Im Gegensatz zu Menschen, die nicht erklären können, warum Demokratie gut sein soll, wussten die Kameraden, was sie wollten. Das deutsche Volk retten, Missbrauch von Sozialleistungen verhindern und so weiter. Und dann entsteht eine Dynamik, von der man mitgerissen wird. Es ist ja ein sehr aktivistisches System, da geht es richtig ab. Es geht auch um Adrenalin und Euphorie.

Haben Sie wirklich daran geglaubt, 70 Jahre nach Hitlers Zusammenbruch als Nationalsozialist in Deutschland die Massen wieder begeistern zu können?


Die Szene ist verlockend, sie blendet dich. In der vergangenen Zeit öffnet sie sich auch für Subkulturen, die früher eher "Linken" zugerechnet wurden, wie Hip Hop oder Metal, zum Beispiel, das ist attraktiv. Aber sie bringt dich schneller weg vom freien Willen als es dir bewusst ist. Aber irgendwann merkst du, dass du mit den Kameraden kaum richtig reden kannst, offen erst recht nicht. Da geht es nicht um Konzepte und Inhalte, da musst Du auf Linie sein. Da kommt eins zum anderen: Und wenn du auf deine Fragen keine befriedigenden Antworten bekommst, wird es schwierig.

Das zu erkennen, dafür brauchten Sie 24 Jahre?


Irgendwann hat man nur noch Scheuklappen auf, man wählt den bequemsten Weg, sucht nach Feindbildern statt nach Argumenten. Es gab zwei krasse Phasen, von Mitte der 1995er Jahre bis Anfang 2000. Da kam mein Sohn auf die Welt und ich habe mich etwas zurückgezogen. Dann bin ich über verschiedene Kameradschaften bis in den Vorstand der Partei "Die Rechte", bis 2013 war ich da recht aktiv. Danach wuchsen die Zweifel.

Wie darf man sich das vorstellen?


Da gab es Aktionen von den Kameraden in Dortmund, die schickten fingierte Todesanzeigen an missliebige Journalisten. Oder stellten im Stadtrat Anfragen nach der Zahl der Juden. Sie setzen auf Provokation und Eskalation und Gewalt.

Und Sie können für sich ausschließen, dass Sie anderes waren?


Dazu möchte ich mich nicht äußern. Ich hatte auch Verfahren, aber wegen Beamtenbeleidigung, zum Beispiel.

Wie anstrengend ist es, ein Leben voller Hass zu führen?


Jedenfalls nicht so anstrengend, wie der Versuch, die Dinge auch aus einer anderen Sichtweise begreifen zu wollen. Mal eine andere Position einzunehmen. Die Dinge sind komplex: Nazi zu sein, macht das Leben einfacher.

Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass an einem Ausstieg kein Weg vorbeiführt?
Ich hatte auch während meiner Zeit in der Szene noch Freunde, die meine Meinung nicht teilten, mich aber auch nicht verbannten. Und dann hat mir meine neue Freundin die Augen geöffnet, sie hält mir täglich einen Spiegel hin. Anders als meine Ex-Frau, die immer noch in der ersten Reihe marschiert, die überall dabei ist, wo es poppt, sie ist ein Adrenalin-Junkie. Immer in der ersten Linie, Ärger mit Antifa, Ärger mit der Polizei.

Ihre Ex-Partei "Die Rechte" ist nicht verboten. Ist sie, salopp gesagt, gefährlicher als die NPD?


Nun, in ihr sind vor allem gewaltbereite Kameradschaften organisiert. Aber jede rechte Partei, das wurde mir in den letzten Monaten klar, baut auf einen Nationalsozialismus in neuem Gewand. Man versucht sich neu zu verkaufen, aber es sind keine neuen Ideen. Und man landet immer wieder bei der NSDAP und im sogenannten dritten Reich, das volle Programm. Ich habe genug Typen kennengelernt, die sich nicht scheuen würden, für ihre Ideen andere umzubringen. Die Hemmschwelle ist deutlich gesunken.

Derzeit zieht es viele radikalisierte Jugendliche zur Terrortruppe des "Islamischen Staat". Gibt es Parallelen zwischen Islamisten und Nationalsozialisten?


Ich empfinde da nur Ekel und Abscheu. Aber es ist faszinierend zu sehen, wie dieser IS scheinbar aus dem Nichts entstanden sind. Diese Leute sind lange nicht ernst genommen worden. Und hatten jede Menge Zeit, sich auf das vorzubereiten, was sich gerade tut. Nach außen würde kein Nazi Gemeinsamkeiten mit dem IS zugeben: aber das Vorgehen ähnelt sich. Es geht darum, Angst und Terror verbreiten, auch durch Selbstinszenierung und martialischem Auftreten.

Diese IS-Szene haben die Behörden im Blick, aber nicht im Griff. Wie schätzen Sie das Gewaltpotential der bundesdeutschen Nazis ein?


Ich glaube, die verantwortlichen Politiker unterschätzen die Szene. Immer noch. Wenn man den Verfassungsschutz liest, hat mich nicht das Gefühl einer realen Gefahr. Aber im Großen und Ganzen findet eine gewaltige Vernetzung statt, die Deutschen sind mit allen nationalen Bewegungen im Kontakt, und es gibt genug Leute, die sich jederzeit Waffen besorgen können, wenn sie nicht schon welche haben.

Wissen die Ex-Kameraden von Ihrem Ausstieg?


Nein, nur meine engsten Leute. Ich habe begonnen, mich im vergangenen November zurückzuziehen, eine Weile habe ich noch mitgemacht, ich konnte mich nicht sofort offenbaren. Die Zahl meiner Facebook-Freunde habe ich von 150 auf unter zehn reduziert. Im Januar habe ich mich dann an "exit Deutschland" gewandt und lange mit deren Gründer Bernd Wagner gesprochen.

Wie fühlen Sie sich jetzt?


Besser. Ich war die ganze Zeit nicht in der Lage, die Dinge objektiv zu beurteilen. Ich habe lange Jahre vielen Menschen geschadet, physisch wie psychisch. Jetzt möchte ich mit meinem Schritt so viele wie möglich dazu bewegen, diesen Wahnsinn nicht zu versuchen. Und ich möchte meinen echten Freunden signalisieren, dass sie sich mit mir wieder sehen lassen können.

Gibt es schon erste Reaktionen?


Einige sagen, ich habe mich kaufen lassen vom Verfassungsschutz, andere drohen mir, Aufhängen am nächsten Baum und solche Sachen. Sie werden mich als "Untermenschen" beschimpfen und als "Jude". Diese Typen sind pubertär und feige. Aber eben ein Teil meines Lebens, den ich nicht weglügen kann. Doch ich bin in der Lage, mein Handeln und Denken zu ändern. Ich will keine Prise Mitleid provozieren, aber ich erwarte ein paar frostige Wochen.

Mehr über die Arbeit ...

... der Aussteiger-Organisation "exit Deutschland" erfahren Sie im aktuellen stern.

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