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23. Mai 2007, 06:57 Uhr
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"Ich bin nur noch Kopf"

Seit elf Jahren sitzt das Neonazi-Opfer Noël Martin im Rollstuhl. Sein Leben ist eine Qual. Es sei nicht mehr lebenswert, sagt er im stern-Gespräch. Kurz vor seinem geplanten Suizid in der Schweiz spricht er auch über seinen letzten Wunsch und wie er sich seinen Tod vorstellt.

Das Neonazi-Opfer Noël Martin ist auf ständige Hilfe im Alltag angewiesen© Christopher Furlong/Getty Images

Seit ihn vor elf Jahren Neonazis im brandenburgischen Mahlow bei einem Angriff zum Krüppel machten, ist für den schwarzen Briten Noël Martin das Leben eine Qual. In einem Gespräch mit dem stern sagte Martin, der vom Hals abwärts gelähmt ist, das Leben sei seitdem für ihn nicht mehr lebenswert. "Ich bin nur noch Kopf. Ich habe Augen, die sehen, einen Mund, der mit Mühen schlucken kann. Ich weiß aber nicht, wann ich Hunger habe, ich weiß nur, dass ich gelegentlich etwas essen muss."

Seit elf Jahren, so Martin, lebe er nur noch aus Erinnerungen: "Ich habe ein Gehirn, das denken kann. Aber das Gehirn empfindet nichts." Er wisse kaum mehr, wie sich Haut anfühlt, "wie schön eine körperliche Berührung sein kann". Sein Lebensgefühl ließe sich kaum vermitteln. Er fühle sich "wie eine brennende Lampe, der man plötzlich das Stromkabel durchschneidet. Da ist noch Strom in der Leitung, Strom ist in meinem Kopf, aber der kann nicht abfließen." Er sitze tagaus, tagein in seinem Rollstuhl - und sehe zu, "wie die Welt an mir vorüberzieht. Ich hoffe, dass ich bald wegfliege von dieser Welt."

Da er nicht mehr in Würde leben könne, wolle er in Würde sterben. Mit Dignitas, der Schweizer Sterbehilfe, sei alles geregelt. Es ärgere ihn, dass er als Brite zum Sterben in die Schweiz müsse: "Jedes Tier, das in England leidet, wird eingeschläfert. Zu den Tieren ist man sehr human, aber ich soll qualvoll dahinleben." Ohne Bedauern, würde er seine Wohnung, sein Haus im Birminghamer Stadtteil Edgbaston, alles, was er erreicht habe in seinem Leben zurücklassen. "Ich bin der erste Schwarze, der in diesem Viertel wohnt. Ich habe den Weißen gezeigt, dass wir Schwarze so gut sind wie sie."

Nur noch eines möchte Noel Martin erleben - dass sein Pferd Baddam am 21. Juni in Ascot siegt. Martin ist der erste schwarze Pferdebesitzer, der jemals - 2006 - eines der bedeutendsten Rennen der Welt gewonnen hat: "Für mich war das ein unfassbarer Triumph. Alle Leute, auch die Queen in ihrer Ehrenloge, Millionen an den Fernsehschirmen schauten auf mich - den Schwarzen, den Krüppel im Rollstuhl."

Dass Noël Martin, das Opfer rechtsradikaler Gewalt, sich für seinen Tod entschieden hat, wird in den Internetforen der Neonazis höhnisch kommentiert: "Selbstmord gegen rechts - eine tolle Idee!" Martin berühren diese Attacken nicht mehr. "Sie haben mich platt gemacht, das stimmt." Sie hätten sein Leben zerstört, "aber sie haben mich nicht besiegt."

Wie Martin sterben werde, das wisse er schon - mit dem Strohhalm werde er den Giftbecher leer trinken, dazu Songs von Bob Marley hören und zuletzt Frank Sinatras "I Did It My Way". Martin im stern-Interview: "Ich werde als zufriedener Mann sterben."

KOMMENTARE (10 von 13)
 
mokdo (24.05.2007, 20:28 Uhr)
Selbstmord verschoben
Herr Martin hat nunmehr seinen Selbstmord auf einen unbekannten Termin verschoben. Irgendwie ist das schon komisch, das er letztes Jahr bei seiner Ankündigung des Selbstmordes gleichzeitig Werbung für sein Buch gemacht hat.
novamind (23.05.2007, 19:37 Uhr)
hihihihi
@ manndernichtdaist: darf ich deinen ulkigen namen so verstehen, dass du "nicht ganz da bist"?
ich meine etwas scheint zu fehlen...das hirn? verschone uns mit deinen blöden todestrafengeschwafel und guck mal in die länder wo diese aktiv ist.gibt es dort weniger verbrechen? oder vielleicht sogar mehr....weil der verbrecher eh nix mehr zu verlieren hat?
revilowood (23.05.2007, 17:38 Uhr)
Respekt und Verbrechen
Die Entscheidung von Noel Martin verdient Respekt und ist doch unsagbar traurig. Die Verbrecher - und nichts anderes sind diese Drecksäcke, egal, ob sie sich Nazis oder sonstwie nennen- werden vermutlich nach 2 Jahren wegen guter Führung entlassen. Allzu oft kümmert sich die Justiz soviel mehr um die Täter als um die Opfer. Egal, welchen sozialen Hintergrund die Täter haben, sie treffen immer selber die Entscheidung zur Gewaltanwendung. Und genau danach sollten sie auch verurteilt werden.
Zum Thema Zivilcourage: niemand verlangt, daß man sich alleine einer Übermacht stellt. Wegschauen und überhaupt nicht zu handeln ist jedoch grade so, als schlüge man selber zu. Egal, ob jemand ein Kind schlägt, eine Frau belästigt oder eben jemanden zusammenschlägt. Diese Leute müssen wissen, daß sie damit nicht durchkommen. Nirgends und niemals. Man muß Sie stoppen, wenn es sein muß, auch durch - in diesem Fall als Notwehr- die Anwendung von Gewalt. Nur dann wird unsere Gesellschaft -noch- lebenswerter.
Bernheimer (23.05.2007, 12:22 Uhr)
Es geht doch nicht..
.. darum (@Vincent_Vega), seinen Hals zu riskieren. Wenn eine Gruppe (und Vega sprach nicht von einer Person @Beckstown) einen Passanten verprügelt, dann muss man nicht Gefahr laufen, selbst Opfer zu werden. Die Polizei zu rufen jedoch, ist Pflicht für jeden. Man muss immer das Gefahrenpotential abschätzen. Sobald man es als gering einschätzt, kann man auch selbst eingreifen. So oder so - Zivilcourage ist Pflicht!
@sam.s.
"Antiautoritäre Erziehung" ist mitnichten keine Erziehung. Ich weiß nicht, wie Sie auf so etwas kommen. Keine Erziehung bedeutet, kein "Vorbild" zu haben und sich dementsprechend selbständig durchs Leben zu schlagen.
Zu dem Mist mit der Todesstrafe hat man schon ausführlich geantwortet..
SammyRainBow (23.05.2007, 12:05 Uhr)
...
word |BecksTown!
was man hier wieder für ein gelaber liest...
todesstrafe einführen, kinder falsch erziehen...
meinungen gibts, die gibts gar nicht.
Beckstown (23.05.2007, 12:01 Uhr)
Zivilcourage ist möglich!
@Vincent_Vega:
Ich gebe zu, dass es gefährlich sein kann, Zivilcourage zu zeigen, und es kostet jede Menge Überwindung! Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es immer besser ist als wegzuschauen. Man muss nur den ersten Schritt tun und Vorbild für andere sein. Nachdem ich den ersten Schritt getan hatte, als ich eine hilflose Person davor beschützen wollte totgeprügelt zu werden, folgten immer mehr Passanten meinem Beispiel, und der Täter konnte gemeinsam aufgehalten werden!
Leider reden sich viele Leute immernoch mit diesen Argumenten raus, frei nach dem Motto: Was geht mich das an, wenn da einer verprügelt wird...
damuero (23.05.2007, 11:38 Uhr)
@sam s
ohne hier "die '68er" in Schutz nehmen zu wollen, die Tatsache, dass Sie diese mit zuckerhaltiger Ernährung und ausgiebigem Fernsehkonsum für Kinder in Verbindung bringen, zeigt wie wenig Sie von dieser Zeit wissen. Außerdem weiß ich nicht wie manche Menschen darauf kommen können, dass seit den 68ern alles schlechter geworden ist, soweit ich das beurteilen kann, waren die 50 Jahre danach deutlich besser als die 50 davor! Aber hier im Internet kann ja jeder seinen unüberlegten Schrott loswerden...Beste Grüße.
Vincent_Vega (23.05.2007, 10:17 Uhr)
Lippenbekenntnisse
sowohl von Politikern als auch Normalbürgern.
@salz63:
wenn ich in der Straßenbahn oder in der Stadt unterwegs bin, bin ich das meist allein, d.h. nicht mit Freunden in einer Gruppe.
Die Nazis und -seien wir mal ehrlich- Jugendgangs aus In/Ausländern dagegen schon. Wenn also eine Gruppe von mehreren gewaltbereiten Nazis oder Ausländern oder sonstwem sich auf jemanden stürzt, der sich zehn oder zwanzig Meter entfernt von mir befindet, halte ich erstmal die Klappe und versuche als "höchstes der Gefühle" die Polizei zu rufen - allein aus Selbstschutz, damit nicht ich derjenige bin, der am nächsten Tag vom Hals abwärts gelähmt ist.
Politiker dagegen sind selten so in der Stadt unterwegs, dass sie solchen Typen begegnen können, oder sie haben eigene Leibwächter. Da fällt es leicht, mehr Courage zu fordern.
Dann fällt mir weiterhin bei jeder Wahl auf, dass, die Wähler, welche rechts gewählt haben, sofort diffamiert werden, nach dem Motto:"Sie haben keine Demoktraieverständnis". Das Gegenteil ist der Fall - immerhin haben sie gewählt. Es sind in dem Fall die Politiker, die nicht einsehen, das sie die Wähler nicht erreicht haben und somit ihrer demokratischen Grundpflicht nachgekommen sind.
romeodelta (23.05.2007, 10:16 Uhr)
Nazis
Um eine Kommentar zu Bitter's Kommentar abzugeben - Nazis gibt es überall - das ist wirklich nicht ein deutsches Phänomen - das Wort "Nazi" schon - Abschaum gefällt mir besser - das gibt's in jedem Land
sam.s. (23.05.2007, 09:38 Uhr)
Ich bin nur noch Kopf
Ja, die Welt ist bescheuert. Was haben die 68er und die antiautoritäre Erziehung kaputt gemacht! Wobei ja "antiautoritäre Erziehung" schon ein Widerspruch in sich ist. Entweder ich erziehe, oder nicht. Und dass unsere Kinder so werden, haben wir doch selbst zu verantworten. Wir blasen ihnen Zucker in den A... und lassen sie bis in die Puppen fernsehen und am PC glucken. Wo sollen denn Verantwortung und Respekt wachsen? Wir nehmen sie doch selbst nicht mehr wahr. Die Griechen, Ägypter und Römer sind an diesem Problem gescheitert und untergegangen bzw. zur Korruption und Mafia mutiert. Aber leider ist der Mensch nicht lernfähig. So traurig der Sachverhalt im Einzelfall auch ist, schuldig sind wir alle!
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