Helmut Schmidt war da und Uwe Barschel, Freunde des SV Werder Bremen und DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski, die Stasi und angeblich auch der BND. Bis heute ranken sich viele Gerüchte um das Hotel "Neptun" in Warnemünde. Ein neues Buch begibt sich auf Spurensuche im "Hotel der Spione". Von Manuela Pfohl

Geheimnisumwittert: Das Hotel "Neptun" in Warnemünde hat eine aufregende Geschichte© Bernd Wüstneck/Picture-Alliance
Das Hotel "Neptun" in Warnemünde kennt in Mecklenburg-Vorpommern jeder, zumindest dem Namen nach. Und auch über die Region hinaus ist der Name ein Begriff. Im Jahre 1971 als neues Wahrzeichen am Warnemünder Strand eröffnet, war das "Neptun" Inbegriff für westlichen Charme und Service. Der Ruf des Hotels ergab sich aber auch aus der besonderen Mischung an illustren Gästen, zu denen Fidel Castro, Schlagerstars, ein Ölscheich und auch Uwe Barschel gehörten. Dass die Staatssicherheit ebenfalls zu den Dauergästen im Hotel gehörte, ahnten viele. Ein Hauch von Luxus umgab das neue Hotel, der auch für Urlauber des ostdeutschen Gewerkschaftsbundes FDGB zu haben war - obwohl es zunächst ganz anders geplant war. "Ein Stück DDR" - wie der damalige Rostocker SED-Bezirkschef Harry Tisch das neue Haus wohlmeinend nannte - ist das "Neptun" jedoch auch in anderer Hinsicht gewesen. Ohne dass dies einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde.
Die Autorin Friederike Pohlmann hat zusammen mit Wolfram Bortfeldt im Jahr 2006 einen Film über das Haus gedreht. Rückblickend sagt sie: "Bei den Recherchen ergaben sich viele aufschlussreiche Gespräche mit ehemaligen Angestellten des Hotels. Aber immer, wenn es konkret wurde, wenn es um ein Interview vor der Kamera ging, gab es nach kurzer Bedenkzeit Absagen. Die Begründung lautete in etwa: "die sind immer noch da. Die haben hier oben im Norden immer noch das Sagen. Ich will nicht, dass mein Sohn oder meine Enkelin ihren Job verlieren". Es gebe zwar, so wurde versichert, die Staatssicherheit nicht mehr, aber die alten Strukturen würden in Rostock immer noch sehr gut funktionieren.
Im Auftrag des Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern hat Friederike Pohlmann in den vergangenen zwei Jahren weiter recherchiert und ihre Erkenntnisse in einem Buch festgehalten. Die Historikerin hat sich durch einen Berg aus Stasi-Unterlagen, Untersuchungsausschuss-Protokollen und Dokumenten aus dem Bundesarchiv gekämpft. Ihr Ergebnis: Manche Details seien von einer gewissen Brisanz, weil tatsächliche einige der alten Bindungen und Geschäftsbeziehungen heute im wirtschaftlichen Leben von Rostock und Mecklenburg-Vorpommern noch wirksam seien. So heißt es im Buch: Eine erstaunliche Kontinuität war beispielsweise bis zum Herbst 2007 in der Führungsetage des "Neptun" zu verzeichnen: Mehrere stasibelastete Manager blieben unangefochten in ihren Positionen. Jetzt hat die Autorin ihr Buch "Hotel der Spione" in Schwerin der Öffentlichkeit vorgestellt.
Auf rund 200 Seiten vermittelt die Autorin ein Stück deutsch-deutscher Geschichte, das spannend und amüsant zugleich ist. Denn das Buch legt nicht nur offen, wie Geheimdienste aus Ost und West sich manchmal gegenseitig am Ostseestrand im Weg standen, es schildert auch, wie es auf privaten Geburtstagsfeiern westdeutscher Politiker im "Neptun" hoch herging und es legt offen, was sich hinter den Kulissen von Gastlichkeit und Komfort abspielte: Die Einbindung in den sogenannten "Bereich Kommerzielle Koordinierung" (KoKo), einen Devisen-Sektor inmitten der Planwirtschaft.
In den Überlieferungen des Ministeriums für Staatssicherheit fanden sich, laut Pohlmann, Aktenstücke zum sogenannten Polittourismus, der besonders in den 80er Jahren stark anwuchs. Bekannte Politiker wie Willy Brandt und Helmut Schmidt, Walter Leisler-Kiep und Hans-Dietrich Genscher trugen sich ins Gästebuch ein. Neben der steigenden Zahl von Reisegruppen aus westlichen Ländern trafen sich demnach ab Mitte der 80er Jahre mehrfach die Kieler Landtagsfraktionen von SPD und CDU zu Klausurtagungen im "Neptun".
Zu den Besuchen des früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel und Björn Engholm in Rostock und Umgebung gibt es eigens angelegte Aktenvorgänge der Stasi. Pohlmann: "Uwe Barschels Besuche im Hotel 'Neptun' haben Anlass zu den wildesten Spekulationen gegeben. Die unwiderstehliche Mischung aus Gerüchten und Zeitungsberichten über Sexparties und Waffenschiebereien hatte zur Folge, dass der "Spiegel" nach der Wende ein Team seiner besten Rechercheure ins Hotel 'Neptun' entsandte, um nach Spuren zu suchen." Es hatte offenbar Hinweise gegeben, dass Barschels Tod im Zusammenhang mit Geschäften stehen könnte, über die er in Warnemünde verhandelt hatte. Gleichzeitig hätten Gerüchte kursiert, die Staatssicherheit habe Barschel beim Sex in seinem Hotelzimmer gefilmt, und den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten mit solchen Videos erpresst.
Bernd Michels, langjähriger politischer Referent von Björn Engholm, der 1991 als Agent der DDR-Auslandsspionage in der Bundesrepublik enttarnt wurde, erinnerte sich an gemeinsame Besuche mit Engholm im "Neptun", bei denen es hoch herging. Bei den Einladungen durch den Hoteldirektor seien selbst steife Moralisten locker geworden. Günter Gaus, der sich an der Mix-Kunst der Bardame gar nicht satt sehen konnte, habe sich bemüht, einen Wodka aus der Flasche mit einem Meter Abstand in ein kleines Glas zu befördern, und das Ergebnis dieser Schenk-Artistik auch immer sogleich höchstselbst vernichtet.
Regelmäßiger Gast im "Neptun" war auch der DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski. Obwohl er 1983 mit Franz-Josef Strauß den Milliarden-Kredit aushandelte, war Schalck für die meisten DDR-Bürger ein "Mann ohne Gesicht". Für die Angestellten des "Neptun" dagegen war er kein Unbekannter, auch wenn man nicht genau wusste, warum sich der Mann mit der Sonnenbrille gelegentlich längere Zeit in Warnemünde aufhielt. Hotel-Direktor Klaus Wenzel war nach der Wende bei seiner Vernehmung vor dem "KoKo"-Untersuchungsausschuss sehr zurückhaltend mit Angaben über Dauer und Häufigkeit von Schalcks Aufenthalten im Hotel. Möglicherweise, weil er nicht mit Schalcks geschäftlichen Aktivitäten im Rostocker Raum in Verbindung gebracht werden wollte.