Barschels ewige Spuren

30. Juli 2012, 14:55 Uhr

Vor 25 Jahren starb Uwe Barschel in einem Genfer Hotel. Wurde er ermordet oder war es Suizid? Eine neue Spur befeuert dieses Rätsel. Eine Aussicht auf Auflösung besteht wohl dennoch nicht. Von Manuela Pfohl

Uwe Barschel, Mord, Suizid, Genf, Hotel Beau-Rivage, Mossad, Stasi

Uwe Barschel bei einer Pressekonferenz im Juni 1987. Am 11. Oktober um 12.43 Uhr wurde der CDU-Politiker tot in der Badewanne seines Genfer Hotelzimmers gefunden.©

Als der Roomservice des Genfer Hotels Beau-Rivage am 10. Oktober 1987 an der Zimmertür klopft und eine Flasche 85er Beaujolais Le Chat-Botté und zwei Gläser bringt, kann er an dem Gast von 317 nichts Besonderes entdecken. Der Deutsche öffnet im Beisein des Kellners die Flasche, probiert einen Schluck, ist zufrieden. Es ist 18.30 Uhr. Nichts deutet darauf hin, dass hier in der kommenden Nacht einer der spannendsten Politkrimis der deutschen Nachkriegsgeschichte seinen Anfang nimmt.

Am nächsten Mittag um exakt 12.43 Uhr werden der stern-ReporterSebastian Knauer und stern-Fotograf Hans-Jörg Anders den Gast tot und vollständig bekleidet in der Badewanne des Hotelzimmers finden. Es ist Uwe Barschel, der acht Tage zuvor von seinem Amt als schleswig-holsteinischer Ministerpräsident wegen der sogenannten Barschel-Affäre zurücktreten musste. Seitdem fragen sich Ermittler, Familienangehörige und Verschwörungstheoretiker aller Coleur gleichermaßen: Nahm sich der damals 43-Jährige das Leben oder wurde er ermordet? Und wenn ja, von wem und warum? Kaum ein anderer Kriminalfall hat die deutsche Nachkriegsgeschichte so lange beschäftigt wie der Tod des CDU-Politikers.

Jetzt, fast 25 Jahre nach dem mysteriösen Tod, bekommen die Spekulationen um einen Mord neue Nahrung. Denn Spezialisten des Kieler Landeskriminalamtes, die vor einem Jahr begonnen haben, alle Spuren erneut unter die Lupe zu nehmen, haben den genetischen Fingerabdruck eines Unbekannten entdeckt. Dies sagt der frühere schleswig-holsteinische CDU-Landtagsabgeordnete Werner Kalinka, der eine entsprechende Untersuchung angeregt hatte.

Gab es nur wenig Interesse zu ermitteln?

Demnach haben die Ermittler DNA-Rückstände einer fremden Person auf der Strickjacke, den Socken und der Krawatte des Toten sowie auf dem Handtuch des Hotelzimmers sichergestellt, die Barschel in der Nacht seines Todes trug. Kalinka forderte die Staatsanwaltschaft Lübeck auf, die bereits 1998 eingestellten Ermittlungen wieder aufzunehmen. Diese hatte damals in ihrem Abschlussbericht erklärt, es gebe derzeit keine Perspektive für weitere Untersuchungen, könne aber jederzeit wieder ermitteln. Doch warum wurden die Spuren erst jetzt gefunden?

Kalinka sagte der "Welt am Sonntag", durch die Funde habe sich der Verdacht erhärtet, dass Barschel ermordet worden sei. "Die Staatsanwaltschaft Lübeck ist nun nachdrücklich aufgefordert, die Ermittlungen wieder aufzunehmen." In den vergangenen Jahrzehnten sei die Arbeit der Staatsanwaltschaft Lübeck "alles andere als ruhmvoll" gewesen. "Es drängt sich geradezu die Frage auf, ob an bestimmten Ermittlungen kein oder nur wenig Interesse besteht."

Warum verschwanden Beweismittel?

Tatsächlich war genau dieser Verdacht in den vergangenen Jahren immer wieder geäußert worden, die Pannen häuften sich: Bereits die Schweizer Ermittler hatten wegen eines defekten Filmes lausige Tatortfotos abgeliefert, der erste Obduktionsbericht war unvollständig. Später verschwanden Beweismittel aus der Asservatenkammer. 2011 hatte die Generalstaatsanwaltschaft nach einer Strafanzeige von Barschels Witwe Freya wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt die Kieler Anklagebehörde mit einer Untersuchung beauftragt. In der Anzeige gegen Unbekannt ging es um ein fremdes Haar aus Barschels Genfer Hotelbett, das bei der Staatsanwaltschaft Lübeck asserviert und schließlich am 27. September 2011 als verschwunden gemeldet war. Angeblich war es beim versehentlichen Öffnen eines Fensters verloren gegangen.

Merkwürdig waren auch die Vorwürfe, denen sich der frühere Chefermittler im Fall, Heinrich Wille, ausgesetzt sah. Wille hatte immer wieder an der Selbstmordtheorie gezweifelt, und sich damit auch gegen die Entscheidungen der Staatsanwaltschaft gestellt, für die er arbeitete. Doch im Oktober 2011 geriet er selbst unter Druck, als ihm vorgeworfen wurde, er habe ein Beweisstück, nämlich ein Buch aus dem Hotelzimmer, einfach mit nach Hause genommen.

Hat der Mossad seine Finger im Spiel?

Doch wer hätte ein Interesse haben können, Barschel zu ermorden und warum sollten die deutschen Behörden das decken? Immer wieder hieß es, Barschel habe angeblich über illegale internationale Waffenschiebereien der Bundesregierung auspacken wollen. Als seine Gegner wurden wahlweise der israelische Geheimdienst Mossad, die DDR-Staatssicherheit und auch "deutsche Beteiligte" ausgemacht. Victor Ostrovsky, früher selbst Mossad-Agent, hatte in seinem Buch "Geheimakte Mossad" behauptet, der Mossad habe Barschel liquidieren lassen, weil er 1987 nicht bereit gewesen sei, einen geheimen Waffendeal zwischen Iran und Israel zu dulden, der über Schleswig-Holstein laufen sollte. Indizien für diese und andere Behauptungen existieren zwar zuhauf, doch Beweise für die These, dass Barschel zum Schweigen gebracht werden sollte, gab es bislang ebenso wenig, wie für die Behauptung, die deutschen Behörden würden den Fall gezielt "in den Sand setzen".

Ob der Beweis jetzt mit der neuen Spur gelingen kann, wird von einigen Ermittlern bezweifelt. Der genetische Fingerabdruck ist zwar eines der erfolgreichsten Instrumente auf der Jagd nach Verbrechern: Bei der Analyse werden Teile der Erbsubstanz Desoxyribonukleinsäure (DNS -englisch: DNA) untersucht. Für einen Test genügen geringste Spuren von Sperma, Schweiß oder Speichel sowie Haare oder Hautschuppen - wenn sie vollständig erhalten sind, reichen sie oft auch noch nach Jahrzehnten. Eine Methode, die vor Jahrzehnten noch nicht in dem Umfang zur Verfügung stand wie jetzt.

Kaum Hoffnungen auf Kärung des Falls

Doch für die Staatsanwaltschaft Lübeck lehnt trotz der Spur neue Ermittlungen ab. "Die Ergebnisse können der Staatsanwaltschaft Lübeck keinen Anlass geben, in die Todesermittlungssache wieder einzutreten", sagte Oberstaatsanwalt Ralf Peter Anders. Die Spuren sien so schwach, dass sie nicht für ein recherchefähiges DNA-Profil genutzt oder mit der Datenbank des Bundeskriminalamts (BKA) abgeglichen werden könnten.

Der frühere Chef-Ermittler im Fall Barschel, Heinrich Wille, ist ähnlicher Meinung - wenn auch aus anderen Gründen. Selbst wenn die Spuren aussagekräftig wären, sagte der damalige Leiter der Lübecker Staatsanwaltschaft, brächte das kaum etwas. Denn auch dann wäre nichts in den Datenbanken zu finden. "Wenn ich Recht habe, dann war es ein professioneller Mord", sagt Wille. Und Geheimagenten aus Iran, Israel oder Südafrika seien nun mal nicht registriert. "Damals gab es keine Ansatzpunkte, die auf einen Täter weisen. Ich befürchte, das wird jetzt nicht anders sein."

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