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19. August 2007, 16:13 Uhr

New York City - Paradies des Sozialismus

Morgens um halb sechs in Brooklyn: Man spricht über den G-Punkt, Hugo Chavez oder Adolf Hitler. Willkommen in Amerikas größter Kooperative "Food Coop". Hier geht alles seinen sozialistischen Gang - mit korrekten Gedanken, korrekten Preisen, und korrekter Drangsal. Von Jan Christoph Wiechmann

Menschenwürdig sind die Lebensmittelpreise in New York City eher selten© Spencer Platt/Getty Images

Wer noch einmal im Sozialismus leben will, sollte nach New York ziehen. New York ist so etwas wie das letzte Paradies für Sozialisten. Das bessere Havanna. Das wahre Pyöngjang. Das mag etwas merkwürdig klingen für eine Stadt, in der die Wall Street regiert und Sarah Jessica Parker Stilettos kauft und der Kindergartenplatz meines Sohnes 12.000 Dollar im Jahr kostet und ein schlechtes Hotelzimmer 300 Dollar. Aber man sollte sich davon nicht blenden lassen. Das ist nur die Fassade.

Das wahre Leben New Yorks zeigt sich morgens um halb sechs in der Union Street, in Brooklyn. Dort steht die größte Kooperative Amerikas, der Food Coop, eine Art selbst verwalteter Supermarkt. Der Food Coop hat 13.000 Mitglieder, ganz normale New Yorker, karibische Mathematiker, chinesische Pilates-Trainerinnen, maoistische Musiker, deutsche Reporter. Gegen drei Stunden Arbeitseinsatz im Monat können Coop-Mitglieder Bio-Lebensmittel zu menschenwürdigen Preisen kaufen. Sie schleppen dafür Zwiebelkisten und portionieren Käse und sortieren am Fließband Artischocken und fordern ihren Nebenmann, einen nichts ahnenden Kerl, morgens um halb sechs zu einem Diskurs über Buddhismus oder Hugo Chavez oder den weiblichen G-Punkt heraus: "So, what do you think about the G-Spot debate?"

Mitten in der Nacht zur Arbeitsschicht

Der arme Kerl am Fließband bin ich. Der arme Kerl ist mitten in der Nacht aufgestanden, um seine Arbeitsschicht im Food Coop anzutreten. So heißt sie tatsächlich in unserer Kooperative - Arbeitsschicht. Der Vorgesetzte heißt Gruppenführer und dessen Vorgesetzter Arbeitsschichten-Koordinator. Es gibt in unserer Kooperative auch ein Zentralkomitee und eine Generalversammlung, und wenn man nach den Kopfbedeckungen der Mitglieder geht, auch einen Maximo Lider, meist Che Guevara, mal Frida Kahlo, derzeit Bob Marley.

Was soll man morgens um halb sechs am Fließband über den G-Spot oder Hugo Chavez sagen? Vielleicht, dass beide große Obsessionen der Amerikaner sind, aber wer weiß schon, welche Folgen solch eine Äußerung in einer sozialistischen Kooperative hat. Also sagt der arme Kerl, dass er nicht von hier ist, sondern aus Deutschland, aber das hätte er nicht tun sollen. Sogleich beginnt eine Diskussion über Günter Grass und Jürgen Habermas und Adolf Hitler, und der arme Kerl weiß nicht, ob Hitler morgens um halb sechs so viel angenehmer ist als G-Punkte.

In New York kann man sein ganzes Leben im Sozialismus verbringen. Man kann seinen Tag im sozialistischen Café Vox Pop bei uns an der Ecke mit der Lektüre der in Heimarbeit gefertigten Zeitschrift "Rosa Luxemburg" und einer Tasse arbeiterrechtlich unbedenklichen Kaffees aus Kolumbien beginnen - und ihn dort ausklingen lassen bei einem Vortrag über die Ausbeutung der Feldarbeiter in Texas. Man kann selbst seinen zweiwöchigen Jahresurlaub im Sozialismus verbringen, so wie unsere Nachbarn das mit ihren beiden Kindern jeden Sommer tun. Sie fahren ins "internationale, multiethnische, multirassische" Ferienzentrum "World Fellowship" in die Wälder New Hampshires, wo sie jiddische Arbeiterlieder lernen und afrikanische Protesttänze und ihr Wissen über den Folterstaat USA auffrischen.

Wie immer im Sozialismus ist die Welt dort draußen sehr böse, aber wir sind echt gut.

Kaum Unterschiede zum Sozialismus à la DDR

Der real existierende Sozialismus in New York unterscheidet sich nicht besonders von dem der DDR. Wir Genossen stehen am Fließband und schwatzen, und da es nicht genug Arbeit für alle gibt, schwatzen wir noch mehr, und da immer mehr New Yorker Mitglied im Food Coop werden, schafft unser Zentralkomitee neue Arbeitsschichten. Es gibt jetzt Kassenbon-Abstempler und Fahrradstellplatz-Aufseher und Arbeitsschichtenüberprüfer.

Der Arbeitsschichtenüberprüfer hat mir gerade eine Abmahnung erteilt. Ich bin zu meiner Frühschicht nicht angetreten. Ich konnte nicht. Ich war auf Reportage. Ich habe gegen die Prinzipien der Kooperative verstoßen. Ich habe die Ideale der sozialistischen Revolution untergraben. Bei jedem Einkauf sagt der Einlasskontrolleur nun: "Mitglied 31213, Sie sind auf Arbeitsalarm. Sie stehen vor der Suspendierung."

Noch eine verpasste Arbeitsschicht, und sie können mich vor das DHC stellen, das Disziplinar-Anhörungskomitee. Es entscheidet über angemessene Sanktionen. Ich hoffe, dass ich mit dem Leben davon komme.

Neues in Amerika Wie kauft man beim Kaffeetrinken in Texas ein Maschinengewehr? Wie wird man vom Fahrradfahrer zum Millionär? Wie verteidigt man Gerhard Schröder gegen den Vorwurf der Prostitution? stern-Korrespondent Jan Christoph Wiechmann beschreibt in seiner wöchentlichen Kolumne "Neues aus Amerika" das manchmal sehr absurde Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Von Jan Christoph Wiechmann
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
Putinki (20.08.2007, 08:23 Uhr)
Sozialismus in New New York
Es ist zwar weit bekannt, dass der Sozialismus sehr schön klingt, aber eine Illusion ist. Sie endet immer in Unfreiheit und Willkuer. Es ist so schlimm, dass sozialistische Staaten nur überleben können, indem sie alles verbieten, ihren Staatsratsvorsitzenden zum Gott ausrufen und eine Mauer mit Selbschußanlagen bauen.
I New York hat sich scheinbar so ein sozialistischer Sombie den "American way of Life" mit dem Sozialismus verwechselt.
Übrigens eines stimmt in Amerika. Wer Geld hat kann auch viel ausgeben. Das gehört auch zum "American Way of life". Und wer dumm genug ist, der lobt Fidel, Hugo, den Heuchler Grass oder den Massenmörder Hitler. Aber es gibt Interessanteres über Deutschland zu dikuttieren. Eine Hotelübernachtung liegt typisch zwischen USD 80 bis 150 (Comfort Inn,u.v.a). Die Qualität is besser als viele Unterkünfte in Deutschland oder auf den Lieblings-Urlaubsorte der Deutschen, mit Ausnahme der USA, wohim sie auch jedes Jahr massenweise strömen. Sie fühglen sich dort herzlich Willkommen. So sind die Amerikaner eben.
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