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31. Mai 2007, 09:08 Uhr

"Reality TV - hart aber fair"

Die Idee, Nierenkranke in einer holländischen TV-Sendung um das benötigte Organ spielen zu lassen, entsetzt halb Europa. Der Fernsehkanal BNN, bekannt für provokante Shows, steht zu der Schock-Aktion - der Sender-Gründer starb selbst an Nierenversagen. Von Albert Eikenaar, Amsterdam

Bart de Graaff gründete den TV-Sender BNN. Er unterhielt das Publikum mit provokanten Sendungen© EPA/KIPPA/DPA

Es fing 1995 mit einem spontanen Vorschlag an: "Lasst uns unseren eigenen Sender gründen". Die Idee kam von dem damals 28-jährigen Bart de Graaff, Moderator eines TV-Jugendprogramms bei einer der öffentlich-rechtlichen Anstalten in den Niederlanden. Seine Redaktionsmitglieder waren direkt Feuer und Flamme. "Erst dann haben wir Macht. Dann kommen wir Jugendlichen im Fernsehen erst richtig zum Zuge".

Ein paar Wochen später gründeten Bart und seine Kumpane tatsächlich Bart's News Network (BNN) In den Niederlanden bekommt man Sendezeit im Radio und Fernsehen, wenn man einen Verein hinter sich hat, der wenigstens 150.000 Mitglieder aufweisen kann und noch bestimmte Auflagen erfüllt. So sollte man eine gewisse gesellschaftliche und kulturelle Strömung im Volk vertreten. Weil Jugendliche bei den traditionellen TV-Programmen damals kaum berücksichtigt wurden, genehmigte der zuständige Staatssekretär den Antrag von BNN. Ein paar hunderttausend Fans unterstützten Bart, der selbst Boss der neuen Anstalt wurde und somit zum Liebling seines Publikums.

1,40 Meter großer TV-Papst

Bart de Graaff, kaum 1,40 Meter groß, chronisch krank wegen seines Nierenleidens, entwickelte sich schnell zum TV-Papst, der ganz genau wusste, was seine Anhänger auf dem Bildschirm sehen wollten. "Nicht diese stupiden, langatmigen Soaps, nicht die überflüssigen Gespräche, die 100. Talkshow, die üblichen langweiligen Nachrichten", erzählte er. Bei ihm ging's schneller zu, frecher, blöder, manchmal total daneben, weil Bart und seine Truppe dann und wann brutal unsichtbare "ethische" Grenzen überschritten. Gut für fette Schlagzeilen. Genau das war sein Ziel; Aufmerksamkeit erregen, schockieren, seinen Zeitgenossen die andere Seite eines Problems oder Nachricht zeigen.

Die Konkurrenz reagierte anfänglich skeptisch, ungläubig, musste aber zusehen, wie "das kleine schmächtige Kerlchen" als moderner Narr, "der kleinste Mann mit dem größten Maul" seine Zuschauer bezauberte, oft mit Einsatz vieler bildhübscher Mädels. Nach dem Motto: Spaß muss sein. Sex auch. Doch stets mit einem ernsthaften Unterton, denn Bart wollte gleichzeitig informieren, helfen, immer im direkten Kontakt und mit der Sprache der Straße - rauh, roh, provokant, wie eben Jungen und Mädchen heutzutage reden. So machte er einen Film "Rent a Friend", über Menschen, die einen Unbekannten als Freund anheuern, um ihre Einsamkeit zu vertreiben. Bart verknüpfte Humor mit dem Ernst des Alltags von Teenagern in Not - und half ihnen aus der Misere.

Und genau das ist inzwischen zur Tradition bei BNN geworden: Menschen einerseits auf den Arm nehmen, auf dem falschen Fuß erwischen, sie aber zwischendurch in den Spiegel der Wahrheit schauen lassen und mit den wirklichen Dingen des Lebens konfrontieren.

Die "Große Spender Show"

Vor fünf Jahren ist Bart gestorben. Er hatte selbst auf eine Nieren-spende gehofft. Sie kam jedoch nicht mehr rechtzeitig. Der soziale, kämpferische Lilliputaner bekam eine Bauchfellentzündung. Er starb am 25. Mai 2002, 35 Jahre alt. Genau diese Tragödie spielt eine große Rolle bei dem umstrittenen TV-Programm, die "Große Spender Show", die BNN Freitagabend im niederländischen 1. Programm präsentieren wird. In der Reality-Show werden sich drei kranke Menschen um die Niere einer todkranken Frau bewerben. Die Zuschauer stimmen per SMS ab, wer für sie der "würdigste Spender" ist. Das letzte Wort hat aber die Spenderin, sie entscheidet am Ende, welcher Kandidat ihre Niere bekommt. Die Sendung löste in aller Welt eine massive Welle von Protesten, Entsetzen und Verwirrung aus. Die feine FAZ warf mit Dreck: die Idee stinkt so, dass sie nur aus Holland kommen kann.

"Wir betreiben kein Organdumping"

Obwohl sie noch keiner inhaltlich beurteilen konnte, wird die Show auch von anderen als geschmacklos, widerlich, gruselig und verwerflich abgestempelt. "Das stimmt vielleicht", sagt der heutige BNN-Chef Laurens Drillich. Er steht voll zu seinem umstrittenen Schockprodukt. "Das Ergebnis wird jedoch total integer sein. Wissen Sie, was ich verwerflich und skandalös finde? Dass jetzt 1168 Niederländer als Dialysepatienten auf eine Organspende warten müssen. Noch jahrelang. Pro Jahr überleben 200 Menschen die tödliche Warteliste nicht. Sie sterben. Das ist der wirkliche Skandal. Man regt sich über die falschen Dinge auf".

Drillich bestreitet, dass die Live-Sendung auf Sensation abzielt, auf hohe Quoten, die die Werbekasse füllen. "Das Programm wird in guter BNN-Tradition zusammengestellt. Wir wollen keine Billigeffekte auslösen. Kein Organdumping betreiben. Wir machen Reality-TV, wie das Leben halt ist, im wahrsten Sinne, hart aber fair".

Wie Drillich das Konzept seiner Kampagne auf einen Nenner bekommen will, ist die Frage. Denn von den sieben Transplantationszentren, die es in den Niederlanden gibt, zeigt sich keine bereit, eine Operation mit der im Wettbewerb gewonnenen Niere durchzuführen. Dem Sieger muss wahrscheinlich im Ausland geholfen werden, vielleicht in Belgien, in England oder sogar im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Drillich gibt darüber keine Auskunft. "Das ist ein Geheimnis, das wir erst Freitagabend preisgeben".

"Was zählt, ist der Erfolg"

In den Niederlanden sind die Transplantationsregeln so: Eine Niere von einem gerade Verstorbenen wird direkt an Eurotransplant geliefert. Das ist der einzige Weg. Wird die Spende von einem Lebenden gegeben, kann der Donor selbst eine Person als Empfänger anweisen, auch wenn dieser kein direkter Verwandter ist. Wie es aussieht, wählt die 37-jährige, krebskranke Spenderin Lisa einen der drei Bewerber für ihr Organ aus, bevor sie stirbt. Sonst würde die ganze Aktion umsonst gewesen sein. Drillich verneint das. Er hat sein Ziel längst erreicht. "Wir haben das Problem für die kommende Zeit ins Rampenlicht gestellt, zögernde Niederländer aufgerüttelt. Ich erwarte einen Zustrom an neuen Spendern, vor allem von Jugendlichen. Wie anfechtbar unsere unorthodoxe Aufklärungsmethode auch war - was zählt ist der Erfolg. Schade, dass so etwas nur in den Niederlanden möglich ist".

Drillich meint, dass die Gegner erst mal das Ergebnis abwarten sollten, bevor sie Schande schreien. Der TV-Boss ist zufrieden, dass die Haager Regierung "cool" geblieben ist unter der internationalen Entrüstung. "Der Media-Minister hat klar erkannt, dass er nicht eingreifen konnte und durfte. Das sei ein Verstoß gegen das Grundgesetz gewesen. Hier geht es schließlich um Meinungsfreiheit". Traurig findet Drillich, dass die Kontrahenten sich nicht zuerst in die Problematik vertieften und dann erst ein Urteil verkündeten. "Was sie jetzt behaupten, ist leeres Geschwätz".

Von Albert Eikenaar, Amsterdam
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Kalox (01.06.2007, 22:59 Uhr)
...abwarten
vielleicht gibt´s ja eine überraschung...
hardrain (01.06.2007, 09:41 Uhr)
Mit ehrlichem Bedauern
nehme ich meinen Vergleich zurück und entschuldige mich bei allen, die von dieser Äußerung beleidigt wurden. Aber:
Mit dieser Übersprungbetonung wollte ich meine deutliche Abscheu über diese Veranstaltung zum Ausdruck bringen. Und dabei bleibe ich! Gott würfelt nicht!
manndernichtdaist (01.06.2007, 08:52 Uhr)
Tja.
Was will man machen. Der Spender wird für Quote benutzt. Und alle schauen zu. Diese Frau hat unheilbaren Krebs. Eine Niere einer Krebskranken einzupflanzen ist gelinde gesagt ein Himmelfahrtskommando. Die Wahschreinlichkeit einer Nierenabstoßung liegt bei Sage und schreibe 30 bis 40%! Dann noch eine Niere einer kranken Patientin einzupflanzen - da kann sich jeder selbst ein Urteil darüber bilden.
Es ist vielleicht der letzte Strohhalm der "Kandidaten" - aber an die psychischen Konsequenzen, wenn man nicht auserwählt wurde denkt scheinbar keiner. Da kommt dann schnell der Gedanke Selbstmord (keiner mag mich, sterbe eh bald, keine Chance mehr auf Rettung) auf. Und schuld daran wird allein der Sender sein.
Es gibt andere Mittel für eine vernünftige Aufklärung (einen Organspendeausweis bekommt man jederzeit) damit wieder mehr Leute Organe spenden.
Corum (31.05.2007, 18:51 Uhr)
Eindeutig Nein...
zu dieser Show.
Vor ca 18 Jahren habe ich mal ein Buch von Richard Bachman gelesen: "Menschenjagd". Darin ging es um eine fernsehbeherrschte Diktatur, in der es Spiele gab wie z.B. ein Herzkranker, der auf dem Fahrrad schnell fahren musste und pro Minute 100 Dollar bekam.
Mit dieser Show nähern wir uns langsam diesem Szenario.
Was kommt als Nächstes? Wenn diese Grenze überschritten wird, kann es nur schlimmer werden.
Was geschieht mit jenen 2 Bewerbern die in ihrer Verzweiflung natürlich zu allem bereit war und die Niere nicht "gewinnen"? Ausblenden....
Aufrütteln ist schön und gut, aber heiligt der Zweck immer das Mittel?
Zum Thema @hardrain: Stichwort Godwins Gesetz....
Yslsl (31.05.2007, 17:52 Uhr)
Nazis
..der Nazi-Vergleich ist unter aller Kanone, voll daneben.
Die Bitterkeit des Tods nach Ewigkeiten in einer Dialyseklinik ist allemal schlimmer, als in einer noch so dämlichen TV-Show um sein Leben zu spielen.
Wenn nur ein zusätzlicher Organspender durch die Show gewonnen wird, hat sie sich schon rentiert.
Was niemandem schadet, sollte man auch nicht verbieten, schon gar nicht, aus nebulös ethischen Gründen, die keiner so genau benennen kann.
Necros (31.05.2007, 16:19 Uhr)
@Laura-J
Interessante Vorgehensweise von Ihnen, andere User so oberlehrerhaft zu beurteilen. Tja, manche Menschen waren halt auf der Toilette, als Gott Toleranz vergab. Zum eigentlichen Thema: Es muss andere Wege geben, das Interesse / die Toleranz der Menschen für Organspenden zu wecken. Wenn die Menschenwürde unantastbar ist, dürfe wir nicht zur Volksbelustigung Menschen um ihr Leben spielen lassen. Vielleicht geben sich die Politiker mal die Ehre, entsprechende Vorschläge vom Ärztebund umzusetzen, statt ihren gewöhnlichen Populismus-Mumpitz zu zelebrieren....
Laura-J (31.05.2007, 16:01 Uhr)
@hardrain
Ihr Vergleich stinkt zum Himmel, aber mehr als gewaltig. Voll am Thema vorbei, setzen, sechs.
Ich finde die Idee der Show eine gute Sache. Sie ruettelt wach, laesst Menschen nachdenken, ob sie nun Organspender sein moechten oder nicht, es wird hoffentlich bald viele Organspender mehr geben.
Vielleicht ist die Show selbst verwerflich, aber wer kann schon urteilen ohne die Show gesehen zu haben?
hardrain (31.05.2007, 15:14 Uhr)
Holländische Ethik?
Danke - auf dem gleichen Niveau hätte man vor einigen Jahren ja auch drei holländische Juden um einen Platz in Auschwitz würfeln lassen können...
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