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4. Januar 2007, 21:02 Uhr

Kevin starb nach unvorstellbarem Martyrium

Der kleine Kevin hat in seinem kurzen Leben viel erlitten. Das Obduktionsbericht offenbarte, dass der Zweijährige immer wieder schwerst misshandelt wurde.

Blumen und Stofftiere vor dem Bremer Wohnhaus erinnern daran, dass hier der zweijährige Kevin tot in einem Kühlschrank gefunden wurde© Marcus Posthumus/DDP

Die Liste der Wunden des zweijährige Kevin aus Bremen ist lang: Arme, Beine und Rippen mehrfach gebrochen, das Geschlechtsteil verletzt. Sein Kopf wurde auf eine harte Fläche geschlagen. "Wir können jetzt erahnen, welches Martyrium das Kind durchgemacht hat", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Dietrich Klein. "Wer Fotos dieses Kindes gesehen hat, wird diesen Anblick so schnell nicht los."

Bereits fünf Monate hatte die verweste Leiche des Jungen im Kühlschrank des Ziehvaters gelegen, als Polizisten sie am 10. Oktober 2006 entdeckten. Ob der drogensüchtige Mann wegen Mordes oder Totschlags angeklagt wird, prüft die Behörde derzeit.

24 Knochenbrüche am ganzen Körper

Die Bremer und Hamburger Gerichtsmediziner dokumentieren, dass das mangelernährte Kind immer wieder und auf dieselbe Art misshandelt wurde. Der Tod war eine direkte Folge der kurz zuvor zugefügten Knochenbrüche. Diese lösten eine Embolie aus, die Lunge versagte. Die Experten stellten insgesamt 24 Knochenbrüche am ganzen Körper fest. Einige Knochen waren wiederholt gebrochen, der Großteil der Verletzungen war älteren Datums. Für die Gerichtsmediziner ist klar ersichtlich: Das waren keine Unfälle, die Verletzungen wurden dem Jungen mutwillig zugefügt. Bereits vor dem Tod des Jungen hätten Ärzte Mitarbeiter des Sozialen Dienstes darauf aufmerksam gemacht, berichtete Klein.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wird derzeit die psychische Schuldfähigkeit des Ziehvaters ermittelt, der in Haft sitzt und noch immer schweigt. Sobald das Gutachten vorliegt, werde Anklage erhoben. Der Beschuldigte soll Kevin schwer misshandelt und sich danach nicht um eine medizinische Versorgung des Kindes gekümmert haben, erklärte Staatsanwalt Daniel Heinke.

Todszeitpunkt nicht geklärt

Wann genau der Zweijährige starb, können die Gerichtsmediziner nicht mehr feststellen. Die Experten gehen jedoch vom Zeitraum Ende April bis Mai 2006 aus. Am 20. April hatten Sozialarbeiter den Jungen zum letzten Mal gesehen. Berichte, nach denen andere Menschen das Kind noch zu einem späteren Zeitpunkt gesehen haben wollen, halten die Ermittler für nicht glaubhaft.

Kevin hatte nach dem Tod seiner Mutter unter der Obhut des Jugendamtes gestanden. Der Fund seiner Leiche hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt. Die damalige Sozialsenatorin Karin Röpke (SPD) trat zurück, und gegen Mitarbeiter der Sozialbehörde wurden disziplinar- und strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt zudem gegen den behandelnden Arzt des drogensüchtigen Ziehvaters, weil er über das Methadon hinaus mehrere Betäubungsmittel verschrieben haben soll. Ein Untersuchungsausschuss nimmt die schweren Behörden-Pannen in dem Fall unter die Lupe. Das Verfahren gegen den Ziehvater im Zusammenhang mit dem Tod von Kevins Mutter wurde inzwischen eingestellt.

Bremens Regierungschef Jens Böhrnsen (SPD) erklärte nach der Präsentation des Obduktionsergebnisses: "Die Erkenntnisse der Gerichtsmedizin sind auch Beleg für ein kaum vorstellbares Versagen staatlicher Einrichtungen." Er wolle sich auf Bundesebene für verbindliche Früh- und Vorsorgeuntersuchungen einsetzen. Zudem soll es in der Hansestadt künftig ein Notrufsystem rund um die Uhr geben, damit das Jugendamt jederzeit erreichbar ist. "Ein solches Kinderschicksal darf es in Bremen nie wieder geben!"

Stephanie Lettgen/DPA

 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
Spocks_Kommentar (05.01.2007, 16:05 Uhr)
Hehre Beweggründe für einen Mord!
In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Die Staatsanwaltschaft prüft, ob eine Mordanklage erfolgt.
Für Mord ist erforderlich, daß die Tat aus niederen Beweggründen erfolgt. Welche nicht niederen Beweggründe könnte es geben, einem 2-Jährigen die Knochen buchstäblich zu zerschlagen? Keine! Einen klareren Mord gibt es nicht mehr.
Selbst die, die Kinder schützen sollen, sehen also kein wirkliches Drame. Das Problem liegt also viel tiefer, in der deutschen Auffassung von Gewalt. Bevor sich im Kopf nichts ändert, wird sich so etwas nicht verhindern lassen. Dazu gehört, Eltern und Familie einen geringeren und dem Schutz der Kinder einen höheren Wert beizumessen. Freundlichkeit gegenüber Kindern aufzuwerten (und nicht unbegründet unter generellen Mißbrauchsverdacht zu stellen)und Gewalt zu ächten und nicht als Erziehung anzusehen. Dazu gehört, Kinder als Menschen zu begreifen und nicht als Eigentum ihrer Eltern und schon gar nicht als Spielball der Politik.
Dann wird es vielleicht auch irgendwann Staatsanwälte geben, die Mord als Mord verfolgen ohne zu prüfen, ob es vielleicht doch geringer angeklagt werden kann.
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