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26. Oktober 2010, 13:56 Uhr

Nach dem Paul ist vor dem Paul

In der Nacht zum Dienstag ist Paul, der orakelnde WM-Krake, gestorben. Im Aquarium Sealife in Oberhausen will man des Tentakelstars besonders gedenken. Aber die Ablösung schwimmt sich schon warm. Von Sophie Albers

Paul, Krake, Oktopus, Fußballweltmeisterschaft 2010, Südafrika, Oberhausen, Seanlife

Paul, der orakelnde Krake, ist tot© Sealife Oberhausen

Nur mal so eine Spinnerei, um klar zu machen, was hier gerade läuft: In, sagen wir, 200 Jahren, wenn mit ein bisschen Pech Marsmännchen über die triste Erde streifen, werden sie in einer Ruine im Ruhrgebiet Folgendes finden: Eine mit Asche gefüllte Urne umringt von angefressenen Plüschtieren, Fanschals, Trikots mit acht Ärmeln und zerfaserten Briefen, daneben eine Statue in Krakenform, und ein Video - die Marsmännchen können natürlich alle digitale Daten mit ihren Stielaugen sofort lesen - auf dem zu sehen ist, wie ebenjener Denkmal-Krake in einem kleinen Aquarium zwischen fahnenbewehrten Plastikboxen hin- und herschwimmt, um dann auf einer sitzen zu bleiben. Dazu gibt es Bilder von Männern, die einem Ball hinterherrennen. Hätten die Marsmännchen nicht schon Stielaugen, sie würden welche kriegen.

Anlass für diese Zukunftsvision ist das Ableben des berühmtesten Kraken der Welt nach dem aus "20.000 Meilen unter dem Meer": Paul aus Oberhausen. Der gebürtige Brite verzückte während der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika die weltweite Fangemeinde, indem er von seinem Wassertank im Meereserlebnispark Sealife Oberhausen aus Spielausgänge orakelte. Nicht nur den Ausgang der sieben deutschen Spiele sagte er voraus, sondern auch das Finale zwischen Spanien und den Niederlanden. Dabei lag das Tentakeltier zu 100 Prozent richtig, was ihm begeisterte Freunde, aber auch verbissene Feinde einbrachte.

Natürlichen Todes

Doch wurde Paul nun weder gegrillt, noch hat ihn ein enttäuschter Fußballfan in Ringe geschnitten. Wie das Aquarium Sealife mitteilte, ist der Oktopus "sanft" entschlafen und wurde am Dienstagmorgen von seinem Pfleger gefunden. "Paul war nicht verletzt und hatte auch keine Infektion", sagte Sealife-PR-Sprecherin Ariane Vieregge im Gespräch mit stern.de. Niemand habe mit seinem plötzlichen Tod gerechnet. Schließlich sollte der kleine Paul, ein Franzose, der vor acht Wochen angeschafft worden war, noch vom großen Paul lernen. Allerdings lässt die fantasielose Namenswahl natürlich darauf schließen, dass es auf längere Sicht tatsächlich um eine Ablösung ging.

Die Vermutung, dass der WM-Stress Pauls Lebenszeit verkürzt habe, sei abwegig, so Vieregge weiter. Sealife habe dem Wohlbefinden der Tiere immer Vorrang vor dem Medienhype eingeräumt, der in beeindruckendem Maße losgebrochen war, als das Tier im Juli dann auch noch gegen Deutschland orakelte.

Paul und George Lucas

Zum Dank für seinen großartigen PR-Einsatz ("Ja, wir haben sein verspieltes Verhalten auch als PR-Gag genutzt", hatte Sealife-Sprecherin Tanja Munzig damals zugegeben) soll dem großen Paul vielfältig gedacht werden. Sicher ist eine Ausstellung mit all den Fanartikeln und Geschenken, die dem Oktopus aus aller Welt geschickt wurden. Auch ein Denkmal sei in Planung. Und dann gibt es noch die Dokumentation von Alexandre O. Philippe, die demnächst auf DVD erscheinen soll, so Vieregge. Der US-Regisseur hatte zuletzt mit dem Film "The People vs. George Lucas" für Unterhaltung gesorgt. Auch darin geht es um Fans und ihr zuweilen etwas seltsames Verhalten.

Ob der Hype um Paul den Großen auf Paul den Kleinen abfärben wird, sei dahingestellt. Es sei nie der Plan gewesen, den Kleinen an den Plastikboxen zu trainieren, so die Sealife-PR-Sprecherin. Zumal seien Tintenfische intelligente Tiere, die wie Hunde oder Katzen unterschiedliche Charaktere haben. Und nicht jeder ist für das Showgeschäft gemacht.

Auf jeden Fall den Schildkröten auf der griechischen Insel Zakynthos würde Paul in guter Erinnerung bleiben, wenn sie ihn denn kennengelernt hätten. Mit einem Teil der Gelder, die in seinem Namen eingenommen wurden, wird dort eine Rettungsstation für die bedrohten Panzertiere mitfinanziert.

So war das mit Paul dem Großen.

- - Ende der Botschaft für die Marsmännchen im Jahre 2210 - -

Von Sophie Albers
 
 
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