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9. Juni 2009, 13:15 Uhr

"Schwimm, Matthias, bitte schwimm"

Er war die Liebe seines Lebens. Und er war ein Passagier des Todesflugs AF447. Der Stuttgarter Modemacher Horst Wanschura hat bei dem Absturz des Air-France-Airbus seinen Lebensgefährten Matthias Peter verloren. Hier lesen Sie, wie er vom Tod des Partners erfuhr, wie er trauert - und wie die Fluglinie mit ihm umgeht. Von Malte Arnsperger

Flugzeugabsturz, Air France, Angehörige, Opfer, AF447

Matthias Peter (l.) und sein Partner Horst Wanschura: Der Stuttgarter Peter war Passagier des Air-France-Flugs 447© Frommer

Es ist Pfingstmontag, 16 Uhr. Mit verweinten Augen sitzt Horst Wanschura vor seinem Fernseher und feuert einen Menschen an, den er nicht sieht, der ihn nicht hört: Matthias Peter, seinen Lebensgefährten, einen Passagier des Air-France-Flugs 447 von Rio de Janeiro nach Paris. "Schwimm, Matthias, bitte schwimm", murmelt der Stuttgarter Modemacher. Seit er erfahren hat, dass eine Maschine der französischen Fluglinie vermisst wird, sitzt er vor dem Bildschirm, will wissen, was mit Matthias, was mit dem Airbus A330 geschehen ist. Hat Matthias eine Chance zu überleben? Kann er sich retten? Vielleicht nach einer Notlandung? Vielleicht auf eine Insel?

Neben Wanschuras Stuhl steht eine große, schwarze Vase mit zehn Rosen, fünf rosa-farbenen, fünf weiß-rosé-farbenen, daneben ein frischgebackener Apfel-Käsekuchen. Mit beidem wollte Manschura seinen Lebensgefährten überraschen, ihn willkommen heißen. Eigentlich hätte er schon längst zu Hause sein müssen.

Doch Matthias Peter wird diese Geschenke nie entgegennehmen. Und wahrscheinlich bekam er auch keine Gelegenheit mehr zu schwimmen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist der 44-Jährige bei dem Absturz der Air-France-Maschine ums Leben gekommen, gehört zu den vermutlich 228 Opfern. Nach einem zweiwöchigen Urlaub war Peter auf der Rückreise von der brasilianischen Metropole zurück ins heimische Stuttgart. In Rio besaß er gemeinsam mit seinem Partner Wanschura seit fünf Jahren ein Apartment. Am 1. Juni sollte Peter gegen 13.30 Uhr in der schicken dreigeschossigen Wohnung in Stuttgart eintreffen, in der er seit 18 Jahren mit seinem Lebensgefährten lebt. Doch - ebenso wie die Angehörigen von 27 weiteren Deutschen - wartete Wanschura vergeblich auf den Heimkehrer.

Wohnung wird zum Trauerzentrum"

Freitag, 5. Juni. Die zehn Rosen sind verwelkt. Von dem Kuchen sind nur noch zwei Stücke übrig. Den Rest haben Wanschuras trauernde, tröstende Besucher gegessen. Er selbst hat davon nichts angerührt. Wasser, Kaffee, ein bisschen Suppe und eine Brezel. Das war alles, was der drahtige Mann zu sich nehmen konnte, seitdem er von dem Unglück erfahren hat. Die Wohnung des 48-Jährigen ist mittlerweile zum Zentrum der Trauer um Peter geworden. Ständig klingeln Menschen an der Tür, die den Witwer in seinem Schmerz nicht allein lassen wollen, unaufhörlich schellt das Telefon. "Hallo Christina, mein Schatz", begrüßt Wanschura mit leiser Stimme eine Anruferin. Nach einigen Sekunden läuft dem Mann mit den stahlblauen Augen und dem Dreitagebart eine Träne über die Bartstoppel. "Er ist ja bei uns. Er ist ständig bei uns und um uns", tröstet er die Freundin. Dann sagt er mit fester Stimme: "Dem Jens geht's super schlecht, dem müssen wir helfen."

1989 begegnen sich Wanschura und Peter zum ersten Mal. Dem Modedesigner fällt der athletische Sonnyboy auf, der nebenan in einem Kleidergeschäft arbeitet. Wanschura betreibt seine Modeboutique "Fashion Room" schon damals sehr erfolgreich - mittlerweile ist sie eine der exklusivsten Adressen in der Stuttgarter Innenstadt. Eine von Wanschura maßgeschneiderte Hose kostet mindestens 300 Euro, eine Wanschura-Jacke gibt's ab 900 Euro aufwärts. 1990 werden die beiden ein Paar, ziehen bald danach zusammen. Im August 2008 heiraten sie, inzwischen arbeitet Peter in Wanschuras Geschäft. "Er ist ein toller Modeberater", sagt Horst Wanschura und blickt auf ein Foto seines Partners, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Wanschura spricht von Peter in der Gegenwartsform. Für ihn ist er noch da.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Das letzte Telefongespräch und Horst Wanschuras Wut auf die Air France

Todesflug AF447

Todesflug AF447 Kaum ein Flugunglück der letzten Jahre hat die Menschen so bewegt wie der Absturz der Air-France-Maschine über dem Atlantik. Mehr als zwei Dutzend stern-Reporter, Bildredakteure und Fotografen haben in alle Welt Fakten und Fotos zu dem Absturz und, vor allem, seinen Opfern zusammengetragen. Lesen Sie im neuen stern die ganze Geschichte des Unglücksflugs AF 447.

Die Geschichten der Opfer Vermutlich sind bei dem Absturz des Air-France-Airbus alle 228 Menschen an Bord der Maschine getötet worden. Wer waren die Opfer genau? Wie haben sie gelebt? Wie gehen ihre Angehörigen mit dem Unfassbaren um? In einem ersten Artikel haben wir hier das Leben des Stuttgarters Matthias Peter und seines Partners Horst Wanschura beschrieben. In den nächsten zwei Tagen erzählen wir aus dem Leben zweier anderer Opfer des Unglücks - und vom Umgang ihrer Angehörigen mit der Trauer.

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