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18. Januar 2007, 17:38 Uhr

Chaos und Tote durch "Kyrill"

Mit bis zu 200 Stundenkilometern ist der Orkan "Kyrill" über Deutschland und Europa hinweggefegt. Mindestens 29 Menschen - davon zehn in Deutschland - kamen ums Leben. Der komplette Zugverkehr in Deutschland wurde lahm gelegt. Es gibt Schäden in Milliardenhöhe.

Helfer des THW stehen vor einem zerstörten Zweifamilienhaus in Barsinghausen© Stefan Simonsen/ddp

Entwarnung nach dem Sturm: Nachdem der Orkan "Kyrill" weit schneller als erwartet über Deutschland hinweggezogen ist, haben die Behörden Unwetter- und Sturmflutwarnungen am Freitagmorgen heruntergesetzt oder aufgehoben. Gleichzeitig liefen bundesweit die Aufräumarbeiten auf Hochtouren, um dem Berufsverkehr am Morgen die Wege freizumachen.

Mit 29 Toten in Europa und Schäden in Milliardenhöhe war "Kyrill" in der Nacht zum Freitag über Europa gefegt. Allein in deutschland starben zehn Menschen. Abgedeckte Dächer, zerfetzte Stromleitungen, zahllose entwurzelte Bäume und umgeknickte Strommasten verursachten ein Verkehrschaos.

Schwerster Sturm seit 20 Jahren

Mit "Kyrill" (altgriechisch: "Der Herr") war einer der schwersten Stürme der vergangenen 20 Jahre über Deutschland und Europa hinweggefegt, der nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia Spitzengeschwindigkeiten von 202 Kilometern pro Stunde erreichte. Auch in den Niederlanden, Frankreich und anderen Ländern hinterließ "Kyrill" eine Schneise der Verwüstung. Am neuen Berliner Hauptbahnhof riss der Sturm zwei tonnenschwere Stahlträger aus ihrer Verankerung, es bestand Einsturzgefahr für eine Glasfassade des Gebäudes. Mit zunehmender Sturmstärke wuchs gegen Abend die Zahl der Todesopfer.

Vor den Augen seiner Eltern wurde in Bayern ein Baby von einer Terrassentür erschlagen. Ebenfalls in Bayern wurde ein 73- Jähriger von einem herausgerissenen Scheunentor erdrückt. Ein Mann starb in Baden-Württemberg, als er mit dem Auto auf einen umgestürzten Baum fuhr. In Nordrhein-Westfalen wurden vier Menschen von entwurzelten Bäumen erschlagen, darunter ein 39-jähriger und ein 50-jähriger Feuerwehrmann im Einsatz. Im niedersächsischen Hildesheim sowie in Strausberg (Brandenburg) erlitten jeweils ein Autofahrer tödliche Verletzungen. In Sachsen-Anhalt kam ein Mann ums Leben, als in einer Gaststätte eine Wand auf ihn stürzte.

Zehn Todesopfer auf den britischen Inseln

Am Berliner Hauptbahnhof, der erst vor acht Monaten eröffnet wurde, rissen die Sturmböen Donnerstagnacht ein zwei Tonnen schweres Eisenstück aus der seitlichen Glasfassade heraus. Der Bahnhof wurde nach Angaben der Feuerwehr sofort komplett evakuiert, da zunächst weitere Einsturzgefahr bestand: Ein zweiter Träger hatte sich gelöst und in einen dritten Träger verkeilt. Menschen wurden nicht verletzt.

Allein auf den britischen Inseln starben durch "Kyrill" mindestens zehn Menschen, andere Quellen sprachen von zwölf Toten. In zehntausenden Haushalten brach die Stromversorgung zusammen. Die Schnellzugverbindung Eurostar zwischen London und dem europäischen Festland durch den Kanaltunnel wurde eingestellt. Der Fährverkehr zwischen Dover und Nordfrankreich wurde am frühen Morgen nach französischen Behördenangaben wieder aufgenommen. Drei Menschen starben jeweils in den Niederlanden und in Tschechien, zwei in Frankreich und einer in Belgien. In Krems (Österreich) wurde eine Frau aus ihrem völlig zerstörten Haus gerettet.

Auf den ostfriesischen Inseln blieb die Sturmflut aus

In den deutschen Küstenregionen, die sich auf einen schweren Kampf mit den Elementen eingerichtet hatten, gab es Verletzten; die materiellen Schäden hielten sich in Grenzen. Die Sturmflut auf der Nordseeinsel Sylt war weniger schlimm als erwartet. Auf den ostfriesischen Inseln Norderney und Borkum blieb die befürchtete schwere Sturmflut aus.

Den Flugverkehr Europas wirbelte "Kyrill" ebenfalls durcheinander. Die Gesellschaften strichen hunderte Verbindungen, manche Maschinen hoben erst mit stundenlanger Verspätung ab. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt wurden mehr als 200 von 1300 Flügen gestrichen. Chaos auch im Schiffsverkehr: Im Ärmelkanal spielten sich dramatische Szenen ab, als der Container-Frachter "MS Napoli" wegen eines Motorschadens in Seenot geriet. Trotz meterhoher Wellen konnten alle 26 Besatzungsmitglieder gerettet werden. In Deutschland wurden die Fährverbindungen auf Nord- und Ostsee sowie dem Bodensee zeitweise eingestellt.

Schulfrei in Bayern, Teilen von Hessen und NRW

"Kyrill" ließ vielerorts den Strom ausfallen. Katastrophal war die Lage im Harz. Auf dem Brocken wurden Windgeschwindigkeiten von rund 200 Kilometern pro Stunde erreicht, überall knickten Bäume um. In der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt riss der Sturm rund 20 Quadratmeter der Kupferabdeckung vom Dach des Domes.

Etliche Schulen, Kindergärten und Behörden hatten am Donnerstag Kinder und Mitarbeiter nach Hause geschickt. In Bayern und Teilen von Hessen und Nordrhein-Westfalen haben die Kinder auch am Freitag schulfrei.

In Ostdeutschland müssten mindestens mehrere zehntausend Menschen wegen des Orkans "Kyrill" die Nacht teilweise oder ganz im Dunkeln verbringen. Allein in Brandenburg waren über 150.000 Haushalte von Stromausfällen betroffen. "Es sind immer noch knapp 60.000 Haushalte ohne Strom", sagte der Leiter des Lagezentrums für Brand- und Katastrophenschutz, Hans-Werner Meienberg, am Freitagmorgen in Potsdam. Auch in Sachsen-Anhalt und Sachsen wurden ganze Ortschaften von der Stromversorgung abgeschnitten. Über die genaue Zahl der betroffenen Haushalte gebe es noch keinen Überblick. Ursachen für die Stromausfälle waren meistens Schäden an den Stromleitungen über Land.

DPA/Reuters
 
 
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