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Kohl und Karotten nach dem Stimmzettel

Am Sonntag ließen die Separatisten im Osten der Ukraine erstmals eigene Parlamente wählen. Der Bevölkerung wurde der Gang zur Urne mit Lebensmitteln zu Sonderpreisen schmackhaft gemacht.

  In der Nähe des Abstimmungslokals wird Gemüse in Säcken abgegeben.

In der Nähe des Abstimmungslokals wird Gemüse in Säcken abgegeben.

Unter starkem Protest aus Kiew ließen die Separatisten im Osten der Ukraine am Sonntag erstmals eigene Parlamente wählen. Für die potenziellen Wähler hatten sie sich dabei einige Anreize ausgedacht. So konnten die Abstimmungswilligen vor vielen Wahllokalen Lebensmittel, wie Kohl, Karotten und Kartoffeln zu Sonderpreisen erwerben – nachdem sie ihre Stimme abgegeben hatten. In den Lokalen warteten dazu Büffets mit Kuchen, Frikadellen und Obstsäften. Ergebnisse der Wahl werden erst im Laufe des Montags erwartet.

In den selbsternannten "Volksrepubliken" Lugansk und Donezk stimmten die Menschen weitgehend ungestört auch über "Republikchefs" ab. Die selbst ernannten Wahlleitungen sprachen vor Ende der Abstimmung von einer hohen Wahlbeteiligung in den mehr als 400 Wahllokalen.

Präsident erklärt Wahlen für ungültig

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat die Wahlen in den von prorussischen Separatisten kontrollierten Regionen der Ostukraine für ungültig erklärt. "Diese Pseudowahlen in einigen Kreisen der Gebiete Donezk und Lugansk gefährden den Friedensprozess", teilte Poroschenko in Kiew am Sonntagabend mit.

Poroschenko warf den bewaffneten Kräften "Okkupation" vor. Er forderte Russland auf, dem Beispiel anderer Staaten zu folgen und den Urnengang nicht anzuerkennen. Es handele sich um einen Verstoß gegen die Anfang September in der weißrussischen Hauptstadt Minsk vereinbarten Maßnahmen zur Lösung des Konflikts. Poroschenko betonte, dass Wahlen in der Ukraine nur nach Landesgesetzen gültig seien.

Russland schickt Hilfsgüter

Die Polizei und bewaffnete prorussische Separatisten patrouillierten verstärkt, um die Stimmabgabe zu ermöglichen. Nicht überall öffneten die Wahllokale, weil es in einigen Orten zu neuen Kämpfen zwischen Militär und Aufständischen kam, wie Medien berichteten. In Teilen des umkämpften Gebietes haben Regierungstruppen die Kontrolle. Sie ließen - wie auch die Separatisten vor einer Woche bei der ukrainischen Parlamentswahl - keine Abstimmung zu.

Die in die EU strebende ukrainische Führung will eine endgültige Abspaltung der Gebiete verhindern. Auch die EU und die USA erkennen die Wahl nicht an. Dagegen hat Russland gegen internationalen Protest angekündigt, die Ergebnisse anzuerkennen. Das russische Zivilschutzministerium schickte auch am Wahltag einen Lastwagenkonvoi mit Hilfsgütern in das Konfliktgebiet, darunter Lebensmittel und Medikamente. Die rund 1000 Tonnen Fracht aus den 50 Lkw wurden in Donezk und Lugansk verteilt. Es war bereits die fünfte Lieferung dieser Art.

Geheimdienst leitet Strafverfahren ein

Der ukrainische Geheimdienst leitete ein Strafverfahren "wegen des Versuchs der Eroberung der Staatsmacht" gegen die Aufständischen ein. Darauf stehen bis zu zehn Jahre Gefängnis, wie Geheimdienstsprecher Markian Lubkiwski mitteilte. Nach ihrem Sieg bei der Parlamentswahl hatten die proeuropäischen Kräfte um Präsident Petro Poroschenko und Regierungschef Arseni Jazenjuk die Separatistenwahl als verfassungswidrig kritisiert.

Die von Russland unterstützten Aufständischen hingegen wollen mit der Abstimmung ihre Unabhängigkeitsbestrebungen untermauern. "Ich habe für Frieden, Glück und Gerechtigkeit gestimmt", sagte der Donezker "Republikchef" Alexander Sachartschenko bei der Stimmabgabe. Er will sich durch die Wahl legitimieren lassen. "Mit dem heutigen Tag ist das Land in verlässlichen Händen", betonte Sachartschenko, der von schwer bewaffneten Uniformierten bewacht wurde. Zugleich erklärte er sich zu neuen Gesprächen mit der Regierung in Kiew bereit.

Wahl teilweise verlängert

Die meisten Wahllokale sollten bis 20.00 Uhr Ortszeit (18.00 Uhr MEZ) geöffnet bleiben. Wegen des großen Andrangs wurde allerdings im Gebiet Lugansk die Stimmabgabe um zwei Stunden verlängert - bis 22.00 Uhr Ortszeit (20.00 Uhr MEZ), wie "Wahlleiter" Sergej Kosjakow sagte. Die Aufständischen in der Region Lugansk hatten insgesamt eine Million Wahlzettel drucken lassen. In Donezk gaben die prorussischen Kräfte die Zahl der Wahlberechtigten mit 3,2 Millionen Menschen an. Die genaue Zahl der Stimmberechtigten war allerdings unklar, weil in den vergangenen Monaten Hunderttausende aus der Krisenregion geflüchtet sind. Russland ließ in einigen Flüchtlingslagern eine Abstimmung zu.

100 Abgeordnete sollen in den "Volksrat" der Republik Donezk und 50 in den "Volksrat" von Lugansk gewählt werden. Die "Republikchefs" sollen bereits am 4. November in ihre Ämter eingeführt werden. Bei dem blutigen Konflikt in der Ostukraine kamen seit April Schätzungen zufolge rund 4000 Menschen ums Leben. Ukrainische Sicherheitskräfte warfen Russland auch am Wahltag vor, den Separatisten militärisch zu helfen. "Die intensive Verlegung von Militärtechnik und Soldaten des Gegners vom Territorium der Russischen Föderation setzt sich fort", sagte der Sprecher des Sicherheitsrats, Andrej Lyssenko. Details nannte er nicht. Seit Anfang September gilt in der Ostukraine eine brüchige Waffenruhe.

Anmerkung:

Der Journalist Shaun Walker, Moskau-Korrespondent für den Guardian und zurzeit in der Ostukraine, stellte via Twitter fest: "Enorme Mengen an Wählern in Ilowaisk. Nur drei Wahllokale offen, aber dennoch viel Aktivität."

Der Moskau-Korrespondent des Daily Telegraph, Roland Oliphant, ebenfalls vor Ort, twitterte:"Starobeshevo hat was von einer Geisterstadt zurzeit, aber dennoch gibt es hier einen ständigen Strom an Wählern."

Christopher Miller, Korrespondent für das Online-Newsportal Mashable und auch zurzeit im Konfliktgebiet, postet via Twitter: "Wähler in Ilowaisk in der Schule Nr. 12 registrieren sich und erhalten Care-Pakete mit Gemüse! Die Leute sagen, die Wahlbeteiligung sei höher als beim Referendum."

Finn Rütten mit Material von DPA
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