Sein Attentat auf Papst Johannes Paul II. machte ihn 1981 berühmt-berüchtigt. Am Montag, mehr als 29 Jahre nach dem Verbrechen, ist Ali Agca in der Türkei freigelassen worden. Jetzt will er vor allem eines: Geld scheffeln. Von Philipp Engel

Will Kasse machen: Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca© DPA
Der Petersplatz in Rom. Es ist der 13. Mai 1981, ein Mittwoch. Johannes Paul II., der polnische Papst, hält eine Generalaudienz. Stehend, in einem weißen Jeep, wird er an den Absperrungen entlanggefahren, hinter denen die Gläubigen ihm entgegenjubeln. Die Pilger strecken dem Papst die Arme entgegen, er schüttelt Hände, ist nahbar, greifbar. Karol Wojtyla ist ein Star zum Anfassen, auch an diesem Tag.
Plötzlich fallen Schüsse, der Pontifex bricht zusammen. Drei Kugeln treffen ihn. Eine an der Hand, eine am Arm. Das dritte Projektil dringt in den Bauch ein, zerstört einige Darmschlingen und tritt nur knapp neben der Wirbelsäule wieder aus. Es ist eine lebensgefährliche Verletzung. Der weiße Jeep nimmt Fahrt auf, Personenschützer machen den Weg frei, das Auto rast davon. Man bringt den Papst in das Gemelli-Krankenhaus. Auf dem Petersplatz bleiben fassungslose Menschen zurück, viele weinen. Der Papst schwebt in Lebensgefahr.
Der Attentäter wird sofort gefasst und der Öffentlichkeit präsentiert. Es ist Mehmet Ali Agca, ein junger, schmächtiger Türke. Er sieht verängstigt aus, braune Augen, ein Jungengesicht mit Drei-Tage-Bart. Auf den ersten Blick wirkt er unbedarft, beeinflussbar, fast naiv. Sein Prozess beginnt nur etwas mehr als zwei Monate nach dem Attentat, am 20. Juli 1981. Er dauert drei Tage, das Urteil: lebenslänglich. Der Papst überlebt, aber die Tat wird dennoch Agcas Leben prägen, sie macht ihn berühmt.
An diesem Montag nun ist Ali Agca freigelassen worden. Entlassen aus einem Gefängnis in der Nähe von Ankara. Nach insgesamt 29 Jahren Haft, zu denen seine ursprünglich lebenslängliche Strafe letztlich revidiert worden waren.
Das Attentat auf den Papst war ein Paukenschlag, politisch hoch brisant. 1981, das war die Zeit des Kalten Krieges. In den USA war Ronald Reagan an der Macht, in der Sowjetunion Leonid Breschnew. Es war aber auch die Zeit, in der sich im damaligen Ostblock Risse auftaten, vor allem in Polen mit seiner widerspenstigen Gewerkschaft Solidarnoc. Dass ein Pole, noch dazu ein Kritiker des Regimes in Warschau, Papst wurde, war damals ein Politikum, keine Nebensache. Und Karol Wojtyla, Johannes Paul II., war ein selbstbewusster, ein unerschrockener Anwalt der Menschenrechte. Schützend hielt er seine Hand über jene Menschen, die an den Mauern rüttelten, die der Kalte Krieg hatte entstehen lassen. Die Schüsse des jungen Türken schienen diesem Aufbruch ein jähes Ende zu setzen.
Um die Hintergründe der Tat ranken sich auch wegen der Bedeutung des Papstes unzählige Mythen und Verschwörungstheorien, ob der Täter alleine handelte oder Komplizen hatte, konnte nie geklärt werden. Agca selbst befeuerte, bewusst oder unbewusst, die Spekulationen - auch mit Aussagen, die den Eindruck erwecken, er sei nur ein Wirrkopf. "Ich bin die Reinkarnation Jesu Christi", sagt er einmal. Ein andermal stellt er sich als Terrorist dar, dann rechtfertigt er seine Tat wiederum mit seinem muslimischen Hintergrund und sagt: "Ich habe auf den Papst geschossen, um gegen den Imperialismus der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten (...) zu protestieren." Er sei "unbewusstes Instrument", "Atheist" oder schlicht "ein Schauspieler, der in die Rolle des Mörders geschlüpft ist". Später ruft er Journalisten zu, der bulgarische Geheimdienst habe den Anschlag organisiert. Schon in dem dreitägigen Prozess nach dem Attentat ruiniert Agca seine Glaubwürdigkeit nachhaltig. Belege für eine der Theorien gibt es keine, allerhöchstens Indizien.