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21. April 2005, 15:39 Uhr

"Es war praktisch ein Volksbeschluss"

Verschwiegenheit zählt wohl doch nicht zu den Kardinalstugenden. Wie jetzt über einige Purpurträger an die Öffentlichkeit dringt, soll Ratzinger fast alle Stimmen bei der Papstwahl erhalten haben.

Der neue Papst Benedikt XVI. erfreut sich großer Beliebtheit in Rom© DPA

Zwei Tage nach seiner Wahl wurde bekannt, dass Ratzinger im entscheidenden Wahlgang 100 der insgesamt 115 Kardinals-Stimmen erhalten hat. "Es war praktisch ein Volksbeschluss", berichtete die römische Zeitung "La Repubblica" unter Berufung auf mehrere Kardinäle.

Am Ende des Konklaves habe es in der Sixtinischen Kapelle dramatische Augenblicke gegeben, Ratzinger habe nicht sofort "Ja" gesagt. "Alle applaudierten, aber er hielt den Kopf gesenkt. Ich glaube, er betete", sagte ein Kardinal. Nach Ratzingers Zustimmung stießen die Purpurträger mit Champagner an - und die Stimmung habe sich gelöst.

Ratzinger hat am Donnerstag bereits erste wichtige Personalentscheidungen getroffen. Benedikt XVI. bestätigte die Kardinäle an der Spitze der Kurie in ihren Ämtern. Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano bleibt "Ministerpräsident" des Vatikans, alter und neuer "Außenminister" ist Erzbischof Giovanni Lajolo, "Innenminister" bleibt Erzbischof Leonardo Sandri. Sodano gehörte selbst zu den "papabile", den Papst-Kandidaten.

Wer wird Ratzingers Nachfolger?

Mit Spannung wird nun erwartet, wer die Position Joseph Ratzingers an der Spitze der mächtigen Glaubenskongregation übernimmt. Mit dem Tod von Johannes Paul II. waren die "Minister" automatisch zurückgetreten. Vatikanexperten werteten die rasche Personalentscheidung Ratzingers als Zeichen der Kontinuität. "Die dringlichen Dinge hat er gleich in die Hand genommen."

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn sagte, Ratzinger sei weise, einfach und menschlich. "Er hat einen klaren Blick für Probleme und die Herausforderungen der Zukunft", sagte Schönborn.

Unterdessen laufen die Vorbereitungen auf die feierliche Messe zur Amtseinführung des Papstes am Sonntag auf Hochtouren. Zu der Zeremonie auf dem Petersplatz werden hunderttausende Menschen erwartet. Aus Deutschland wollen Bundespräsident Horst Köhler und Kanzler Gerhard Schröder kommen. Vorgesehen sind ähnlich scharfe Sicherheitsmaßnahmen wie bei der Beerdigung von Johannes Paul II. am 8. April.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, zeigte sich überzeugt, dass Ratzinger bei seiner Amtseinführung "noch mal etwas von diesem durchaus mit Visionen ausgestatteten Programm" erkennen lasse werde. Ratzinger habe von Anfang an zu den Wegbereitern des reformorientierten Zweiten Vatikanischen Konzils gehört, das er als Benedikt XVI. nun weiter umsetzen wolle.

Als nächste Schritte plant der Papst an diesem Freitag ein Treffen mit allen in Rom versammelten Kardinälen und am Samstag eine Begegnung mit mehreren tausend Journalisten, die derzeit aus dem Vatikan berichten.

Bad in der Menge kam völlig überraschend

Völlig überraschend und gegen alle Regeln des päpstlichen Protokolls hatte sich Ratzinger am Mittwoch vor seiner bisherigen Wohnung in der Nähe des Vatikans den Menschen auf der Straße gezeigt. Im weißen Papstgewand ging er auf die Menschen zu und sprach mit ihnen, bevor er in einen wartenden Wagen stieg. Ein solches "Bad in der Menge" bereits einen Tag nach der Papstwahl habe es in der jüngeren Geschichte noch nicht gegeben, berichteten italienische Zeitungen. Benedikt XVI. war am Dienstagabend im Konklave zum Nachfolger von Johannes Paul II. gewählt worden. Bislang wohnte Ratzinger als Kurienkardinal außerhalb der Vatikanmauern im malerischen Stadtteil Borgo. In die Papstwohnung hoch über dem Petersplatz kann er vorerst nicht einziehen. Die Gemächer würden noch renoviert, es seien Vatikan-Techniker am Werk, hieß es.

DPA
 
 
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