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30. Januar 2007, 14:55 Uhr

Ökologie fährt vor

Als Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt ihren Dienstwagen orderte, waren deutsche Autohersteller nur zweite Wahl. Sie genügten nicht den ökologischen Ansprüchen der Politikerin. Nun hat sie einen Nachahmer - in direkter Nachbarschaft des Daimler-Stammwerkes. Von Mathias Rittgerott

Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Trendsetterin: Katrin Göring-Eckardt© Michael Kappeler/DDP

Boris Palmer lacht sich ins Fäustchen. "Klar, das ist eine gezielte Provokation", sagt Tübingens grüner Oberbürgermeister. Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Katrin Göring-Eckardt, staunt über ihren Parteifreund: "Was er getan hat! In Sichtweite vom Daimler!" Palmers Tat? Der im Dezember gewählte OB weigert sich, einen Dienstwagen von Daimler zu fahren. Stattdessen hat er einen Toyota bestellt.

"Als schwäbischer Oberbürgermeister würde ich gern ein schwäbisches Auto fahren. Das kann ich aber nicht mit gutem Gewissen!", sagt Palmer. Für ihn sei "entscheidend, was aus dem Auspuff kommt. Ich habe mich auf dem Markt umgeschaut, welches Modell am umweltfreundlichsten ist. Und da war der Toyota unschlagbar." 105 Gramm CO2 je Kilometer, 4,3 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Deutsche Hersteller setzten auf mehr PS, auf mehr Gewicht statt auf weniger Kohlendioxid-Ausstoß, so sein Befund.

Palmer bevorzugt die Hybrid-Technologie, also die Kombination aus Benzin- und Elektromotor. "Diese Technologie bieten leider nur die Japaner, die deutschen Hersteller haben sie verschlafen."

"Fahrlässige Diskriminierung des Standorts Deutschland"

Kaum hatte der Rathauschef seine Absage an Daimler publik gemacht, hagelte es im beschaulichen Tübingen, einem Mekka für Fahrradfahrer, Kritik. Ein Dienstwagen der Mittelklasse wird dem Oberbürgermeister neidlos zugestanden, auch Palmer bekundet selbstbewusst, er wolle "eine Limousine fahren, die den Ansprüchen eines Oberbürgermeisters gerecht wird." Sympathien büßt der junge Rathauschef allerdings ein, weil er Arbeitsplätze gefährde. Von "fahrlässiger Diskriminierung des Standorts Deutschland" ist in Leserbriefen im "Schwäbischen Tagblatt" die Rede. Ein Bürger rechnet vor, dass Palmer in seinem Auto wegen des schweren Hybridmotors nur noch 325 Kilo zuladen könne, im Passat Diesel seien 608 Kilo möglich.

Andere Leserbriefschreiber "beglückwünschen" Palmer zu seiner Entscheidung, rügen die deutschen Konzerne, in denen "überbezahlte Manager die Zukunft verschlafen" und "Hunderttausende von Arbeitsplätzen gefährden und vernichten".

Was OB Palmer in der schwäbischen Provinz treibt, hat auch in Berlin eine Parallele. Katrin Göring-Eckardt fährt als einziges Mitglied des Parlamentspräsidiums keinen deutschen Dienstwagen, sondern ebenfalls einen Toyota mit Hybridantrieb, ebenfalls aus Umweltgründen - und auch sie muss Kritik dafür einstecken. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer teilte ihr via "Bild am Sonntag" mit: "Eine Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages sollte einen deutschen Dienstwagen fahren." Sein Parteifreund Ernst Hinken wies im selben Blatt darauf hin, der Wagen werde schließlich vom "deutschen Steuerzahler" bezahlt und solle zudem "Werbung für Deutschland" sein.

Deutsche Hersteller ohne Hybrid-Fahrzeuge

Göring-Eckardt lässt die Kritik nicht gelten: "Ich würde gern ein deutsches Auto fahren, beim CO2-Austoß gibt es aber nichts vergleichbares zum Toyota", sagte sie stern.de. Kein deutscher Hersteller führe ein Hybrid-Fahrzeug in seiner Produktpalette.

"Wenn die deutsche Industrie diese zukunftsweisende Technologie verschläft, gefährdet sie Arbeitsplätze und schädigt die Umwelt", unterstreicht Göring-Eckardt. In einem Brief an ihre Kritiker aus dem Bundestag schreibt sie, sie halte es für "unverzichtbar, den öffentlichen Druck auf die deutschen Hersteller zu verstärken." Eine Rückkehr zu Daimler, BMW und Co schließt die Grünenpolitikerin nicht aus. Leider sei ein umweltfreundliches Spitzenprodukt aus deutscher Fabrikation "nicht in Sicht".

Von Mathias Rittgerott
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
dachauerthomas (31.01.2007, 00:22 Uhr)
Hybridautos
Da sind Sie auch der Toyota-Werbung und der Zyklustrikserei aufgesessen.
Unbestritten ist, dass sie sogenannten Hybridautos einen Teil der Bremsenergie zurückgewinnen, in Akkus speichern und wieder zum Fahren einsetzen können, allerdings leider mit einem Gesamtwirkungsgrad deutlich unter 50%. Den Hauptanteil des (im Zyklus und im gemächlichen Stadtverkehr) geringen Verbrauchs liegt in der Abschaltung des Motors im Stand (werden demnächst auch europäische Hersteller in breiter Front anbieten, nicht nur in einem Nischenmodell) sowie durch das stufenlose Getriebe (wurden bei europäischen Herstellern durch den Kunden gemieden, aber jetzt heißt es ja Hybrid und ist hip) erzielt. Nicht beachtet ist das Mehrgewicht durch den großen Akku sowie die beiden Elektromotoren, sowie die Ökobilanz für deren Herstellung. Ökologisch sinnvoller war in jeder Hinsicht der, leider am Markt, den Autojournalisten und an seinem Preis gescheiterte 3l-Lupo gewesen. Aber der wurde ja auch nicht vom noch zweitgrößten, bald größen Automobilkonzern mit aller Markt- und besonders in den USA auch Lobbygewalt auf den Markt gepresst. Was die Hybridautos so interessant macht, ist das ökologische Mäntelschen, das um die hybridisierten dicken Brummer gelegt wird, damit sich die Reichen im Hollywood was Besonderes auf den Bürgersteig parken können. Es ist einfach die (verlogene) Illusion vom Rasen ohne Reue die hier erfolgreich vermarktet wird.
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