8. August 2012, 14:28 Uhr

Pussy-Riot-Musikerin vergleicht Prozess mit Stalin-Zeit

Am 17. August soll das Urteil gegen die Mitglieder der Punkband Pussy Riot in Russland verkündet werden. Eine der Angeklagten übte im Gerichtssaal scharfe Kritik an dem Verfahren.

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Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch (v.l.n.r.) im Glaskasten im Gerichtssaal©

Vor dem für Ende kommender Woche erwarteten Urteil gegen die russische Punkband Pussy Riot hat die angeklagte Sängerin Nadeschda Tolokonnikowa den Prozess mit der Stalin-Zeit verglichen. Das Verfahren sei eine "politische Unterdrückungsanordnung", sagte sie in ihrer Schlusserklärung. Das Gericht setzte als Termin für die Urteilsverkündung den 17. August fest. Die internationale Unterstützung für Pussy Riot wächst.

"Während des gesamten Verfahrens wurde uns nicht zugehört", beklagte die 22-jährige Tolokonnikowa aus einem Glaskasten heraus, in dem die Frauen im Gerichtssaal saßen. Der Prozess sei vergleichbar mit den berüchtigten Schnellverfahren zur Zeit des sowjetischen Diktators Josef Stalin. "Unser Platz ist in Freiheit und nicht hinter Gittern", sagte sie. "Pussy Riot sind die Schüler und Nachfahren der Dissidenten." Gleichzeitig sagte die Angeklagte den "Kollaps dieses politischen Systems" voraus.

Anklage wegen "Rowdytum"

Tolokonnikowa sowie der 24-jährigen Maria Alechina und der 29-jährigen Jekaterina Samuzewitsch wird "Rowdytum" vorgeworfen. Sie waren im Februar in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zum Altar gestürmt und hatten ein "Punkgebet" gerufen. Mit ihrem Auftritt kurz vor der Präsidentenwahl protestierten sie gegen Russlands heutigen Staatschef Wladimir Putin und kritisierten dessen Beziehungen zur mächtigen russisch-orthodoxen Kirche.

Auf "Rowdytum" stehen in Russland bis zu sieben Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte am Dienstag jeweils drei Jahre gefordert und den Frauen auch "Anstachelung zu religiösem Hass" vorgeworfen. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Am Mittwoch sagte Richterin Marina Syrowa, das Urteil werde am Nachmittag des 17. August verlesen.

Umstrittener Prozess

Eine Anwältin der Angeklagten, Violetta Wolkowa, sagte vor Gericht, wenn ihre Mandantinnen wirklich zu Haftstrafen verurteilt würden, dann hätten die russischen Behörden "ihre Entscheidung gefällt". "Das würde bedeuten, dass sich die Behörden für den Weg der Diktatur entschieden haben." Ein ranghoher Duma-Abgeordneter rechnete der Zeitung "Nesawisimaja Gaseta" zufolge indes mit einer Strafe unterhalb des geforderten Strafmaßes, jedoch nicht mit einer sofortigen Freilassung. "Sonst würde sich ja die Frage stellen, weshalb sie überhaupt inhaftiert wurden", zitierte die Zeitung die Quelle.

Der Prozess ist in Russland und im Ausland umstritten und gilt als politisch motiviert. Nachdem bereits Popstar Madonna Freiheit für die Band gefordert hatte, forderte John Lennons Witwe Yoko Ono Putin auf, alles für die Freilassung der Frauen zu tun. "Herr Putin, Sie sind ein kluger Mann, Sie müssen nicht gegen Musiker und deren Freunde kämpfen", schrieb sie in dem Internetdienst Twitter. "Lassen Sie in den Gefängnissen noch Platz für wahre Kriminelle." Auch Tschechiens Außenminister Karel Schwarzenberg sagte Pussy Riot laut der Zeitung "Kommersant" seine Unterstützung zu.

Der Vize-Sprecher der Bundesregierung, Georg Streiter, sagte in Berlin, der Prozess und das geforderte Strafmaß würden "mit Sorge betrachtet". In einem Brief an den russischen Botschafter in Berlin, Wladimir Grinin, hatten bereits am Dienstag 121 Bundestagsabgeordnete aller Parteien schwere Vorwürfe gegen die russische Justiz erhoben und die Strafandrohung als "drakonisch" bezeichnet.

hw/AFP
 
 
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