Aussterben abgesagt

27. November 2012, 19:40 Uhr

Das Innenministerium zeichnet einen Essay von Wolfgang Gründinger beim Wettbewerb "Chance Demografie" aus. Er warnt vor "Methusalem-Panik": Der Wandel sei vielmehr eine Chance, die es zu nutzen gilt.

Große Freiheit, Körber Stiftung, Wolfgang Gründinger

Beim Wettbewerb "Chance Demografie" des Bundesinnenministeriums belegte der Text von Wolfgang Gründiger den ersten Platz in der Kategorie "Essay/Reportage".©

Der demografische Wandel birgt Handlungsspielräume für Jung und Alt – und ist ein Vorteil für die ganze Gesellschaft. Das meint Staatssekretär Klaus-Dieter Fritsche vom Bundesministerium des Inneren. Ende November zeichnete er 15 Preisträgerinnen und Preisträger des Studierenden-Wettbewerbs 2012 "Chance Demografie" aus. "Mit ihren Beiträgen und kreativen Ideen beleuchten sie das Thema Demografie aus anderen Perspektiven und zeigen, dass jeder Wandel die Möglichkeit zum Um- und Neudenken mit sich bringt", so Fritsche.

Seit 1999 schreibt das Bundesinnenministerium den Wettbewerb zu aktuellen Fragen der Innenpolitik aus. Preisträger in der Kategorie "Essay/Reportage" ist Wolfang Gründinger. Der 28-jährige Sozialwissenschaftler warnt vor "Methusalem-Panik": Der demografische Wandel bringe viele Vorteile mit sich – zum Beispiel durch die Entlastung des Arbeitsmarkts und bessere Bildungschancen. Voraussetzung sei jedoch, dass Alt und Jung den Wandel gemeinsam gestalten.

Lesen Sie hier den vollständigen Essay:

Der Krieg der Generationen lauert in jedem Bücherregal. Wer etwa den Bestseller Das Methusalem-Komplott von Frank Schirrmacher liest, muss aufpassen, nicht in Depressionen zu verfallen. "Das Alter wirft seine Schatten schon auf die 30-Jährigen, und es vermummt manche 40-Jährigen mit Melancholie und Traurigkeit", steht dort gedruckt.

In der Tat gibt es in meinem Freundeskreis das Phänomen der Quarterlife Crisis. Wer 30 wird, den befällt die Panik. Aus lauter Angst, etwas zu verpassen, beendet man die Beziehung zum Partner, den man eigentlich heiraten wollte, heiratet dann jemand völlig anderen, schmeißt den Job hin, bekommt schnell ein Kind, oder macht einen Salsa-Tanzkurs – oder alles zusammen.

Deutschland - grässlich und grau?

Dem Methusalem-Propheten Schirrmacher aber geht es um mehr als die Sinnkrise der Mittdreißiger. Für ihn steht die Zukunft der Republik auf dem Spiel. Das Altern der Bevölkerung, warnt er, beschwöre eine Katastrophe herauf, einen "lautlosen Krieg", der die gesellschaftlichen Grundfesten erschüttere. Es drohe ein Kampf der Generationen um leere Rentenkassen, um Pfründe, Posten und Parkbänke.

Leere Wiegen, volle Pflegeheime – alles ist grässlich und grau im Deutschland der Zukunft, so die gängigen Prophezeiungen. Horrorszenarien vom "Land ohne Lachen" und vom "Raum ohne Volk" machen die Runde.

Medial aufgeblähte Hysterie

Bisweilen nimmt die Methusalem-Panik selbst bei Lappalien kein Ende. In ihrem Demografie-Bericht warnt die brandenburgische Landesregierung, die Sportvereine bekämen "existenzielle Probleme" wegen fehlendem Nachwuchs, und die Kirchen müssten ihre Seelsorge mangels Nachfrage ausdünnen. In der medial aufgeblähten Hysterie wurde selbst die Alterung der deutschen Hundepopulation zum Problemthema hochstilisiert, schwarz auf weiß in der Süddeutschen Zeitung. Damit dürfte der skurrile Höhepunkt der katastrophistischen Berichterstattung erreicht sein.

Die Demografie wird als bedrohliches Zahlentableau wahrgenommen, als Problem, das es zu bekämpfen, nicht als Wandel, den es zu gestalten gilt, geschweige denn als Chance, die es nutzen gilt. "Es gibt in Deutschland zu viel Angst und zu wenig Hoffnung", meint Prof. James W. Vaupel, Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, und rät zu mehr Gelassenheit.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Die demografische Zeitbombe"

Der Autor

Der Autor Der Politik- und Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger, geboren 1984, lebt in Berlin. Er ist Mitglied im Think Tank 30 des Club of Rome und Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Gründingers Engagement für Generationengerechtigkeit wurde vielfach ausgezeichnet. Seine neueste Publikation “Wir Zukunftssucher" ist in der edition Körber-Stiftung erschienen.

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